Katja Schwarz ist Nachhaltigkeitsberaterin und Expertin für Green Producing. (Foto: Good Mood Productions, Odeon Film AG)

Sie haben sich viel mit der Geschichte des nachhaltigen Produzierens beschäftigt. Was hat sich in den letzten zehn Jahren verändert?

Katja Schwarz: Die Knackpunktjahre waren 2008, 2009 und 2010. Fechner Media, eine Dokumentarfilm-Firma in Baden-Württemberg, haben schon frühzeitig ihre Filme über nachhaltige Themen über Crowdfunding finanziert, so dass sie ganz unabhängig sind. 2009 hat König-Film in Kassel einen Unternehmensfilm zum ersten Mal klimaneutral hergestellt. 2010 hat Dr. Andrea Geschwendtner mit ihren Studenten an der isf – Internationalen Filmschule Köln virale Clips entwickelt zum Thema Energie, die sie umweltfreundlich produzierten. Mit dem Ergebnis, dass die Produzentin das Geschirr gespült hat und mit allem, was die Eigeninitiative hergibt. Parallel wurden wir bei der Odeon Film aktiv. Der Vorstand benannte mich 2010 zur Nachhaltigkeitsbeauftragten.

Damals gab es kein deutschsprachiges Material, aber es existierte in Amerika schon der „Code of Best Practices for Sustainable Filmmaking“. Den hatten Prof. Larry Engel und Andrew Buchanan von der „University of Washington“ mit Filmschaffenden in Hollywood und anderen US-amerikanischen Staaten entworfen und mit Produktionsfirmen getestet. Diese Checklisten haben wir ins Deutsche übersetzt und mit der novafilm Fernsehproduktion, einer Tochterfirma der Odeon Film AG, bei der Serie „Der Landarzt” getestet.

2011 haben wir bei den Dreharbeiten der Staffel schrittweise möglichst viele nachhaltige Maßnahmen eingeführt, die Treibhausgasemissionen bilanziert und mit Investitionen in ein Klimaschutzprojekt kompensiert. Am Ende hat sich herausgestellt, dass das die erste klimaneutral produzierte Fernsehserie in Europa war. Das war nicht vorherzusehen, wir haben einfach mal gemacht. 2010 ist der grüne Drehpass in Schleswig-Holstein entstanden. Dem „Landarzt“ wurde die erste Auszeichnung verliehen.

An welchen Stellschrauben muss noch gedreht werden?

Das traurige ist, obwohl wir schon seit zehn Jahren alles Wissen haben, wird Green Producing nur punktuell durch Einzelinitiativen und nicht flächendeckend umgesetzt. Nachholbedarf gibt es überall. Es gibt verschiedene Ansätze bei Fernsehsendern, die aber selbstverständlich nicht jede Produktion nachhaltig filmen, und dann oft „nur“ die ökologischen und nicht die sozialen Aspekte umsetzen. Seit den 80er Jahren gibt es aktive Umweltschutzbewegungen. Jetzt haben wir 2020 und es wird immer noch zu viel geredet statt getan.

Das Wissen über Green Producing kam aus den USA, die Vorreiter darin waren.

Das wäre die Hoffnung, dass es in den USA schon viel weiter ist, und ich glaube, in der Außendarstellung wirkt es auch so. Disney beispielsweise hatte mich vor ein paar Jahren aber sehr enttäuscht. Sie wollten ein Büro in München eröffnen, inklusive eines eingebauten Kinos, hatten allerdings null Interesse an einem nachhaltigen Bau. Das muss man sich mal geben. So schaut es in Wirklichkeit aus. Diese Reaktion auf den Aspekt Nachhaltigkeit ist mir stark in Erinnerung geblieben, weil es nicht zur Vorreiterrolle passt, die die USA beim Mitwirken des „Code of Best Practices“ geleistet haben. Und dieses Schwanken zwischen Wollen und Dafür-Sein aber nicht tun, das ist offensichtlich auch im Ausland sehr stark.

Wie sieht es sonst im Ausland aus?

Großbritannien hat das Green Producing frühzeitig aus den USA übernommen. Sie hatten schon früh einen CO₂-Rechner namens „Albert“ vereinheitlicht und als Standard für alle Filmproduktionen des Landes herausgegeben. Bei uns gibt es noch keinen Standard, sondern unterschiedliche Firmen, die aktiv sind. In Frankreich schüttet die Regierung einen Bonus für nachhaltige Medienproduktionen aus, vor allem für Kinofilme. Dabei hatte die Regierung weniger die Nachhaltigkeit im Fokus, als sie die Förderungen vorschlug, sondern sie wollte insgesamt Anreize schaffen, Filme zu produzieren. Und tatsächlich ist es so, wenn alle Filmproduktionsfirmen sagten: „Wir wollen das jetzt machen“, dann würde das Geld nicht reichen (lacht). Aber es ist zumindest mal ein Anfang.

Kann man einen Trend festmachen?

Ich denke, es wird sich überall etwas bewegen, aber wahrscheinlich zu langsam. Deswegen wird der Nachholbedarf vorhanden bleiben. Und ein Grund, weshalb die Initiative einer einzelnen Medienproduktionsfirma nicht so viel bewegt, ist die allgemeine Situation. Wenn ich nicht genügend Drehtage habe und nicht genügend Geld, um eine Sache auszuprobieren, dann gehe ich ein Risiko ein, dass an dem einen wertvollen Drehtag etwas schief gehen könnte, wenn ich eine nachhaltige Maßnahme teste. Deswegen müssen sich die Regelungen bei den Auftragsvergaben insgesamt ändern, damit sich die Firmen leichter tun.

Welche Argumentationshilfen können helfen? Können Sie drei Beispiele nennen?

Nehmen wir mal das Beispiel Ton. Bei einem Dreh wie dem „Tatort“ mit 90 Minuten braucht man im Allgemeinen 300 AA Batterien. Dasselbe könnte man mit 32 Akkus erreichen. Mit dem Einsatz von Akkus lassen sich 38 Prozent der Kosten und 99 Prozent der CO₂-Emissionen einsparen. Wenn es ans Kostensparen geht, sind immer alle mit dabei. Ein anderes Beispiel ist der Abfall. Durch Müllvermeidung und konsequente Trennung haben wir beim MFG-Green-Shooting-Pilotprojekt „Tatort: Fünf Minuten Himmel“ 70 Prozent CO₂-Emissionen und 276,61 Euro eingespart. Restmüll kostet, sortiertes Papier und Plastik nicht.

Und ein drittes Beispiel: Mit einem Veggie-Tag kannst du beim Catering sogar gleich 60 Prozent der Emissionen einsparen. Viel Müll und CO2-Ausstoß können zudem eingespart werden, indem man eine Person als Geschirr-Spüler beschäftigt. Dadurch entstehen etwas höhere Personalkosten. Und noch ein viertes Beispiel: Wenn du beim Büro für eine nachhaltige Umgebung sorgst, dann hast du als Firmenbesitzer leistungsfähigere Angestellte und weniger krankheitsbedingte Ausfälle. Das wird bisher bei der Medienproduktion gerne vernachlässigt. Man verheizt die Leute lieber und vertraut darauf, dass genügend nachkommen. Aber Fachkräftemangel dringt in alle Branchen ein. Und im Kampf um Mitarbeiter wird eine zukunftsorientierte, nachhaltige Arbeitsumgebung immer mehr zum Wettbewerbsvorteil.

Wie will Crew Tech die gesetzlichen Rahmenbedingungen im Rundfunkstaatsvertrag ändern?

Zum einen durch Vernetzung und Konferenzen. Dem Kommunizieren von Green Producing nach außen und den Kontakt in die Landesregierungen und zur Bundesregierung. Wir wollen es natürlich nicht beim Rundfunkstaatsvertrag belassen, sondern auch die Finanzierungsmöglichkeiten in den Blick nehmen.

Wie kann ich selbst als Medienschaffende aktiv werden?

Du schnappst dir aus den Checklisten die Maßnahmen, die dir für deine Produktion sinnvoll erscheinen. Und dann beziehst du dein Team ganz früh mit ein, kommunizierst positiv und ermutigst dein Team. Angst haben sowieso alle schon genug.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Green Producings?

Dass Nachhaltigkeit in allen Branchen selbstverständlich wird. Mobilität, Unterkunft, Lebensmittel, IT – ich wünsche mir eine kleine Umstrukturierung des ganzen Landes. Wozu haben wir denn die Kohle-, Mobilitäts- und Baukommission in der Bundesregierung? Überall muss sich etwas tun und bewegen. Ich würde mir wünschen, dass es in jedem Land selbstverständlich wird. Europaweit ist es schon so, dass Nachhaltigkeit als Querschnittsziel vorausgesetzt wird, wenn du eine Förderung beantragst.

Mitte Februar hat die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien anlässlich der Internationalen Filmfestspiele in Berlin einen deutschlandweiten einheitlichen ökologischen Standard vorgestellt. Wenn das gelingt, wären wir einen ordentlichen Schritt weiter. Unsere bereits vor zehn Jahren gestartete Initiative mündete dann in eine offizielle Politik.

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