Suche
Close this search box.

Wie alles hätte sein können – durch die rosarote Brille

Ich öffne meine Augen, trauen kann ich ihnen jedoch nach wie vor nicht. Ich schaue mich um. Es ist ein lauer Herbstmorgen. Ich blicke in den Himmel, die Sonne scheint und kitzelt mir in der Nase. Ich rümpfe sie, um nicht niesen zu müssen. Ich erinnere mich, dass ich früher die Nase rümpfen musste, weil unausstehliche Gerüche wie Abgase, die Luft verpesteten. Vergangenheit. Die grüne Revolution ist tatsächlich gekommen und hat einigen Menschen allerhand Zeit, Mühen und Nerven gekostet. Es war 2021, als die Energiewende auf den letzten Drücker die Welt rettete. Die Nutzung von fossilen Brennstoffen sowie die Kernenergie wurden vollständig durch erneuerbare Energien ersetzt. Die alleinherrschenden Energiekonzerne gibt es nicht mehr. Heute werden alltägliche Dinge als Energiequelle genutzt – Gebäude, Straßen, Wege. Sogar, wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist, wird Energie erzeugt und in einem Trafo ähnlichen Gerät gespeichert. Quasi Akku aufladen durch Strampeln.

Alte Karosserien in neuem Glanz

Ich genieße noch einen Augenblick meine Aussicht und laufe los. Versunken in Gedanken an die Vergangenheit, schlendere ich durch die Straßen, die mit blühenden Bäumen umrandet sind. An einer Kreuzung komme ich zum Stehen. Unsterblich sind wir noch nicht, denke ich mir und blicke nach rechts und nach links, um die Straße zu überqueren. Ein Auto passiert überraschend die Kreuzung, denn anrollen habe ich es nicht gehört – so leise sind die Dinger. Früher waren sie teilweise unerträglich laut und mit ihren getunten Auspuffen die reinsten Luftverschmutzer. Jetzt laden sich die Batterien der Elektroautos durch die Sonneneinstrahlungen während der Fahrt selbst auf. Äußerlich haben sie sich kaum verändert. Die Karosserie ist die gleiche, der Lack ist das Besondere. Denn der enthält kleinste Solarzellen, die das Sonnenlicht direkt in elektrische Energie umwandeln und somit das Auto vorantreiben.

Ich lasse das Auto vorbeiziehen und überquere die Straße. Meine Aufmerksamkeit bündelt sich vor einem „Urban Gardening“-Projekt. Das sind ungenutzte Flächen in der Stadt, in denen nun gegärtnert wird. Das war früher schon beliebt, vereinzelt. Heute gibt es viele davon – genau so viele, dass sie die komplette Stadt mit saisonalem Obst und Gemüse versorgen können. Und seitdem es keine Wegwerfgesellschaft mehr gibt, kommt die Nahrung auch da an, wo sie gebraucht wird. Als Pakete aus wiederverwertbaren Verpackungsmaterialien, werden sie auf dem schnellstmöglichen Transportweg mit Hilfe von Drohnen verschickt, die sich wie kleine Windräder selbst mit Strom versorgen.

Ich setzte meinen Weg fort. An den großen, saftigen Apfelbäumen beschließe ich, mich im weichen Gras niederzulassen. Mit dem Blick in den blauen Himmel überlege ich, wie es damals war. Wie sähe die Welt ohne eine grüne Revolution aus? Dann hätten die Klimaforscher wohl recht behalten. Die Treibhausgasemissionen wären nicht rechtzeitig gesunken, um die Erderwärmung aufzuhalten. Dürre und zeitgleich extreme Wetterereignisse oder das Ansteigen des Meeresspiegels hätten unseren Lebensraum enorm eingeschränkt und teilweise unwiderruflich zerstört.

Unser Grundwasser wäre mit Salz infiltriert und somit für den landwirtschaftlichen Nutzen unbrauchbar – auf salzigen Böden kann keineswegs etwas Fruchtbares entstehen. Die Ernte würde weltweit schrumpfen und könnte nur noch die reichsten der Reichen versorgen – und die Ärmsten wären zu Klimaflüchtigen geworden. Waldbrände würden die Vielfalt der Tiere und Pflanzen stark reduzieren und sogar ganze Arten aussterben lassen.

Aus Mist Gold machen

Ich erinnere mich daran, dass auch die Landwirtschaft eine enorme Revolution durchleben musste, die damals zum Glück schon im Gange war. Denn sie gehörte zu den größten Übeltätern menschengemachter Klimagas-Emissionen – 40 Prozent aller Emissionen kamen aus der Landwirtschaft. Heute sind alle landwirtschaftlichen Geräte mit einer Mist-in-Energie-Umwandlungstechnik ausgestattet. Eine Biogasanlage, die etwa Pferdeäpfel direkt in Energie umwandelt. Anders als damals, als noch Mais zum Großteil dafür verwendet wurde, der wiederum wertvolles Ackerland blockierte und als Monokultur die Böden auslaugte und schädigte.

Meine Gedanken schweifen ab, und ich beschließe, meinen erholsamen Spaziergang fortzusetzten. Ich setze mich auf, verharre noch einen Moment und bemerke in der linken oberen Ecke meines Sichtfelds eine rote, blinkende Akkuanzeige. Das darf nicht wahr sein – nicht schon wieder. Traurig und genervt greife ich an meinen Kopf und versuche die unhandliche VR-Brille abzunehmen. Wieder eine kurze Dunkelheit. Als ich den Mut finde, meine Augen zu öffnen, schießen mir Tränen in die Augen und mein erster Gedanke überkommt mich: Es hätte einfach alles so schön sein können.

Share on:

Related Posts

KLEINFLUSSLIEBE – mein schwarzer Gast

Das ist die Kolumne zu Natur, Zeit und Medien von Torsten Schäfer, Projektleiter bei Grüner-Journalismus, Umweltjournalist und Professor für Journalismus und Textproduktion an der Hochschule Darmstadt. In FOLGE 5 der KEINFLUSSLIEBE geht es um einen Vogel, der lange fern blieb und nun zurückgekehrt ist.

weiterlesen
Skip to content