Denn dieses Jahr lief so ziemlich alles anders, als geplant. Während sich Vieles um mich herum verändert, Menschen kommen und gehen und die Welt auf dem Kopf steht, bist du für mich da. Wie ein treuer Freund aus der Kindheit, der mich nie im Stich lässt. Durch die Ruhe, die du ausstrahlst, fühle ich mich geborgen und sicher. In deiner Nähe scheint die Welt für ein paar Tage still zu stehen. Als gäbe es für einen kurzen Moment keine Sorgen und keine Ängste.

Dein mattgrünes Mantelkleid ist von Jahr zu Jahr unverändert. Während wir Menschen ganz versessen danach sind, uns jedes Jahr neu zu erfinden, bleibst du deinem Antlitz treu. Statt der echten Tannennadeln ragen deine buschigen Plastikäste empor – die Enden allesamt mit Glitzer besprüht. Das kalte Gestell aus Eisen ist mit alter Watte abgedeckt. Durch die vielen Geschenke um dich herum wirkst du noch festlicher. Doch es sind nicht die Geschenke, die meine Aufmerksamkeit fesseln. Die interessieren mich schon lange nicht mehr. Seit dem ich den Weihnachtsmann jedes Jahr vergebens um eine Katze gebeten und nie erhalten habe, hat sich meine Freude über die Geschenke
getrübt. Und seitdem sich der bärtige alte Mann irgendwann ganz verkrochen hat, ist mit ihm auch der Zauber der festlich eingepackten Päckchen verschwunden. Mein Blick schweift nach oben und bleibt an dem billigen, knallbunten Lametta hängen. Dass man das heutzutage nicht mehr trägt, hast du wohl noch nicht mitbekommen. Ganz stolz präsentierst du deine Festpracht, auch wenn der Schmuck seine besten Jahre schon lange hinter sich gelassen hat. Doch ehrlich gesagt mag ich dich genauso wie du bist: Ein bisschen zu bunt, ein bisschen zu alt und ein bisschen zu kitschig.

Ein Beitrag von Alexandra Weigandt 

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