Von Jonathan Linker

Technokraten sehen die Zukunft der Menschheit in der Stadt. Aber schon heute ächzen wir in den Metropolen unter Stickoxiden und achtlos entsorgten Starbucks-Bechern. Die Suche nach etwas Natürlichem endet in den homogenisierten „In-Kiezen“ vor Supermarktregalen mit H-Milch. In der Realität urbanen Lebens verkommt Nachhaltigkeit zum Lifestyle, weil den Menschen der Bezug zur Natur fehlt. Hoffnung machen jüngere Entwicklungen im ländlichen Raum, der nachhaltige Entwicklung als Chance erkannt hat und damit eine Balance der Lebensräume herstellen könnte.

Stadt und Land sind keine Gegensätze, sondern voneinander profitierende Lebensräume, die für eine nachhaltige Entwicklung in eine bessere Balance gebracht werden müssen. Die Chancen dafür waren vielleicht nie besser als jetzt: Es gibt eine starke Sehnsucht nach allem Natürlichem, die sich seit zehn Jahren auch in der Medienlandschaft widerspiegelt. Den Weg bereitet haben romantische Geschichten über das einfache Glück. Das Land kann aber mehr als nur Sehnsuchtsort sein – es kann der Ort sein, an dem Arbeit und Leben und Nachhaltigkeit und Fortschritt tatsächlich gut zusammenpassen.

Jonathan Linker hat ein Kommunikationskonzept für seine Heimatregion in Nordhessen entwickelt; er war lange Mitarbeiter bei Grüner-Journalismus

Digitalisierung bringt ländliche Räume auf Augenhöhe

In der digitalen Wissensgesellschaft ist es zunehmend egal, von welchem Ort aus wir uns in die Netzwerke unserer Arbeitgeber und Kunden einloggen. Es gibt keinen vernünftigen Grund mehr, Menschen zum Zweck ihrer Arbeit an einem Ort zu versammeln, wie es noch im Zeitalter der Industrialisierung notwendig war. Die Dezentralisierung von Arbeitsplätzen führt zu einer besseren Durchmischung und der Möglichkeit, zu leben wo wir wollen. Woran es heute noch mangelt, ist ein Vergleich der unterschiedlichen Lebensräume auf Augenhöhe: Ländliche Regionen wurden strukturell vernachlässigt. Und in der Folge fehlte dem Land bis zuletzt das gesunde Selbstbewusstsein, das Städte dazu bestärkt, sich immer weiter zu entwickeln.

Die Begriffe Burnout und Entschleunigung sind fast zeitgleich entstanden, lassen sich aber unterschiedlich verorten: Während der Burnout klar mit dem hektischen Leben in modernen Stadtgesellschaften assoziiert wird und negativ besetzt ist, vermuten wir die Entschleunigung als wohltuenden Gegentrend eher in der Natur („Waldbaden“). Mit der Rückbesinnung auf persönliche Nachhaltigkeit und den Wert von Natur und ihrem Erleben, steigt die Achtung des ländlichen Raums in der Gesellschaft wieder an. Schrebergärten sind wieder gefragt – kommen Kinder ins Spiel, kommt die Sprache häufig auch wieder zu Themen wie dem berühmten „Haus auf dem Land“. Günstige Mieten bringen da eine Dimension hinzu, die mitgedacht werden muss.

Nachhaltigkeit und ihren Wert erlebt zudem positiver, wer auf dem Land lebt: Der Wechsel der Tages- und Jahreszeiten ist ein immer wiederkehrendes Fest der Großzügigkeit der Natur, der Zug der Vögel versetzt einen gerade jetzt im Herbst in positive Ehrfurcht vor den Leistungen der Tierwelt. Das schafft Achtsamkeit vor den Leistungen der Ökosysteme und wer sie achtet, schützt sie auch. Die Narrationen von Nachhaltigkeit in der Stadt sind vergleichsweise negativ: Ornithologen machen uns ein schlechtes Gewissen wegen der problematischen Lichtverschmutzung, die davon fehlgeleiteten Zugvögel fürchten wir wegen dem Kot, den sie hinterlassen. Laubberge im Herbst sind eine Last, der man mit Radladern begegnen muss, soll die Stadt nicht im Chaos versinken. Natur zu achten bedeutet, in der Stadt nicht ihren Überfluss zu erleben, sondern Mühe und Verzicht.

Ländliche Mikroregionen erkennen ihre Chance

In jüngerer Zeit entstehen viele Initiativen, die den Imagewandel der ländlichen Region vorantreiben. In Österreich, wo die Spaltung in Stadt- und Landgesellschaft schärfer ist als bei uns in Deutschland, ist beispielsweise das Kommunalkonsulat entstanden, das die Kreativwirtschaft als Schlüssel für zukunftsfähige Gemeinden sieht und unter anderem mit dem herrlichen „Buch vom Land“ auf sich aufmerksam macht. Kommunikation ist wichtig, um die Zerrbilder „Sehnsuchtsort“ und „Provinz“ aufzuklären. Dem widmet sich hierzulande auch das DorfMOOC, das kreativen Dorfbewohnern hilft, die Stärken der eigenen Heimat zu identifizieren, um dann darüber sprechen zu können. Unterstützt wird das Projekt auch von Artur Heissler, der an der Hochschule Darmstadt Onlinekommunikation studiert.

Auch Nordhessen ist eine typische Region, die vom Interesse an nachhaltigen Lebensstilen profitieren kann. Lange als „Sibirien Hessens“ verkannt, verkehrt sich das negative Bild der Provinz heute in die positivere Wahrnehmung als abgeschiedenes Idyll, das dank Digitalisierung beste Voraussetzungen für ein modernes Leben im Zentrum der Republik bietet. Aus dieser Perspektive erzählen zehn nachhaltigkeitsorientierte Unternehmer aus der Mikroregion der Kreisstadt Homberg (Efze) auf einer neuen gemeinsamen Website von ihrem Leben auf dem Land. Ihr Ziel: eine selbstbewusstere Identität für ihre Heimat und nachhaltige Entwicklung als Bereicherung letztlich auch für ihr eigenen Leben. „HOMEberger“ nennen sie ihre Plattform und wollen mit dem „e“ im Namen bewusst irritieren. Das Wortspiel mit dem englischen „Home“ betont das Zuhause, das die Stadt Homberg und das umliegende Land für seine Bewohner bietet.

Nachhaltigkeit verbindet

Die HOMEberger stehen für regionale Produkte von hoher Qualität und gutem Geschmack, für handwerkliche Erlebnisse in authentischen Manufakturen, für individualisierte und umweltbewusste Produktion, für sinnstiftende Arbeit in einer ursprünglichen Umgebung. Nachhaltigkeit ist die Klammer, die die völlig unterschiedlichen Akteure verbindet; ihre Vielfalt sorgt wiederum für eine größere Öffentlichkeit. Kernidee des Konzepts war, Unternehmer nicht nur als spannende wirtschaftliche Akteure zu zeigen, sondern auch als zufriedene Landbewohner, die sich in Nordhessen zu Hause fühlen und damit Vorbildcharakter haben. Außerdem war es den Machern wichtig zu demonstrieren, dass man die Identität einer Region aus sich selbst heraus entwickeln muss und sich nicht darauf verlassen kann, das andere das für einen tun.

Unter den zehn auf der Seite vorgestellten Unternehmern sind die Brüder Carsten und Samuel Waldeck, die in dem Dorf Falkenberg bei Wabern in ihrer Firma SHIFT nachhaltige Smartphones entwickeln. Auch diese Art von Irritation gehört zum Konzept der HOMEberger: Geschichten von Menschen zu erzählen, die man allenfalls in Berlin, nicht aber in Nordhessen erwartet hätte. Die Mitglieder der Initiative nutzen die überregionale Bekanntheit ihrer Produkte um Aufmerksamkeit und Sympathie für die Region zu wecken. Die Website der HOMEberger ist erreichbar unter www.homeberger.de

Jonathan Linker arbeitet als freiberuflicher Journalist und Kommunikationsberater mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit. Er war länger Mitarbeiter bei  Grüner-Journalismus.de. Linker hat an der Hochschule Darmstadt Online-Journalismus sowie Medienentwicklung studiert und die Idee für die Initiative „Die HOMEberger“ gemeinsam mit den beteiligten Unternehmern entwickelt. 

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