Seite 3/3 Die „Skeptiker“: Krieg gegen die Wissenschaft & der Klimawandel in den Medien

Die „Skeptiker“: Krieg gegen die Wissenschaft

Echter „Klimaschutz“ bedeutet nichts weniger als die nächste industrielle Revolution im Zeitraffer: Die „Dekarbonisierung“ von weiten Teilen der Gesellschaft in den Industrie- und Schwellenländern muss sich in drei bis vier Jahrzehnten vollziehen, wenn der Klimawandel nicht völlig aus dem Ruder laufen soll, warnen die Wissenschaftler. Diese Abkehr von den fossilen Brennstoffen Kohle, Öl und Gas bedeutet nicht nur einen grundlegenden Strukturwandel in der Energiewirtschaft. Auch Bereiche wie Industrieproduktion, Landwirtschaft, Verkehr oder Städtebau sind heute noch abhängig von billiger fossiler Energie. Ihnen stehen also tiefgreifende Veränderungen bevor. Da kann es nicht verwundern, dass die auch nur zaghaften Ansätze von Klimapolitik vor allem in den Industrieländern massiv unter den Druck dieser Interessen geraten sind.

Vor allem in den USA und Großbritannien haben die sogenannten „Klimaskeptiker“ die Debatte maßgeblich beeinflusst. Mit Unterstützung von Unternehmen aus der Öl- und Kohlewirtschaft haben sie eine lautstarke Gegenbewegung zu staatlicher Umweltpolitik und den Umwelt-NGOs ins Leben gerufen. Diese Gemeinde aus (oft fachfremden) Wissenschaftlern, Lobbyisten und Politikern leugnet teilweise bis heute die Existenz des Klimawandels, verharmlost seine Folgen und lehnt jede aktive Politik des Staates ab.

Als strategischen Hebel nutzten die selbsternannten „Skeptiker“ die Offenheit der Wissenschaft für den Zweifel. Denn der „UN-Klimarat“ IPCC legt offen, mit welcher Wahrscheinlichkeit seine Aussagen zutreffen – und was alles (noch) nicht belegt ist. Diesen offenen Umgang mit Wissen und Unwissen nutzen die „Skeptiker“, um gegen politische Maßnahmen zum Klimaschutz Front zu machen, weil schließlich nichts wirklich bewiesen sei. „Doubt ist our Product“ ist eine der pointiertesten Aussagen dieser Szene, die sich in einem internen Memo der US-Skeptiker wiederfindet.

The Escalator

The Escalator: skepticalscience.com hat es sich zur Aufgabe gemacht die Argumente von Klimaskeptikern zu hinterfragen. Klimaskeptiker würden, das zeigt die Grafik, durch geschicktes Auswählen einzelner Zeiträume der Gesamterhebung den Eindruck erwecken, die Erdtemperatur sinke. Im Zusammenhang gesehen steige die Temperatur jedoch seit Jahrzehnten stetig. Weitere Informationen mit Klick auf die Grafik direkt bei skepticalscience.com. (Grafik: http://www.skepticalscience.com/graphics.php?g=47)

Begriffswandel: Leugner statt Skeptiker

Der Begriff „Klimaskeptiker“ hat sich in den Medien für diese Szene durchgesetzt. Seriöse Wissenschaftler weisen diese Bezeichnung zurück und sprechen von „Leugnern“ oder „Gegnern“, („Deniers“, „Contrarians“). Ihr Argument: Skepsis ist eine Arbeitsweise der seriösen Wissenschaft, die Aussagen und Bedingungen von Forschung kritisch hinterfragt, das Ergebnis aber offen lässt. Die „Skeptiker“ dagegen tun in den Augen der Mehrheit der Wissenschaftler das Gegenteil: Sie unterdrückten Fakten, sortierten willkürlich Ergebnisse, stellten sich kaum dem Urteil von Fachkollegen („peer review“) und suchten Bestätigung für ihre vorher gefassten Theorien. https://www.skepticalscience.com

Die „Skeptiker“ waren sehr erfolgreich in ihrer Mission, Zweifel zu säen. Allein in den USA geben bis heute in Meinungsumfragen weniger als die Hälfte der Befragten an, der Klimawandel sei wissenschaftlich erwiesen und von Menschen verursacht. Die Leugner haben mächtige Auftraggeber und Verbündete. Große Akteure wie Auto-Konzerne, Ölfirmen und Kohle-Unternehmen haben inzwischen die Förderung der „Skeptiker“ eingestellt oder verschleiern sie über obskure Stiftungen..

Die Angriffe auf den Ruf und die berufliche Existenz einzelner Wissenschaftler in den USA sind nicht neu. Nach den Recherchen der Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes kamen sie seit den Anfängen von einer relativ kleinen Truppe extrem konservativer US-Manager, Forscher und PR-Berater. Seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts betrachten sie jede Regulierung in Gesundheits- und Umweltfragen als einen Angriff auf das freie Unternehmertum und den Kapitalismus US-amerikanischer Prägung. In einem Netzwerk mit republikanischer Partei und „Tea Party“-Bewegung in den USA genossen und genießen diese Angriffe auf die Wissenschaft breite Unterstützung. Eine aktive Bloggerszene bearbeitet das Feld ebenso wie konservative US-Medien wie Fox News und die Zeitungen/Magazine des australischen Tycoons Rupert Murdoch in USA, Großbritannien und Australien.

In Deutschland ist die Szene deutlich kleiner und leiser. Dennoch bestimmen auch hier in manchen Zeitungen und Magazinen klimaskeptische Ansichten den Tenor der Berichterstattung. Der SPD-Umweltpolitiker und RWE-Manager Fritz Vahrenholt versuchte mit seinem Buch „Die kalte Sonne“, die Kritik am IPCC zu bündeln.

Eine Broschüre des Umweltbundesamts, die diese Tendenzen und einige exponierte Journalisten beim Namen nannte, führte zu einem Aufschrei von Journalistenverbänden und einer heftigen Debatte – weniger um die Thesen der Skeptiker, sondern um die Frage, ob eine Behörde so etwas tun dürfe.

Die Medienkonjunktur des Klimawandels

Der Klimawandel wanderte von einem Wissenschaftsthema in den neunziger Jahren langsam in die Berichterstattung der Redaktionen für Politik und Wirtschaft. Vor allem 2007, als das IPCC seinen 4. Sachstandsbericht veröffentlichte, der britische Ökonom Nicolas Stern die wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels beschrieb („Stern-Report“) und IPCC/Gore den Friedensnobelpreis erhielten, waren „green issues“ plötzlich en vogue.  Vor und zum Klimagipfel in Kopenhagen wurde eine gewaltige Erwartungshaltung aufgebaut, die nach dem Scheitern des Gipfels wie eine Blase zerplatzte.

Von diesem Rückschlag hat sich die Berichterstattung zum Klimathema bisher nicht wieder erholt. Nachrichtenmagazine melden bei Klimatiteln schlechte Verkaufszahlen, Sachbücher zum Thema gelten als praktisch unverkäuflich. Seit dem gescheiterten Gipfel von Kopenhagen hat die weltweite Finanzkrise mit der darauffolgenden Euro-Krise das Klima als tägliches Bedrohungsszenario abgelöst.

Mit routinierter Gleichgültigkeit werden die Berichte der Klimaforscher verfolgt, die zunehmend alarmierender werden. Nur Zufälle wie die tödlichen Wirbelstürme „Hayian“ 2013 und „Hagupit“ 2014 auf den Philippinen zum Beginn der Klimakonferenzen in Warschau und Lima bringen die Frage auf, welche Katastrophen der Klimawandel mit sich bringen könnte oder bereits bringt. Doch zumindest in Deutschland ist auch zu beobachten, wie Journalisten und Öffentlichkeit erwarten, dass Klimakonferenzen ohnehin scheitern – auch wenn sie wie im Dezember 2013 in Warschau sogar relativ erfolgreich enden.

Die Antarktis

Dreißig mal so groß wie Deutschland: Die Antartkis bindet rund 70% der weltweiten Süßwasservorräte. Würde das Eis komplett abschmelzen, würde der Meeresspiegel um 56 Meter steigen. (Foto: Eli Duke \ Flickr.com \ CC BY-SA 2.0)

Interessante Themen für die weitere Recherche

  • Aus deutscher Sicht ist die Verbindung von Klimaschutz und Energiewende zunehmend in den Hintergrund getreten. Beim Ausstieg aus Atom und Kohle, den die schwarz-gelbe Koalition 2011 hastig unter dem Eindruck der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima beschlossen hatte, wird inzwischen nur noch über Kosten und Belastungen debattiert. Die Befürworter argumentieren inzwischen fast einstimmig industriepolitisch. Von der Frage, wie sehr die „German Energiewende“ möglicherweise eine Vorbildfunktion für andere Staaten hat (wie es etwa das Erneuerbare-Energien-Gesetz EEG sicher hat), wird kaum noch gesprochen.
  • Bei jedem Hagelschauer im August und schneelosen Weihnachten taucht in den Redaktionen die Frage auf: „Ist das noch Wetter oder schon Klima?“ Die Antworten der Forscher sind interessant: Zunehmend werden Stimmen laut, die entgegen der bisherigen Praxis einen direkten „Fingerabdruck“ des Klimawandels auch im Wettergeschehen sehen.
  • Viel zu kurz gekommen ist das Thema „New Green Economy“, gerade in den Zeiten der Krise. Abgesehen von kurzen Debatten, ob man die maroden griechischen Staatsfinanzen nicht durch Solaranlagen sanieren könnte, ist die spannende Frage bisher nicht beantwortet: Wenn ohnehin in Deutschland die Energie-Infrastruktur erneuert wird, wenn ohnehin in Europa der Staat die Wirtschaft ankurbeln muss, wenn ohnehin der armen Landbevölkerung in Entwicklungsländern Strom das Leben erleichtern soll – warum gibt es dann keinen Marshallplan zur Aufrüstung der Welt mit Solarpaneelen und Windrädern?
  • Viel zu wenig wird auch gesehen, wie der Klimawandel und eine wie immer geartete politische Reaktion darauf die globalen Kräfteverhältnisse neu ordnet. Bleiben die Golfstaaten die Ölbarone oder warum investiert Saudi-Arabien jetzt Milliarden in die Solarindustrie? Werden die USA wirklich energieautark durch Fracking, das vielleicht schon seinen Zenit überschritten hat? Kann sich China einen massiven Ausbau der Kohle eigentlich weiter leisten? Und wie verändern Migrationsströme aus und innerhalb von Afrika die Machtbalance dort? Was bedeutet es, wenn demnächst eine Milliarde Afrikaner an fossile oder erneuerbare Energie kommen. Das ist noch einmal ein Energieverbraucher von der Größe Chinas.

Diese Themenansätze sind Beispiele dafür, welche Chancen das Themenfeld Klimawandel Journalisten bietet – trotz und gerade wegen seiner Komplexität und inhaltlichen Breite wie Tiefe, die Grüner-Journalismus hier versucht hat, abzubilden. Recherchehilfen und Expertenlinks finden sich in weiteren Texten des Klimaschwerpunktes.

Erstveröffentlichung 17.3.2014, danach Aktualisierungen

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