Raus aus dem Gas? Was Studierende denken – Jean-Marc Meisel (6)

Seit dem Beginn der Invasion Russlands in der Ukraine scheint klar: Russland kann mittelfristig nicht mehr als verlässlicher Partner für Europa angesehen werden. Vielfach werden kurzfristige Optionen diskutiert, die russische Wirtschaft in Folge der Aggression gegen das Nachbarland. Auch ein möglicher sofortiger Lieferstopp fossiler Energieträger aus Russland ist Gegenstand der Debatte. Doch der würde Deutschland und Europa zunächst mehr schaden als dem Kreml. 

Soviel vorweg: Die Abhängigkeit von russischem Gas ist ein massives Problem. Allein angesichts der Klimakatastrophe ist unverantwortlich, an fossilen Energieträgern wie Gas und Kohle festzuhalten und ein Ausstieg aus diesen mittelfristig zwingend notwendig. Unmittelbar wäre ein sofortiger Stopp von Importen russischen Gases jedoch fatal. Viele Gründe dafür sind hausgemacht. 

Das leere Versprechen von der Brückentechnologie

Nennenswert ist etwa der verschleppte Umbau der Energieversorgung im letzten Jahrzehnt. Mit dem Ausstieg aus der Atomenergie in Folge der Havarie von Fukushima 2011 waren größere Verschiebungen im deutschen Energiemix politisch beschlossene Sache. Doch statt schon damals einen entschiedenen Fokus auf erneuerbare Energien zu legen, erhöhte die Politik den Anteil von Strom aus fossilen Trägern. Gaskraftwerke galten lange als „Brückentechnologien“, um auch den Schwenk weg von der Kohleverstromung zu wagen. Diese Fehleinschätzungen drohen sich nun zu rächen. Denn mit dem dogmatischen Glauben an diese Übergangstechnologie blieb nicht nur das Tempo des Ausbaus grüner Energien hinter der praktischen Notwendigkeit zurück. Auch wurde es versäumt, politische Weichen für diese zu stellen. Noch heute hinkt etwa der Ausbau der Windenergie hinterher. Der Grund: ein föderalistischer Flickenteppich mit unterschiedlichen, teils absurd hohen gesetzlichen Hürden wie Abstandsregeln, langwieriger Genehmigungsverfahren und Widerständen von Bürgerinitiativen. 

Auch im Wohnsektor hat die Bundesregierung eine Transformation weg von fossiler Energie verschlafen. Nach Angaben des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz werden immer noch rund 48 Prozent der Wohnungen mit einer Erdgasheizung versorgt, 25 weitere mit Öl. Ein Stopp der russischen Erdgasexporte würde für rund die Hälfte der deutschen Haushalte also kalte Winter oder, falls einige Thermen ersatzweise mit LNG betrieben werden könnten, explodierende Kosten bedeuten. Beides ist Sprengstoff für den sozialen Frieden. 

Ohne Gas keine Industrie

Neben dieser Prognose erscheint es beinahe nebensächlich, dass Erdgas auch in der Industrie ein wichtiger Rohstoff ist. Die chemische Industrie ist auf Gas als Ausgangsstoff für etliche Produkte ebenso angewiesen wie viele Anlagen in der verarbeitenden und Lebensmittelindustrie. Diese Abhängigkeiten können nicht einfach von heute auf morgen behoben werden. 

So wünschenswert ein sofortiger Stopp der Gaseinfuhr wäre – die Bundesrepublik verfügt aktuell nicht über die passenden Werkzeuge, diesen Stopp konsequent umzusetzen. Bevor die Maßnahme eine wirkliche Option ist, brauch es ein Sofortpaket, um Deutschland strukturell darauf vorzubereiten. Denn solange Politik, Wirtschaft und Privathaushalte keine wirkliche Alternative haben, schwebt die Drohung eines Gasstopps von Seiten des Kremls wie ein Damoklesschwert über mehr Köpfen als uns lieb sein kann.

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