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Journalismus trägt Verantwortung

Symposium
Robin Marwege, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Zertifikatsstudium Nachhaltigkeit und Journalismus (links), im Gespräch mit den zertifizierten Nachhaltigkeitsjournalisten Roy Fabian (mitte) und Christian Wölbert (rechts). (Quelle: Anja Achenbach)

Von Anja Humburg

Eine hochwertige journalistische Berichterstattung über die komplexen Zusammenhänge des Globalen Wandels und gesellschaftliche Transformationen in Richtung Nachhaltigkeit ist heute Mangelware im Mainstream der Medienlandschaft. Guter Nachhaltigkeitsjournalismus hängt von dem persönlichen Einsatz jedes einzelnen Journalisten ab. Um aus dem Einzelkämpfertum herauszuwachsen und Wege zu diskutieren, wie sich qualitativer Nachhaltigkeitsjournalismus stärken lässt, trafen sich rund 60 Journalisten aus der ganzen Republik am 6. und 7. März 2015 an der Leuphana Universität Lüneburg zum Symposium “Nachhaltigkeit.Wandelt.Journalismus”. Eingeladen hatte die Lüneburger Forschungs- und Entwicklungsinititative Nachhaltigkeit und Journalismus. Sie wird gefördert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Das Symposium bildete den Abschluss ihrer dreijährigen wissenschaftlichen und journalistischen Arbeit mit dem Ziel, einen wirksamen Beitrag zur Unterstützung des Nachhaltigkeitsjournalismus in Deutschland zu leisten.

Was kommt nach dem Niedergang?

Das breite Spektrum der Teilnehmer bildete zugleich auch das große Interesse am Symposium ab. Vom Handelsblatt über DIE ZEIT, taz, NDR, Wirtschaftswoche Green bis zur tagesschau waren auch zahlreiche Transformationsmedien und -organisationen wie enorm, klimaretter.info, Positive Daily, Grüner Journalismus, Youthinkgreen, das Institut für Welternährung, das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung und der oekom Verlag vertreten. Das Symposium weckte auch Interesse bei vielen Nachwuchsjournalisten. Nicht zuletzt waren es die Gastvorträge von Dr. Fritz Vorholz (ZEIT, Deutschland), Prof. Dr. Laura Lindenfeld (Universität Maine, USA) und Claus Reitan (freier Journalist, Österreich), die einen konstruktiven Beitrag zur Debatte über Nachhaltigkeitsjournalismus leisteten.

Die Diskussion wurde dabei durchaus kontrovers geführt: Fritz Vorholz zog nach 27 Berufsjahren bei der Wochenzeitung DIE ZEIT eine Bilanz zum Stand des Nachhaltigkeitsjournalismus in Deutschland. Er beschrieb und beklagte zugleich den „Niedergang der journalistischen Bearbeitung der Nachhaltigkeitsthematik im vergangenen Vierteljahrhundert“. Während es nach dem Gipfeltreffen in Rio 1992 eine Blüte nachhaltigkeitsjournalistischer Beiträge gab, wurde diese dann spätestens mit dem Gipfel in Johannesburg im Jahr 2002 welk. Vorholz konstatierte: „Die Nachhaltigkeitsberichterstattung ist inzwischen ziemlich tot, während die Herausforderungen von Rio noch ziemlich lebendig sind.“

Auf die Frage, wie es um die Zukunft des Nachhaltigkeitsjournalismus bestellt sei, sieht Claus Reitan die Zeit gekommen, Nachhaltigkeitsjournalismus wieder zu reüssieren. „So viel an Ansatzpunkten für einen Journalismus, der sich der nachhaltigen Entwicklung verschreibt, war noch nie.“ Und damit meint er zum Beispiel: „Kritischer, unabhängiger, qualitativer Journalismus muss die großen Systeme – Politik, Wirtschaft, Medien – zusammen denken, weil sie steuerungswirksam sind, allerdings nur zusammen genommen.“

Nischenwort „Nachhaltig*“

In den Fokus ihrer Forschung nahm die Initiative Nachhaltigkeit und Journalismus die Entwicklung der journalistischen Berichterstattung über Nachhaltigkeit. Die Ergebnisse der Medienanalyse zeigen, dass der Begriff „nachhaltig*“ in Medien zunehmend verwendet wird. Weiterhin dominiert seine alltagssprachliche Verwendung (z.B. „nachhaltige Note des Weinbrandes“), jedoch nehmen sowohl ein vernetztes Verständnis von Nachhaltigkeit wie auch ein Verständnis, das auf einer der drei Dimensionen abzielt (Ökologie, Soziales, Ökonomie), in journalistischen Texten zu. Dies lässt darauf schließen, dass der Begriff „nachhaltig“ eine zunehmende Schärfung in der gesellschaftlichen Debatte erfährt. Eine quantitative Untersuchung von Begriffsverwendungen über den Zeitraum der letzten 20 Jahre deutet darauf hin, dass der Begriff „nachhaltig*“ nicht in Konkurrenz zu verwandten Begriffen wie Umweltschutz, Klimawandel oder Energiewende steht und nicht durch diese verdrängt wird oder diese selbst verdrängt. Insgesamt bleibt der Nachhaltigkeitsbegriff ein Nischenwort, das sich in etwa ein bis zwei Prozent aller untersuchten Medienbeiträge finden lässt.

Pilotprojekt: Lokaler Nachhaltigkeitsjournalismus

Die Forschung der Initiative Nachhaltigkeit und Journalismus, zu dessen Team Prof. Dr. Gerd Michelsen, Dr. Daniel Fischer, Anja Achenbach, Anja Humburg und Robin Marwege gehören, war von Beginn an eingebettet in den journalistischen Alltag. So konnte ein Pilotprojekt, das lokale Nachhaltigkeitsmagazin für die Region Lüneburg, „Was zählt.“, durch die Initiative initiiert und redaktionell betreut werden. Es erscheint Ende Mai 2015 zum dritten Mal. Die Autoren des Magazins sind zum Großteil Teilnehmer des Zertifikats Nachhaltigkeit und Journalismus, ein einjähriges Weiterbildungsprogramm der Leuphana für Journalisten. In „Was zählt.“ arbeiten sie entlang nachhaltigkeitsjournalistischer Charakteristika wie einem umfassenden Nachhaltigkeitsverständnis, Visionskompetenz, Transdisziplinarität und Partizipation. Das Zertifikat Nachhaltigkeit und Journalismus diente der Initiative zugleich als Fallstudie, um förderliche Bedingungen für die Entwicklung nachhaltigkeitsjournalistischer Kompetenzen zu identifizieren.

Die zweitägige Veranstaltung zum Ende des Lüneburger Forschungs- und Entwicklungsprojektes stellte jedoch nicht nur einen Abschluss dar, sondern beinhaltete auch ein Signal des Aufbruchs: unterstützt von der Initiative gründete sich am Rande des Symposiums das „Netzwerk Weitblick – Verband Journalismus & Nachhaltigkeit“.

Hier geht es zur Initiative Nachhaltigkeit und Journalismus.

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