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Viele Lebensmittel, die im Müll landen, sind noch genießbar.

Elisabeth beugt sich über den Rand einer Mülltonne, die im Hinterhof eines Lüneburger Supermarkts steht. Es ist 22 Uhr und der Laden hat bereits geschlossen. In einer Hand hält sie eine kleine Taschenlampe, während sie mit der anderen den Müll durchwühlt. Der Geruch von verdorbenen Lebensmitteln macht sich breit. „Ich finde es nicht gut, dass Supermärkte so viele Lebensmittel wegschmeißen, deshalb gehe ich containern“, erzählt die 24-jährige Doktorandin. „Vieles von dem, was im Müll landet, ist noch genießbar.“

Nacheinander holt Elisabeth Sojasprossen, einen Salatkopf, eine Gurke, Pilze, Brokkoli und drei abgelaufene Kaffeemischgetränke aus der Mülltonne. Während sie die Lebensmittel in ihrem Rucksack verstaut, wartet ihr Freund Richard einige Meter weiter und passt auf, dass niemand kommt. Denn Containern ist in Deutschland strafbar: Wer dabei erwischt wird, muss mit einer Anzeige wegen Diebstahl, Hausfriedensbruch oder Sachbeschädigung rechnen. „Wenn jetzt jemand kommen würde, hätte ich schon ein bisschen Angst“, sagt Elisabeth, „aber vom Containern hält mich das nicht ab.“

Zu Hause in der Küche des Paares räumt Elisabeth alle Lebensmittel aus dem Rucksack in die Spüle: „Es wird erstmal alles sortiert, vielleicht hat man doch etwas übersehen, was nicht mehr gut ist.” Anschließend werden die Lebensmittel mit kochendem Wasser abgewaschen, um Bakterien abzutöten. Vom Durchsuchen der Mülltonnen bis zum Sortieren und Abwaschen könnten gut drei Stunden vergehen, erzählt Elisabeth: „Containern ist aufwändiger, als nur mal schnell zum Einkaufen in den Supermarkt zu gehen. Ich muss jetzt auch erstmal meine Jacke und meinen Rucksack waschen, weil alles stinkt.“

Containern: Eine Lebenseinstellung

Auch in Hamburg gehen Menschen containern. Über die Facebook-Gruppe „Containern in Hamburg“ teilen sie Tipps, welche Supermarkttonnen gut zugänglich sind, und verabreden sich. Inzwischen hat die Gruppe über 2.000 Mitglieder. Eine von ihnen ist die Studentin Marie*. Das erste Mal war sie vor zwei Jahren mit einer Freundin containern. „Ich wundere mich jedes Mal beim Containern, wie viele Lebensmittel weggeschmissen werden, die noch gut sind. Man findet echt alles, von Nudeln über Wein, Süßigkeiten bis hin zu Obst und Gemüse“, erzählt sie.

Auch die Hamburgerin Christine Maciejewski ist überzeugt vom Containern. Seit fünf Jahren engagiert sie sich außerdem für den Verein Foodsharing. Als Lebensmittelretterin holt sie im Auftrag von Foodsharing regelmäßig Lebensmittel, die sonst in die Tonne wandern würden, von Supermärkten ab. „Unser Ziel ist es, dass sich Foodsharing dadurch irgendwann selbst überflüssig macht, dass es keine Lebensmittelreste mehr gibt, die gerettet werden müssten“, erklärt sie.

Foodsharing kooperiert deutschlandweit mit Restaurants und Supermarktketten, wie zum Beispiel Kaufland, die Bio Company und denn‘s. Dabei stehe Foodsharing nicht in Konkurrenz zu anderen Organisationen wie zum Beispiel der Hamburger Tafel, die Lebensmittel an Bedürftige ausgibt, erläutert Maciejewski: „Wir holen das ab, was die Tafel nicht annehmen kann, also zum Beispiel Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist.“ Aber die Kapazitäten von Foodsharing sind begrenzt, der Verein ist auf das Engagement Freiwilliger angewiesen, die die Lebensmittel regelmäßig von den Supermärkten abholen. Das Ziel von Foodsharing, dass Supermärkte kaum mehr Lebensmittelabfälle produzieren, ist noch lange nicht erreicht. Deshalb erklärt Maciejewski: „Ich glaube, wenn man Lebensmittelretter ist, ist man das durch und durch. Und wenn ich weiß, dass bei dem Supermarkt um die Ecke immer noch Sachen in der Tonne landen, dann gehe ich eben containern.“

Als Lebensmittelretterin steht Christine Maciejewski im direkten Kontakt mit den Supermarktfilialen und sieht, wie viele Lebensmittel täglich vom Supermarkt aussortiert werden. Ihrer Meinung nach müssten die Supermärkte anders kalkulieren: „Wenn ich nach Ostern bei einem Unternehmen mehr als 100 Kilogramm Schokolade abhole, dann frage ich mich, warum habt ihr soviel eingekauft?“. Aber auch bei den Verbrauchern müsse sich etwas ändern, sagt die Lebensmittelretterin: „Heutzutage ist alles immer verfügbar, ich kann zum Beispiel selbst im Dezember Spargel kaufen. Ich glaube, dass man dadurch die Wertschätzung für Lebensmittel verliert.“

Konsum im Überfluss

So tragen Verbraucher einen nicht unerheblichen Teil zur Lebensmittelverschwendung bei. Forscher der Universität Stuttgart fanden 2012 heraus, dass Privathaushalte mit 61 Prozent für den größten Teil der weggeworfenen Lebensmittel in Deutschland verantwortlich sind. In einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung von 2017 wurde außerdem berechnet, dass jeder Haushalt pro Jahr durchschnittlich 48 Kilogramm Lebensmittelabfälle produziert, wovon die Hälfte Obst und Gemüse ist. Eine repräsentative Umfrage des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz von 2011 kommt zu dem Ergebnis, dass Lebensmittel besonders häufig von der Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen sowie von Menschen mit besserer Bildung und höherem Einkommen weggeworfen werden. Als häufigsten Grund gaben die Befragten an, dass die Lebensmittel verdorben waren oder dass das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen war.

Verlass auf die eigenen Sinne

An diesem Punkt versucht die Verbraucherzentrale Hamburg anzusetzen. Sie will die Verbraucher aufklären, dass viele Lebensmittel auch nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums noch genießbar sind. Silke Schwartau, Leiterin der Abteilung Lebensmittel und Ernährung, rät Verbrauchern, mehr auf die eigenen Sinne als auf das Mindesthaltbarkeitsdatum zu achten: „Am besten prüft man mit Augen, Nase und Mund, ob ein Lebensmittel noch essbar ist.“ Gerade Milchprodukte wie Joghurt und Quark könne man ohne Bedenken auch noch nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums essen. Aber auch Obst und Gemüse würden häufig zu früh weggeworfen. Schwartau berichtet, dass die Verbraucherzentrale außerdem versuche, die Supermarktketten in die Pflicht zu nehmen: „Auch dort werden viel zu viele Lebensmittel weggeschmissen. Einige Lebensmittelketten engagieren sich schon, indem sie zum Beispiel die Tafeln beliefern oder Lebensmittel, die kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums stehen, 30 Prozent billiger anbieten.“

Eine Patentlösung gegen die Verschwendung von Lebensmitteln gebe es nicht. „Man muss verschiedene Stellschrauben bewegen“, sagt die Verbraucherschützerin. Formen des Engagements wie Foodsharing und Containern seien unterstützenswert, aber auch der Staat sei in der Verantwortung, etwas gegen die Lebensmittelverschwendung zu tun. Schwartaus Fazit lautet: „Die Politik muss da noch stärker durchgreifen und ein Verbot wie in Frankreich wäre sicher auch beispielhaft.“ Seit 2015 gibt es in Frankreich nämlich ein Gesetz zur Bekämpfung der Lebensmittelverschwendung. Demnach sind Supermärkte ab einer Größe von 400 Quadratmetern dazu verpflichtet, übriggebliebene Lebensmittel an gemeinnützige Organisationen zu spenden.

Containern als politische Protestaktion

Die Soziologin Pamela Kerschke-Risch forscht an der Universität Hamburg zu Grüner Kriminologie und untersucht in diesem Rahmen Delikte, die zu Umweltschäden führen, wie zum Beispiel Umweltverschmutzung oder Wirtschaftskriminalität. Auch mit dem Containern hat sie sich bereits befasst. „Es ist schon so, dass in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein dafür da ist, dass zu viele Lebensmittel weggeschmissen werden“, berichtet die Soziologin. Zur Motivation von Menschen, die containern, sagt sie: „Containerer machen das nicht in erster Linie aus Armutsgründen, sondern um ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft zu setzen. Aber auch kapitalismuskritische Gründe können dabei eine Rolle spielen.“

Wird Containern bald legal?

Doch rechtlich gilt das Containern immer noch als Diebstahl. Hamburgs Justizsenator Till Steffen will das ändern. Auf der Konferenz der Justizminister im vergangenen Juni setzte er sich dafür ein, das Containern zu legalisieren. Doch sein Antrag wurde abgelehnt. „Ich finde diese Entscheidung bedauernswert. In meinen Augen ist das Strafrecht nicht dafür da, Menschen zu maßregeln, die noch brauchbare Lebensmittel aus Müllcontainern retten“, erklärt der Senator und Grünen-Politiker. Auf der Konferenz hatten einige Kritiker angemerkt, dass beim Containern nicht die Sicherheit der Lebensmittel garantiert werden könne. Steffen kann dieses Argument nicht nachvollziehen: „Ich traue den Menschen zu, dass sie selbst entscheiden können, was noch genießbar ist und was nicht. Das macht doch jeder Mensch jeden Tag auch mit den Lebensmitteln in seinem Haushalt.“ Er werde weiter für die Legalisierung des Containerns kämpfen: „Die Debatte wird weitergehen. Parallel gucken wir uns gemeinsam mit der Hamburger Staatsanwaltschaft an, ob wir auch eine kleine Lösung für Hamburg hinbekommen können.“

Containern aus Sicht der Supermärkte

Patrick Krüger leitet einen der Supermärkte, die sich bereits gegen die Lebensmittelverschwendung einsetzen. Er ist Marktleiter der Bio Company-Filiale in der Langen Reihe in Hamburg. Die Bio Company kooperiert bereits seit mehr als sechs Jahren mit Foodsharing. Die Supermarktkette kritisiert zudem das Mindesthaltbarkeitsdatum und bietet ihren Kunden an Unverpacktstationen Getreide, Nüsse und Müsli zum selbst abfüllen an. „Nur was wirklich nicht mehr essbar ist, wandert in den Müll, wie verschimmelte und matschige Lebensmittel. Aber alles andere verteilen wir an die Mitarbeiter und an Foodsharing“, sagt Krüger.

Containern sieht er hingegen kritisch: „Die Ware gehört ja noch jemandem. Man will natürlich, dass so wenig wie möglich weggeschmissen wird, aber ich finde es besser, wenn man das über einen organisierten Rahmen macht.“ Zudem stelle Containern ein gesundheitliches Risiko dar, weil die Containerer nicht einschätzen könnten, ob ein Lebensmittel aus dem Müll noch genießbar sei.

Christine Maciejewski aus Hamburg will weiter containern, auch wenn es illegal ist. „Ich finde es ist ein größeres Verbrechen, Lebensmittel wegzuschmeißen“, sagt sie. „Wenn wir so weitermachen wie jetzt, wird es irgendwann nicht mehr genug Lebensmittel für alle geben.“

*Name von der Redaktion geändert

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