Von Anne Marschner

Mit den beiden Sturmtiefs Ignatz und Hendrik, die den öffentlichen Nah- und Fernverkehr am 21. Oktober 2021 streckenweise komplett zum Erliegen brachten, war ein aktueller Anlass für das „Seminar für Medienschaffende zu Klimawandel und Klimakommunikation“ unmittelbar gegeben. Eingeladen in die Europäische Akademie in Otzenhausen hatte die Stiftung Forum für Verantwortung. Die 25 Teilnehmenden trafen zum Teil verspätet doch vollzählig ein, so dass das Seminar abgesehen von einer kleinen Verzögerung wie geplant durchgeführt werden konnte.

Vertreten waren u. a. lokale und überregionale Medien (Saarländischer Rundfunk, Saarbrücker Zeitung, Rheinische Post, WDR), einige Stiftungen und Initiativen (u. a. KLIMA° vor Acht e.V., Klimadialoge, PRIMAKLIMA) sowie Studierende im Fach Journalismus.

Renommierte Referent:innen gaben mit ihren Vorträgen tiefe Einblicke in ihre Fachgebiete mit einer sich jeweils anschließenden regen und kritischen Diskussion mit den Teilnehmenden. Durch die Veranstaltung führte souverän und kompetent Werner Eckert, Redaktionsleiter Umwelt und Ernährung vom SWR. Die wissenschaftliche Leitung oblag Prof. Dr. Torsten Schäfer, Professor für Textproduktion an der Hochschule Darmstadt und Gründer des Journalistenportals www.gruener-journalismus.de.

Prof. Dr. Ralf Seppelt, Helmholtz Centre for Environmental Research, gab mit seinem Vortrag zum Thema Landwirtschaft, Landnutzung und Klimawandel einen Einblick, wie der Anbau in der Landwirtschaft an den Klimawandel angepasst werden müsse.

Dr. Katja Frieler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sprach über das aktuelle Klimageschehen. Zahlen und Modelle zeigten eindeutig, dass jetzt umgelenkt werden müsse, wollten wir nicht unumkehrbare Prozesse (Kipppunkte) anstoßen. Aufgabe der Wissenschaft sei es, Fakten zu liefern. Die daraus resultierenden Handlungsschlüsse oblägen Politik und Gesellschaft.

Prof. Dr. Marc Helbling vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung referierte über Klimawandel und Migration. Er definierte zunächst die verschiedenen Arten von Migrationsursachen (Klima, Politik, Wirtschaft) und analysierte die Anerkennung durch die Aufnahmegesellschaften je nach Fluchtursache. Aufgrund geringer Datenlage sei es schwierig, Migrationsströme zu messen. 

Es folgte Dr. habil. Susanne Winter (Programmleitung Wald, WWF Deutschland) zur Bedeutung der Regenwälder im Klimaschutz. Frau Dr. Winter zeigte zunächst die Funktionen des Waldes auf, die Entwicklung der bewaldeten Flächen auf den Kontinenten, die Ursachen für die immense globale Entwaldung sowie deren Folgen. Sie schloss mit Prognosen und klaren Forderungen an die Politik.
Thematisch schloss sich daran Klaus Wiegandt (Stifter und Vorstand Forum für Verantwortung) an, der eine großskalige Aufforstung der Tropen und Subtropen sowie den sofortigen Stopp der Abholzung fordert. Er referierte weiter über die Notwendigkeit der Mobilisierung der Zivilgesellschaft in der Klimaschutzpolitik.
Prof. Dr. Torsten Schäfer erläuterte in seinem Vortrag „Klimajournalismus nach dem Greta-Effekt – Zustand und Zukunft“, dass der Journalismus vor einer epochalen Zäsur stehe. Seit einigen Jahren sei ein „Ergrünen“ in der Berichterstattung zu bemerken. „Klima“ sei kein Thema sondern eine Dimension, eine Matrix. Die Einzelthemen bedeutsam und sollten jeweils für sich behandelt und vernetzt werden. Um gehört zu werden, brauche es gemäß der 13 Qualitätskriterien von Journalismus insbesondere den fachlichen Kontext wie auch eine emotionale Komponente.
Prof. Dr. Dr. Hans Joosten (Institut  für Botanik und Landschaftsökologie, Universität Greifswald) skizzierte in seinem Vortrag eine weitere klimarelevante naturbasierte Lösung: die Moore. Anhand anschaulicher Grafiken erklärte er Aufbau und Funktion von Mooren sowie die klimaschädliche Problematik großflächiger Entwässerung und intensivlandwirtschaftlicher Nutzung. Obwohl Moore nur 3% der Erdoberfläche bedeckten, enthielten sie ca. 600 Gigatonnen Kohlenstoff in ihren Torfböden. Dies sei zweimal so viel wie die gesamte Waldbiomasse.
Prof. Dr. Harald Welzer sprach über Klimawandel und Gesellschaft und die Herausforderungen für ein anderes Zukunftsdenken. Unsere Menschheit sei auf Wachstum ausgelegt und befinde sich in einer Hyperkonsumkultur, in dem die Zeitspanne zwischen Empfinden und Befrieden eines Bedürfnisses immer kürzer werde. Unendliches Wachstum sei nicht möglich, man müsse jetzt eine Ökonomie der Endlichkeit kommunizieren, jetzige Probleme müssten als Gestaltungsaufgabe gesehen werden. So solle man positiv berichten und statt Verzicht Gewinn betiteln (z. B. Zeitgewinn), also ein faktenbasiertes Storytelling zur Sinnstiftung; SUS telling (Storytelling und Sustainability).
Eine von Prof. Dr. Torsten Schäfer moderierte Gruppenarbeit zu den Begrifflichkeiten Klimawandel und Verzicht schloss sich an ebenso wie eine Diskussion, was für den Journalismus von heute wünschenswert wäre. In einem Brainstorming zu möglichen journalistischen Projekten zum Thema wurden zahlreiche Ideen geboren.
In einer regen Abschlussdiskussion begann Werner Eckert mit einer Abgrenzung der Begrifflichkeiten Klimawandel und Klimakrise sowie einem Vergleich zwischen der Berichterstattung in der Klimakrise und der Coronakrise. Einigkeit herrschte darin, dass mehr Ressourcen (finanziell wie personell) zur Verfügung gestellt werden müssten und dass ressortübergreifend über die systemischen Zusammenhänge der vielfältigen Klimathemen berichtet werden sollte. Mehr Fachwissen müsse sich angeeignet werden. Ebenso wurde die Unabhängigkeit in der Berichterstattung angesprochen.

 

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