Alles im Blick: Umweltjournalisten denken in Zusammenhängen (Quelle: Ars Electronica Center/ CC BY-NC-ND 2.0)

Von Bernward Janzing

Nur eine Stelle gibt es, an der all diese Themen zusammen finden: die Technik und die Natur, die Politik und die Wissenschaft, die Ökonomie und die menschlichen Grundbedürfnisse nach gesunder Ernährung und sauberem Lebensraum. Diese Stelle ist die Ökologie. Wer als Journalist die großen Zusammenhänge sucht, jene Themen, die sich global aufdrängen und zugleich in jedem kleinsten Dorf ihre Fortsetzung finden, der landet zwangsläufig beim Umweltjournalismus.

Es ist das Denken in Zusammenhängen, das die Umweltwissenschaften auszeichnet. Und so fängt Umweltjournalismus oft dort an, Beziehungen herzustellen, wo der klassische Journalismus aufhört. Ein Beispiel: Eine Nachrichtensendung berichtet über das Problem des Klimawandels und die Versuche der internationalen Politik, diesen zu bremsen. Dann ein Schnitt. Weiter geht es mit einem Bericht über ein Formel-Eins-Rennen. Umweltjournalismus würde diese beiden Themen so isoliert nie stehen lassen, er würde ihren Zusammenhang benennen.

Ganzheitliche Sicht auf die Welt

Denn die Basis des Umweltjournalismus ist die ganzheitliche Sicht auf die Welt, er beschreibt die Synergetik von immer komplexer werdenden Gesellschaften. So anerkennt der Umweltjournalismus zum Beispiel auch, dass die Staatsverschuldung einerseits und die Ausbeutung der Natur andererseits eng gekoppelt sind – es sind Probleme, die vor allem daraus resultieren, dass Volkswirtschaften über ihre Verhältnisse leben.

Es ist der Grenzbereich zwischen Ökonomie, Natur und Technik, der den Umweltjournalismus prägt und so spannend macht. Und natürlich hat sich das Metier erheblich gewandelt in den Jahrzehnten. In den 1970er Jahren wurde die Umweltberichterstattung durch das Buch „Die Grenzen des Wachstums“ und durch die Ölkrise geprägt, außerdem durch die Anfänge der Anti-Atom-Bewegung. Die Umweltdebatte wurde einerseits intellektuell geführt durch Werke wie „Ein Planet wird geplündert“ von Herbert Gruhl, Mitbegründer der Grünen. Andererseits folgte sie auf den Bauplätzen der Atomwirtschaft den Mustern der 68er-Protestbewegung.

Horst Stern machte den Anfang

In den 1980er Jahren begann die Umweltberichterstattung im engeren Sinne: Horst Sterns Umweltmagazin Natur kam 1980 auf den Markt, ÖkoTest fünf Jahre später. Die Herangehensweise war nun häufi g lösungsorientiert. Das Thema Ökologie drang in den Alltag ein, die Zeitungen druckten Umweltseiten mit Ratgebercharakter. In der Tat gab es für die Probleme oft einfache Lösungen. Die Debatte um das Waldsterben führte zur Großfeuerungsanlagenverordnung, womit die Schwefelemissionen in Deutschland massiv gesenkt wurden.

Die Diskussion um das Ozonloch, das durch Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) hervorgerufen wird, führte 1987 zum Montrealer Protokoll, das mit seinem FCKW-Ausstieg bis heute als Musterbeispiel eines erfolgreichen internationalenVertrages gilt. Aber auch eine Katastrophe zeigte Wirkung: Die Energiewende bekam einen kräftigen Schub, als im April 1986 der GAU von Tschernobyl die Atomkraft auf bisher nicht gekannte Weise in die Diskussion und in Verruf brachte. Mit dem Beginn der 1990er Jahre erlahmte dann allerdings das Interesse an Umweltfragen; die Deutsche Vereinigung war noch zu jung, um Spielraum zu lassen für andere Themen.

Gleichwohl gründeten sich immer mehr Firmen im Sektor der erneuerbaren Energien. In der fortschrittlichen Presse drang die Umweltberichterstattung nun langsam von den Ratgeberseiten in die Wirtschaft vor. Zugleich suchte die Gesellschaft nach neuen ökonomischen Wegen: 1994 gründete sich der „Förderverein Ökologische Steuerreform“, das heutige „Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft“. Und die erste rot-grüne Bundesregierung führte kurz vor der Jahrtausendwende die Ökosteuer ein, um Energie teurer und Arbeit billiger zu machen.

Debatte fand nach den 90ern kaum noch statt

Bald nach der Jahrtausendwende wurde die Umweltdebatte dann hemmungslos von der Wirtschaft vereinnahmt. Umwelttechnik wurde zum Börsenstar, auch konservative Teile der Gesellschaft begeisterten sich plötzlich für „Green-Tech“. Technokraten übernahmen die Wortführerschaft, sie hielten technisch alles für lösbar, auch das Klimaproblem. In der Industrie wurde entsprechend alles grün gefärbt. Gut, dass es im Internet den Blog Klima-Lügendetektor gibt, der solches „greenwashing“ aufdeckt.

Heute findet eine Debatte um ökonomische Leitlinien, die von der Politik kommen müssen, kaum mehr statt. Die Fortentwicklung der Ökosteuer, einst ein Meilenstein ökologischer Politik, ist zum Nischenthema geworden. „Nicht durchsetzbar“ lautet das resignative Urteil selbst unter einstigen Protagonisten.

Das Jahrzehnt der Suffizienz

Doch in den 2010er Jahren verspricht die Umweltdebatte wieder komplexer zu werden. Das Jahrzehnt wird vom Thema Suffi zienz geprägt sein. Einerseits zwangsläufi g, weil die Grenzen des Wachstums sichtbar werden. Andererseits aus der nüchternen intellektuellen Erkenntnis heraus, dass Einschränkungen des weltweiten Konsums nötig sind, um die Erde bewohnbar zu halten. Bemerkenswert ist, dass so unterschiedliche Zeitungen wie die taz und die Financial Times Deutschland zum Jahreswechsel 2011/2012 jeweils eine Serie zum Thema „Grenzen des Wachstums“ druckten.

Die Herausforderung des Umweltjournalismus in den 2010er Jahren wird es sein, die Debatte um künftige Lebensstile qualifiziert zu begleiten. Umweltjournalismus wird vor allem aufzeigen müssen, dass weniger Bruttoinlandsprodukt gleichwohl mehr Lebensqualität bedeuten kann – weil Luft, Boden und Wasser weniger belastet werden, weil weniger Land überbaut wird, weil die Artenvielfalt geschützt und das Weltklima geschont wird.

Die Maxime des Jahrzehnts könnte die Abwendung vom herrschenden Konsumismus und Materialismus werden; fokussiert in einem Satz, den schon Ex-Bundespräsident Horst Köhler einst zitierte: „Gut leben statt viel haben.“ Noch widerspricht das dem Mainstream, der noch immer in quantitativem Wachstum sein Heil sucht. Aber so war Umweltjournalismus eben immer: seiner Zeit voraus.

Der Artikel erschien bereits im Band Umwelt Europa der Friedrich-Ebert-Stiftung.

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