Der Nachthimmel hat die Sterne verschluckt. Kein Lichtstrahl dringt durch die Wolkendecke über dem Lamer Winkel. Die Talzunge im Bayrischen Wald schmiegt sich in ein topografisches Hufeisen nahe dem Großen Osser. Bei Tag erfreuen sich Wanderfreunde am Bergpanorama und der urigen Gastfreundschaft der Pensionsbetreiber, bei Nacht jedoch kappt die Finsternis jede Verbindungsstraße zwischen den zerstreuten Kurorten. Doch Eva Pöschls Stablaterne bahnt unserer kleinen Wandergruppe mit ihrem schmalen Lichtkegel einen Weg durch die Dunkelheit. Wir können uns glücklich schätzen, die erfahrene Wanderführerin im grünen Mantel in dieser Nacht an unserer Seite zu wissen. Denn es ist die Nacht vom 4. Januar und somit die vorletzte Rauhnacht; eine geheimnisvolle Zeit um den Jahreswechsel, in der die Tore zwischen der Menschen- und Totenwelt weit offenstehen und geisterhafte Gestalten durch die Lüfte rauschen.

Von gefallenen Rittern und gestohlenen Bettlaken

Mythen über Geister und Dämonen, die unsere Städte und Häuser aufsuchen, prägen seit Menschengedenken zahlreiche Kulturen auf dem ganzen Globus. Im deutschsprachigen Kulturraum bieten insbesondere die zwölf Nächte zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag traditionell Platz für Sagen über rachsüchtige Götter, tragisch Verstorbene oder umherstreifende Kriegsopfer.

So zieht etwa in meiner Odenwälder Heimat zum Jahresende das Wilde Heer um den gefallenen Rodensteiner Ritter durch die Dörfer, um die Bewohner mit Jagdhundgebell und Kettengerassel aufzuschrecken. In Thüringen hingegen zieht Frau Holle auf einem klapprigen Pferdewagen durch die dunklen Wälder und bittet Passanten um eine helfende Hand. Auch gilt es vielerorts als Unglücksbringer, zwischen Weihnachten und Neujahr weiße Bettwäsche zu waschen oder ins Freie zu hängen, da vorbeieilende Geisterreiter diese stehlen und im kommenden Jahr als Leichentücher nutzen könnten. Zahllose Dichter, Liedermacher und Geschichtenerzähler beschäftigten sich seit jeher mit solchen Volkssagen und verankerten die Sagengestalten fest im lokalen Brauchtum. Vor allem im alpenländlichen Raum werden solche Traditionen bis heute von Alt wie Jung mit großem Engagement gepflegt, so auch im Lamer Winkel.

Aufbruch in die Rauhnacht

Als meine Frau und ich den abendlichen Lamer Ortskern mit seinen kleinen Gaststätten und Lädchen in Fachwerkoptik erreichen, warten vor der Touristeninformation bereits ein sportlicher Mann aus München und sein kleiner Neffe, wie wir im späteren Gespräch erfahren. Ebenfalls am Treffpunkt wartet Eva Pöschl, wetterfest gekleidet in tannengrünem Filzponcho mit Stehkragen und grauem Filzhut. Nachdem alles Organisatorische abgeklärt und jeder Teilnehmer mit einer LED-Laterne ausgestattet wurde, entzündete die Wanderführerin ihre hölzerne Stablaterne, breitet die Arme aus und ruft mit geheimnisvollem Unterton: „Rauhnacht is‘!“ Die bevorstehende Nachtwanderung führt über die Hauptstraße aus Lam heraus und über verschlungene Wiesenpfade in das benachbarte Engelshütt.

Sobald wir die letzte Straßenlaterne und die asphaltierte Straße hinter uns gelassen haben, höre ich schmatzenden Schlamm und knirschenden Kies unter meinen Schuhsohlen. Ich sollte es nicht bereuen, mit den wasserdichten Wanderstiefeln und Regenponcho aufgebrochen zu sein. Eva leitet unsere kleine Gruppe gelassen, aber bestimmt in die Dunkelheit des flachen Wiesenpfades. Fünf kleine Lichtkegel bahnen sich einen Weg durch den Morast, lassen immer wieder winzige Rinnsale aufblitzen, die sich wie feine Adern durch den aufgeweichten Erdboden ziehen. Der Wind bläst mir kalt ins Gesicht, die beschlagenen Brillengläser trüben meine Sicht. In der Ferne erahne ich Berge, die sich wie gefallene Riesen vom wolkenverhangenen Nachthimmel abheben. Mein Blick blickt kehrt jedoch immer wieder zu der schwebenden Kerze zurück, deren warmes Licht tanzende Schatten auf Eva Pöschls Gesicht wirft. Während wir laufen, lauschen wir Evas Rauhnachtserzählungen.

Die Tore stehen weit offen

Mit bedeutungsschwerer Stimme erzählt sie uns von der Anderswelt. Deren Tore zur Menschenwelt sollen zwischen Heiligabend und dem Dreikönigstag weit offen stehen, was Geister und andere Schattenwesen zum Weltenwandeln nutzen. Der Ursprung dieser Schauermärchen findet sich im Religiösen, als heidnische Völker zunehmend zum Christentum konvertierten und ihre alten Götter in Vergessenheit gerieten. Diese sinnen seither auf Rache, weshalb sie Geister, Gnome und Dämonen entsenden, um die Menschen für ihre Abkehr vom alten Glauben zu bestrafen. So streift etwa der „bluadige Dammerl“ durch die Rauhnächte. Eine hünenhafte Gestalt in Ziegenfell gehüllt, der mit einem riesigen Hammer durch die Straßen zieht und auf der Suche nach Opfern an die Türen pocht. Wer ihm unachtsam die Tür öffnet, um den ist es geschehen. Wer jedoch durch einen Spalt lunst und seine blutige Haxe frühzeitig erkennt, kann sich retten.

In den Schatten lauern jedoch auch Wesen wie die Trud: ein koboldartiges Wesen, das sich an unachtsame Spaziergänger hängt und sich ihnen dann im Schlaf schwer auf die Brust setzt. Wir lauschen gespannt Evas Geschichten, die in der allgegenwärtigen Dunkelheit ihren schaurigen Charme entfalten. Das Heulen des Windes, der Schrei eines Käuzchens oder das Knacken in den dunklen Baumwipfeln – sie untermalen Evas Worte wie ein unheimliches Orchester der Nacht. Doch zum Glück sind das alles nur Geschichten und Märchen. Dass wir der Trud später noch leibhaftig begegnen sollten, ahnt zu diesem Zeitpunkt jedoch niemand.

Der Riese mit der breiten Hutkrempe

Der schlammige Wiesenweg steigt nun leicht an, führt uns hoch zu einer Schleife der asphaltierten Straße. Es ist inzwischen später Abend, kein Auto ist mehr im Nieselregen unterwegs. Doch als wir auf der Anhöhe ankommen, wartet dort schon jemand auf uns. Doppelt so groß wie ein ausgewachsener Mann steht der Hüne schweigend da, vom Alter gekrümmt auf einen vielendigen Wanderstab gestützt. Schuhe trägt er keine, seinen Körper hat er in faltigen Stoff gehüllt. Das grobschlächtige Gesicht mit der langen Nase und den tiefliegenden Augen ziert ein langer Bart, den Kopf schützt ein Hut mit breiter Krempe. Eine furchterregende Gestalt, die dort regungslos im Regen wartet.

Doch als wir uns dem Riesen nähern, wird schnell klar: Die kantigen Gesichtskonturen und leeren Augen sind lediglich in Holz geschnitzt. Die Sagen um den Osser Riesen kennt jedes Kind im Lamer Winkel. Sie fügen sich nahtlos in das mystisch aufgeladene Lokalkolorit der beliebten Wanderregion ein. Natürlich kennt auch unsere Wanderführerin Eva diese Geschichten, die sie im Schatten des Holzriesen mit viel Witz und Charme zum Besten gibt. Doch bald setzen wir unsere nächtliche Wanderung fort, schlagen einen Feldweg abseits der Straße in Richtung Engelshütt ein. Dort wartet nämlich der Gebieter der Rauhnachtsgeister bereits auf uns.

Die furchteinflößenden Masken zeigen Geister und Dämonen und gehören zur Rauhnacht dazu.

Grelle Augen in düsteren Höhlen

Mathias Seidl arbeitet eigentlich als Verwaltungsmitarbeiter in der 30 km entfernten Kreisstadt Cham. Doch abseits des Büroalltags widmet er sich einer seltenen Leidenschaft: dem Schnitzen von Rauhnachtsmasken. Seit dem ersten Rauhnachtstreiben 2003 freuen sich Einheimische wie Schaulustige jedes Jahr auf das dämonische Treiben am Engelshütter Dorfanger, bei dem Seidls garstige Holzfratzen nicht fehlen dürfen. Aus einem Stück ausgewählten Holzes fertigt der „Rauhnachtschnitzer“ diverse Geister und Dämonen, die von Engagierten und Vereinsmenschen für ihre teuflischen Tänze im Feuerschein übergezogen werden. Und auch wenn das schaurige Treiben in den letzten beiden Jahren pandemiebedingt ausgesetzt werden musste, lässt Mathias Seidl seinen Hammer und Stechbeitel nicht ruhen.

Der Dorfplatz neben der kleinen Kapelle mit dem Spitzturm liegt verlassen im Dunkeln. Die Straßenlaternen werfen ein fahles Licht auf die Haufen bunten Laubes, die sich unter dem meterhohen Gerippe der alten Dorflinde auf dem Gras gesammelt haben. Direkt am Dorfanger steht auch der urige Gasthof der Seidls, dessen erleuchtete Fenster eine einladende Wärme ausstrahlen. Auch liegt der Duft von Nelke und Kardamom in der kalten Abendluft, den ich begierig mit der Nase einsauge. Als wir die Terrasse der Pension betreten, begrüßen uns Mathias Seidl und seine Mutter herzlich mit einem wärmenden Becher Glühwein und Anisplätzchen, für den kleinen Jungen gibt es Kakao.

Ich genieße das Prickeln in den kalten Fingerspitzen, während ich den dampfenden Pappbecher an die Lippen führe. Beim Umschauen bemerke ich, dass Mathias Seidl hier bereits seine Arbeiten auf den Holzbänken drapiert hat. Von dort starren uns grelle und hervortretende Augenpaare aus düsteren Schädeln an, groß wie Basketbälle. Geifernde Zungen und spitze Reißzähne recken sich gierig aus aufgerissenen Mäulern, die kantigen Wangen und krummen Nasen wirken nur entfernt menschlich. Stolz präsentiert uns Mathias Seidl seine Rauhnachtsgeister. Jede Maske orientiert sich an einer bekannten Sagengestalt, die der Hobbyschnitzer nach eigener Vorstellung in wochenlanger Kleinstarbeit mit Farben, Federn und Hörnern gestaltet hat.

Als ich die giftgrüne Trudmaske in die Hand nehme, überrascht mich ihr Gewicht. Neben den tischtennisballgroßen Augen erkenne ich schmale Sehschlitze. Die eingefallenen Wangen fühlen sich glatt an, das schwarze Strubbelhaar kratzt auf meinem Handrücken. Keine der Masken gleicht der anderen und verströmt selbst im hellen Terrassenlicht eine dämonische Aura. Welche Wirkung die Masken wohl erst entfalten, wenn die maskierten Rauhnächtler mit Fellen und Hexenbesen um ein Feuer am Dorfanger tanzen? Im nächsten Jahr werde ich es hoffentlich hautnah erleben, denn die Engelshütter Geister lassen mich so schnell nicht wieder los.

Eine Reportage von Steffen Buchmann

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