Von Andreas Cevatli

Phanta Rhei, zu Deutsch „alles fließt“, ist für viele Gewässer aufgrund von Hitzewellen und Umweltverschmutzung schon längst nicht mehr das ganze Jahr über gültig – mit teils dramatischen Auswirkungen für Mensch und Natur.

Torsten Schäfer, Umweltjournalist und Autor, wirbt darum für ein gesellschaftliches „Wasserbewusstsein“ und eine „neue ökologische Achtsamkeit“. Wie das konkret aussehen kann, zeigte Schäfer bei einer umweltpädagogischen Flusswanderung in Nieder-Ramstadt entlang der Modau und einer anschließenden Lesung. Der Tag, der ganz im Zeichen des Wassers stand, konnte durch eine Kooperation der Hochschule Darmstadt, der Feuerwehr Nieder-Ramstadt und dem Land Hessen realisiert werden.

Den Fluss verstehen lernen

An einer kleinen Fischtreppe in Nieder-Ramstadt, einer Hilfestellung für Fische auf den Weg zu ihren Laichplätzen, trafen sich Schäfer und gut zwanzig Drittklässler:innen der lokalen Grundschule zur Flusswanderung. Die einsteigenden Worte des in der Region beheimateten Modauexperten, nämlich dass der Fluss „ein Lebewesen“ sei, konkretisierte er weiter: „Die Modau ist genau wie wir – auch sie benötigt Sauerstoff zum Leben.“ Längere Hitzeperioden führen schnell zu Sauerstoffmangel in Flüssen, was sich wiederum negativ auf Flora und Fauna auswirkt. Die Zustände lokaler Fließgewässer zu verbessern ist eine der zentralen Kernforderungen Schäfers.

Flüsse sind per se nicht hilflos, wenn es darum geht, ihre Gesundheit zu erhalten. „Sie reinigen sich von selbst“, so Schäfer. Da die Modau durch menschgemachte Sperren, zum Beispiel dem Hochwasser-Rückhaltebecken in Ober-Ramstadt, zu langsam geworden ist, fällt es ihr jedoch schwer, diese Aufgabe zu erfüllen. Insgesamt spicken den 44 Kilometer langen Fluss und seine Zuflüsse 107 Barrieren. „Eigentlich bräuchte es mal ein richtiges Durchspülen“, sagte Schäfer, „aber selbst eine hohe Fließgeschwindigkeit kann gegen Einkaufswägen und Matratzen nicht ankommen – und die finden wir hier leider des Öfteren.“ Die steigende Verschmutzung sei für viele Gewässer ein großes Problem. Dabei sollte es „eigentlich selbstverständlich“ sein, den Müll nicht in Flüssen zu entsorgen.

„Wasserpfade“ – kritische Lesung an der Feuerwehr Nieder-Ramstadt

Dass die Probleme der Modau und zahlreicher anderer Flüsse buchstäblich „in größere Gewässer gespült“ werden, betonte Schäfer dann auch abends beim zweiten Teil der Veranstaltung. Als Zubringerfluss des Rheins, der wegen der langanhaltenden Dürreperiode zuletzt historische Pegeltiefstände verzeichnete, wirkt die Modau regulierend auf den Strom – wenn sie selbst genug Wasser hat.

Bei der Lesung aus seinem 2021 erschienen Buch „Wasserpfade“, die beim Kooperationspartner Feuerwehr Nieder-Ramstadt stattfand, legte Schäfer durch seine speziell für den Landkreis Darmstadt-Dieburg erdachten Dramaturgie den Finger in die Umwelt-Wunde einer jeden kleinen Fluss-Gemeinde. Experimentelle Wasserpoesie wurde von politischen Appellen abgelöst, nachdenklich stimmende autobiografische Textpassagen mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen belegt.

Bei der abschließenden Diskussionsrunde herrschte dann breiter Konsens, dass etwas getan werden müsse. Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie solle beispielsweise zügiger umgesetzt, die Renaturierung von Flusslandschaften vorangetrieben und den Auswirkungen des Klimawandels energischer entgegengetreten werden – auch und besonders auf lokalpolitischer Ebene. Denn laut Schäfer beginnt Veränderung „immer erst im Kleinen, im Lokalen“.

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