Von Torsten Schäfer

Spiegel Online-Autor Axel Bojanowski beklagt sich in seinem jüngsten Artikel über die Mehrdeutigkeit des Begriffs der „Nachhaltigkeit“; sie mache ihn unbrauchbar für die Berichterstattung. Dieses Argument verfängt nicht. Denn in der öffentlichen Debatte existieren viele solcher unscharfen Klammerworte, die näher erklärt, spezifiziert und kritisch hinterfragt werden müssen – zuvorderst von Journalisten. Sie sind die ersten Verständlichkeitswächter, die Worthülsen umdrehen, sie auf ihren Gehalt überprüfen und im Zweifelsfall, bei inhaltlicher Leere, auch übersehen dürfen.

Nur ist Nachhaltigkeit das Gegenteil: keine Floskel ohne Bedeutung sondern eine dreihundert Jahre alte, gereifte zivilisatorische Idee, die zum begrifflichen Kernbestand, ja zu einem universellen Wert, in Gesellschaft, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft geworden ist. Der Begriff hat eine enorme Relevanz; kein Journalist sollte vor ihm weglaufen. Er sollte sich – ganz im Gegenteil – der Komplexität stellen und den Wortgehalt von verschiedenen Seiten umrunden, abtasten und selbst durchdringen. Der Gehalt ist stark gewachsen, denn etliche nationale und internationale Gesetzestexte haben „Nachhaltigkeit“ in sich aufgenommen. Nachhaltige Entwicklung ist zum einem Leitmotiv politischer Programme wie auch unternehmerischen Handelns geworden. Und unter dem gleichen Schlagwort laufen unzählige aktuelle Forschungsprojekte, Studiengänge, Bildungsinitiativen und Kommunikationskampagnen.

Wer sich dem Begriff, und damit dem begrifflichen Forschen und Denken, verweigert, riskiert diese Schauplätze und Aktivitäten zu übersehen. Gerade Journalisten können sich das nicht erlauben, denn sie sind professionelle Worterklärer. Die gleiche Aufgaben haben sie bei anderen mehrdeutigen Konzepten: Sei es Demokratie, Gleichberechtigung, soziale Gerechtigkeit oder die Natur selbst – die Liste der großen Begriffe, die bei genauerem Hinsehen umstritten sind, auf den ersten Blick aber einen Deutungskonsens liefern, ist beliebig lang.

Vom großen Wert der Klammerworte

Im spontanen Deutungskonsens, den die differenzierende Analyse dann aufbricht, liegt die Stärke der Begriffe an sich. Sie sind in der Lage, viele unterschiedliche Themen und Deutungen unter ihrem wörtlichen Dach zu vereinen und somit Komplexität massiv zu reduzieren. Deshalb liebt die Öffentlichkeit diese Worte. Demokratie steht erst einmal für Mitbestimmung, und Nachhaltigkeit für ressourcenschonende Generationengerechtigkeit – soviel ist den meisten klar. Über die genaueren Ziele, Wege und Interessen muss dann gesprochen und gestritten werden.

Bei Begriffen wie der Demokratie haben wir uns schon daran gewöhnt: Direkt, repräsentativ, konstitutionell – wir haben gelernt, kleine Ergänzungen hinzuzufügen, die große Unterschiede ausmachen. Bei der Nachhaltigkeit gibt es die Akzeptanz der Widersprüchlichkeit und den Umgang mit ihr noch nicht. Zu jung ist der Begriff, zur kurz die Dauer seiner massenhaften öffentlichen Verwendung.

Nachhaltigkeit ist eine Dimension, kein geschlossenes Thema. Umso wichtiger sind Kompetenzen in Einzelthemen - ohne das Konzept der Nachhaltigkeit zu vergessen.

Nachhaltigkeit ist eine Dimension, kein geschlossenes Thema. Umso wichtiger sind Kompetenzen in Einzelthemen – ohne das Konzept der Nachhaltigkeit zu vergessen.

Junger Mediendiskurs

Erst jetzt, seit rund zehn Jahren, fängt ein vitaler und kontroverser Nachhaltigkeitsdiskurs in Medien an, zu dem der Spiegel Online-Text beiträgt. Denn nur im Diskurs kann geklärt werden, was unterschiedliche Lager mit nachhaltiger Entwicklung verbinden, was ein Energiekonzern im Sinn hat, wenn er von nachhaltiger Versorgung spricht und dem gegenüber eine Bürger-Genossenschaft meint, die einen Windpark betreibt. Wichtig ist nur, dass die Akteure wirklich darüber sprechen. Bojanowski unterstellt durch sein universelles Urteil und die Beliebigkeit der angeführten Beispiele allen möglichen Umwelt- und Naturschutzprojekten eine permanente Nachhaltigkeitsphraseologie.

Diese gibt es aber nicht in dem Maße. Oft ist immer noch, ganz altmodisch, von Umwelt und Natur die Rede. Nachhaltige Entwicklung – und hier liegt ein entscheidender Unterschied zu anderen Begriffen aus der grünen Sphäre, sei es Energiewende oder Artenschutz – ist keine Thema, sondern eine Dimension. Ein Leitmotiv, das genauer ausbuchstabiert werden muss und erst in Bezug zu seinem Unterthema, der konkreten Geschichte samt ihren Akteursstandpunkten, an Schärfe gewinnt. Auch das erklärt den Ärger, den der Autor verspürt.

Wo Bojanowski recht hat

Bojanowski hat recht, wenn er immer wieder auf die Unübersichtlichkeit in der Nachhaltigkeitsdebatte hinweist; greenwashing, das journalistisch hinterfragt werden kann, gehört oft dazu. Gefördert wird der Deutungsdschungel durch viele unterschiedliche Theorien zur Nachhaltigkeit, die medial allerdings kaum angesprochen werden. Auch deshalb bleibt dem Schlagwort die Klärung öfter versagt. Es gibt Theorien, die unternehmerische Nachhaltigkeit als Grundlage für gesellschaftlichen Wandel auffassen. Auf der anderen Seite stehen Verständnisse einer „starken Nachhaltigkeit“, die den Naturhaushalt, gedacht als planetare Grenzen, als Basis ansehen. Einfach gesagt steht hier die ökologische Spitze des viel zitieren Nachhaltigkeitsdreiecks, das den Ausgleich von Ökologie, Ökonomie und sozialer Sphäre im Blick hat, vorne an.

In der Tat ist die Gleichberechtigung dieser drei Ebenen in der bekannten Dreieck- Definition ein Problem. Denn die angestrebte Balance der teils konkurrierenden drei Akteurswelten lädt jede dazu ein, den Begriff für sich zu reklamieren. Genau hier sollte Journalismus ansetzen und kritisch fragen, was genau mit Nachhaltigkeit gemeint ist. Die Offenlegung der verschiedenen Modelle wäre ein erster Schritt für eine bessere Debatte. Ein zweiter wäre die eigene Verortung, wo möglich. Auch hier lässt der Spiegel Online-Autor seine Leser im Unklaren.

Plädoyer für starke Nachhaltigkeit

Vieles spricht dafür, dass eine starke Nachhaltigkeit, die nochmals in verschiedene Modelle unterteilt werden kann, eine angemessene und klare Diskursgrundlage ist. Zu umfassend ist unser gesellschaftliches Handeln – und damit die Zukunft der jetzt noch funktionierenden Systeme – vom Zustand des Systems Erde abhängig, als dass man dieses nicht als universellen Betrachtungsrahmen und generelle Entwicklungsdeterminante wählen sollte. Ein schlüssiges Plädoyer für eine solche Logik hat etwa der Kieler Philosoph Konrad Ott in seiner 2010 erschienenen Umweltethik ausformuliert.

Weniger schlüssig ist die Art, wie Bojanowski Nachhaltigkeit auf grundlegende, sehr verschiedene Fragen von Natur- und Landschaftsschutz bezieht. Der Hinweis etwa, dass Kulturlandschaften wie die Lüneburger Heide von Menschen gemacht sind und von ihnen gleichzeitig als ursprüngliche Naturlandschaft angesehen werden, geht argumentativ ins Leere. Die damit verbundene Aussage, dass Natur bei näherem Hinsehen einen dynamischer Prozess und kein starres Gebilde darstellt, ist zwar richtig und eine potenzielle Quelle für spannende Mediengeschichten. Doch die bekannte naturphilosophische Fragestellung bleibt in Bojanowskis „Analyse“ ein schlichter Fakt, der gegenüber der Nachhaltigkeit keinen logischen Aufforderungscharakter gewinnt.

Recht hat er, will man an diesen Stellen immer wieder sagen. Aber die willkürliche Aneinanderreihung von bekannten ökologischen Zielkonflikten (Ringelgans: Artenschutz vs. Ackerbau; Biokraftstoffe) und umwelthistorischen Erkenntnissen hilft insgesamt nicht dabei, die Begriffswelt der Nachhaltigkeit analytisch aufzubohren. Die Schritte sind zu lang; dort, wo der Wissenschaftsjournalist aus Hamburg Nachhaltigkeit überall vermutet, ist sie nicht zu sehen.

Ein schlachtenähnliches Naturverständnis

Die deskriptive Begriffskoketterie erfährt einen Höhepunkt, wenn Greenpeace mit seinem Namen als Argument für die Fluchtthese herhalten muss. Dass dann „Natur eher mit permanentem Krieg verglichen werden könnte“ und „jede Spezies danach trachtet, sich auf Kosten anderer auszubreiten“, verwundert restlos. Ein solch schlachtenähnliches Naturverständnis ist wissenschaftlich, das heißt v.a. ökologisch, einseitig und unbewiesen. Natur = Krieg. Und diesen beobachten verklärte Romantiker oder harte Realisten – diese Aufteilung, die im Text erkennbar ist, wird weder der Leserwelt noch den kritisierten Journalistenkollegen gerecht.

Diese haben übrigens keine verstärkte Sehnsucht nach Nachhaltigkeit! Sicher: Redaktionen produzieren seit rund zehn Jahren deutlich mehr Artikel, Beiträge, Serien, Rubriken, Sonderseiten und ganze Magazine, die sich mit Einzelthemen aus dem weiteren Spektrum der Nachhaltigkeit befassen – gerne versehen mit der Symbolik des grünen Lebens oder Wirtschaftens. Und manchmal steht dort auch Nachhaltigkeit drauf. Die meisten Journalisten hegen aber immer noch eine gewisse Skepsis gegenüber dem Wort selbst – aufgrund seiner offenkundigen Unschärfe und inflationären Verwendung. Den Versuch, für sie die Ideen und Konzepte hinter dem Begriff transparent zu machen, unternimmt die Medienplattform Grüner-Journalismus der Hochschule Darmstadt seit Februar 2014.

Ziel ist es dabei gerade nicht, Nachhaltigkeit überall voranzustellen, das Wort in die Überschrift zu packen oder gar eigene Ressorts zu benennen. Ziel ist es vielmehr, das Konzept der nachhaltigen Entwicklung gemäß der journalistischen Arbeits- und Denkweise zu behandeln: zuerst konkretere Einzelthemen wie Energiewende, Mobilität oder Klimawandel aufzuarbeiten und sie dann, wenn nötig, mit der Nachhaltigkeitsidee und ihren Hintergründen in Verbindung zu bringen. Aus dieser Verbindung entstehen ganz neue journalistische Fragestellungen und Themenverknüpfungen, wie zahlreiche journalistische Seminare und Übungen an der Hochschule Darmstadt, der Universität Lüneburg sowie viele Weiterbildungsangebote im Feld des Umweltjournalismus zeigen.

Nachhaltigkeit muss nicht immer angesprochen werden

Nocheinmal anders gesagt: Nachhaltigkeit muss nicht ganz vorne stehen, und sie muss auch keineswegs immer auftauchen, wenn es um einzelne Umweltprobleme geht. Um diese aber miteinander in Verbindung zu setzen und neue Verknüpfungen zu sozialen, kulturellen und ökonomischen Perspektiven zu schaffen, gibt es kein besseres Betrachtungswerkzeug als das Konzept der nachhaltigen Entwicklung. Sie ist ganzheitlich orientiert, multikausal und interdisziplinär wie auch global angelegt. Und ihre ethische Perspektive geht über die rein wissenschaftlich-ökologische Analyse hinaus: Fragen nach Lebensqualität, Gerechtigkeit und Partizipation werden gestellt und somit die Möglichkeit geschaffen, Umweltprobleme in andere Debattenfelder und damit Leserwelten zu führen. Gerade für die Berichterstattung über den Klimawandel tun sich hier neue Möglichkeiten auf.

Denn die bisherige Klimakommunikation, so schrieb Axel Bojanowski einst, sei größtenteils durch ihre Leblosigkeit und Menschenferne gescheitert. Recht hat er. Umso spannender ist es, mit dem Blickwinkel nachhaltiger Entwicklung auf das Thema zu schauen: Klimafolgen, Klimaethik, die Vernetzung des Klimawandels mit Energiewende, Mobilitätswende, Ernährungswandel und Artensterben, der Bezug zur Wachstumsgesellschaft und steter Beschleunigung, die grüne Sinnsuche einer erschöpften Gesellschaft – das sind kommende Themenwelten, die sich aus dem klassischen Klimaansatz heraus entwickeln lassen. Wer also eine traditionelle Umweltberichterstattung zusammendenkt mit Zukunft, Generation, Ressourcen, Gerechtigkeit und Ganzheitlichkeit – kurzum, mit Mustern der Nachhaltigkeit – kommt spontan auf neue Ein- und Ansichten. Es lässt sich mit einfachen Gedankenexperimenten ausprobieren.

Torsten Schäfer, geb. 1977, ist Professor für Journalismus an der Hochschule Darmstadt und Redaktionsleiter von Grüner-Journalismus.de. Er arbeitete von 2009-2013 als Wissenschaftsredakteur bei der internationalen GEO-Ausgabe sowie zuvor als freier Redakteur in der Online-Redaktion der Deutschen Welle.

 

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