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Klimabildung – eine reine Zufallsache? Fast. Im Gespräch mit zwei Experten

Von Torsten Schäfer

Der Klimawandel ist ein großes öffentliches Thema geworden; Medien berichten viel darüber und ungezählt sind die Kampagnen und Projekte von Verbänden, Regierungen und Forschungseinrichtungen, um das sperrige Feld anschaulich zu vermitteln. Also müsste doch, so die Schlussfolgerung, auch viel Wissen vermitteln worden und so ein breites öffentliches Klimawissen entstanden sein. Doch der Eindruck täuscht. Denn die Thematik ist noch kein regulärer Inhalt im Schulunterricht. Aber auch an Hochschulen gibt es Vermittlungsdefizite.

„Es gibt an der Oberfläche großes Wissen. Doch sobald es um einzelne Sachthemen geht, herrschen in der Bevölkerung große Lücken“, sagt Professor Udo Kuckartz, Pädagoge an der Universität Marburg. „Wir brauchen neue Modelle der Klimabildung, Ansätze, die aus Umweltwissen Umwelthandeln machen.“

Eine Frage der Didaktik

Damit stellt einer der bekanntesten deutschen Umweltbewusstseinsforscher die zentrale Frage: Wie kann der Klimawandel didaktisch so vermittelt werden, dass klimafreundliches Verhalten entsteht? Dieses Thema beschäftigt derzeit viele Pädagogen und Psychologen weltweit, denn der Klimawandel zählt zu ihren neuen großen Forschungsthemen. Die Forschungen beginnen mit einem ersten Schritt: Herausfinden, welche Modelle der Klimadidaktik bereits im Einsatz sind, und welche sich davon bewährt haben – in der schulischen Bildung, an Hochschulen und in der Weiterbildung.

Gerhard de Haan, Pädagogik-Professor an der FU Berlin, beginnt bei seinen Überlegungen am Ende: bei der Erwachsenenbildung und der beruflichen Weiterbildung. „In diesem Segment gibt es die meisten Angebote.“ De Haan hebt die Wirkung von Stipendien-Programmen hervor, wie sie aktuell etwa die Humboldt-Stiftung an Forscher aus Entwicklungs- und Schwellenländern vergibt, die für ein Jahr an deutschen Hochschulen in und Klima- und Energieprojekten arbeiten.

„Solche Ansätze sind besonders wirksam, weil sie auf Multiplikatoren abzielen und auf der Wirtschaftsseite ansetzen. Stiftungen, Unternehmen und Regierungen sollten Stipendien-Angebote deutlich ausbauen“, sagt er. Es gibt solche Angebote immer wieder, oft von großen Konzernen. „Da ist viel geschehen“, sagt Udo Kuckartz. Oder von staatlicher Seite wie etwa in Dänemark: Anlässlich der Klimakonferenz in Kopenhagen warb die Regierung 2009 mit Klimastipendien für ausländische Studierende – in Studiengängen wie Windenergie-Technik, Umweltingenieurswesen oder Umweltchemie.

Neue Studiengänge oft mit technischem Schwerpunkt

Das Beispiel bestätigt eine Beobachtung, die Kuckartz in der Bildungslandschaft ausgemacht hat: In den vergangenen zehn Jahren sind viele neue Umweltstudiengänge entstanden, die oft Klima- und Energiethemen behandeln. „Allerdings handelt es sich hierbei fast immer um naturwissenschaftliche Studiengänge oder Umwelt-Management-Programme. Angebote mit gesellschaftlichen Inhalten gibt es zu wenige.“ Studiengänge wie „Umwelt und Bildung“ an der Universität Rostock oder „Zukunftsforschung“ an der FU Berlin stellen Ausnahmen dar.

Defizite gibt es auch an den Schulen, wie Gerhard de Haan erklärt: Klimabildung spiele vor allem im Fach Geografie eine Rolle, „das aber zunehmend an den Rand gedrängt wird“. In anderen Fächern wie etwa Biologie, Politik oder Gemeinschaftskunde ist der Klimawandel keineswegs ein Pflichtinhalt. Dies liegt einerseits am deutschen Föderalismus, in dem die 16 Bundesländer die Unterrichtsinhalte festlegen. Ein anderer Grund sind die Inhalte der Lehrerausbildung an den Universitäten: Auch hier bleibt es den Berichten der Fachleute zufolge dem Zufall überlassen, ob sich ein angehender Lehrer mit Klimathemen beschäftigt.

Mancherorts gibt es regionale Initiativen, die Klimabildung an den Schulen fördern. In Kooperation mit der Bundesregierung bietet etwa ein Verbund von Stiftungen das Weiterbildungsprogramm „Mut zur Nachhaltigkeit“ für Lehrer aus Hessen, Saarland und Rheinland-Pfalz. Diese Angebote, die oft von der Unesco gefördert werden, gibt es aber nur vereinzelt: „Sie erreichen maximal fünf Prozent der Schulen“, sagt Kuckartz.

Journalistenausbildung mit Veränderungsbedarf

Auch in einem anderen Bereich gibt es Defizite, wie in der Medienbranche. Massenmedien sind der Hauptlieferant von Klima-Informationen. Die Aus- und Weiterbildung trägt dem aber nicht Rechnung: Kurse wie „Klimaberichterstattung“ sind in den Lehrplänen an Universitäten und Journalistenschulen in Europa selten zu finden; ein gutes Beispiel ist etwa die Universität Hamburg, die einen Forschugsschwerpunkt „Medien und Klimawandel“ hat.

Anders als in Europa ist die Situation in den USA: Hier gibt es mehrere Umweltjournalismus-Studiengänge, die sich der Thematik annehmen, eine intensive Fachdebatte und die international agierende Society of Environmental Journalists (SEJ), die auch die Verbesserung der Klimaberichterstattung im Blick hat.

Der Text erschien in einer kürzeren und anderen Version bereits bei der Deutschen Welle

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