© IAMO / Foto: Markus Scholz

David Baldauf: Herr Balmann, lassen Sie uns gleich zu Beginn ein großes Fass aufmachen: Sind Sie mit dem derzeitigen Zustand der deutschen Landwirtschaft zufrieden?

Balmann: Das ist eine sehr komplexe Frage. Sagen wir es mal so: Es gibt Etliches, das sich ändern muss. Und wir haben einige Baustellen, mit denen sich die Landwirtschaft ganz grundlegend auseinandersetzen muss. Jedoch sind die Bedingungen dafür, dass immer alles perfekt ist, leider sowieso nie gegeben. Es gibt immer Anpassungs- und Veränderungszwänge, etwa Entwicklungen in der Wirtschaft oder innerhalb der Gesellschaft. Die gehen immer mit einer gewissen Zeitverzögerung vonstatten. Das dauert also. Aber gerade in Hinblick auf Umwelt- und Tierschutz haben wir natürlich noch einiges an Arbeit vor uns. Und ja, da hätte schon viel früher mehr passieren müssen.

David Baldauf: Der öffentliche Schrei nach mehr Bio und regionalen Produkten wird gefühlt immer lauter. Würden Sie sagen, dass das Thema Landwirtschaft bei den Menschen im Alltag an Bedeutung gewinnt?

Balmann: Ja, wobei man da auch immer fragen muss, ob das, was die Gesellschaft von der Landwirtschaft erwartet, berechtigt ist. Wenn etwa die Gesellschaft etwas anderes kauft, als das, was sie vorgibt zu kaufen, wird es schwierig. Denn dann tun die Landwirte ja trotzdem das Richtige und müssen sich gar nicht anpassen. Wenn aber neue landwirtschaftliche Erkenntnisse aufzeigen, dass eine Veränderung ansteht – wie etwa beim Thema Grundwasser – dann ist klar, dass etwas passieren muss. Dann ist klar, dass die Gesellschaft es nicht hinnehmen kann, wenn gewisse Ressourcen von einem Sektor einseitig stark verbraucht und belastet werden.

„Wenn sich alle ausschließlich von Hähnchenfleisch und Eiern ernähren würden, dann könnte man vielleicht sogar das Futter für die Tiere in Hamburg produzieren.“

David Baldauf: Sie haben eingangs kurz den Tierschutz erwähnt. Sind nicht schon allein überregionale Tiertransporte eine große Belastung für die Ressource „Tier“?

Balmann: Ich denke, dass man da unterscheiden muss. Es gibt Transporte, die vermieden werden sollten – etwa, wenn Tiere bei großer Hitze durch halb Europa gekarrt werden sollen. Wenn es aber darum geht, dass ein Tier von der Weide zum Bauernhof gebracht werden muss, dann stellt sich schon die Frage, ob da die psychische Belastung auch so hoch ist. Und es gibt nun mal auch Bereiche, wo der Tiertransport über längere Strecken notwendig ist, eben weil verschiedene Regionen Tiere mit unterschiedlicher Genetik halten möchten. Aber da liegt natürlich allen etwas daran, dass das Tier möglichst gesund an seinem Ziel ankommt.

David Baldauf: Und was wäre, wenn man Landwirtschaft so lokal wie möglich betreiben würde? Die Metropolregion Hamburg verfügt über 28.500 Quadratkilometer. Gäbe es in Hamburg überhaupt genügend Landfläche, um ausreichend Tiere für den täglichen Fleischbedarf halten zu können?

Balmann: Da käme es darauf an, welche Tiere. Wenn sich alle ausschließlich von Hähnchenfleisch und Eiern ernähren würden, dann könnte man vielleicht sogar das Futter für die Tiere in Hamburg produzieren. Wenn allerdings auch Milchprodukte und Rindfleisch gegessen werden sollen, dann wird es natürlich schwierig. Das müsste ganz anders aussehen, was daran liegt, dass die Art des Futters eine ganz andere und auch die Effizienz der Futterverwertung durch die Tiere gravierend anders ist. Wenn man ein Kilogramm Hähnchenfleisch herstellt, dann ist das extrem futtereffizient. Bei Kühen produziert man eben Gras. Aber da die Futterverwertung bei Kühen eine ganz andere ist, wird am Ende viel mehr Energie benötigt, um die gleiche Menge an Kalorien zu erzeugen. In der Region Hamburg wächst Gras zwar besonders gut, aber die Umwandlungsprozesse vom Gras zur Milch und zum Rindfleisch sind natürlich nicht so flächeneffizient wie es bei Geflügel beispielsweise der Fall ist. Also wenn sich Hamburg dazu entschließen würde, sich nur noch von Geflügel zu ernähren, dann wäre das hinsichtlich der zur Verfügung stehenden Landfläche vielleicht möglich. Aber dann gäbe es wahrscheinlich keinen Platz mehr für die Häuser der Menschen.

David Baldauf: Was frisst ein Huhn denn überhaupt so?

Balmann: Im besten Fall Getreide, mit einer Zugabe von Calcium für seine Eier, und dann noch ein hochwertiges Eiweiß wie Soja, vom dem wir Menschen uns übrigens auch gut ernähren können.

David Baldauf: Interessant. Wäre es dann auch möglich, die Hühner nachhaltig unter Bio-Standards zu halten? Oder müsste das Ganze konventionell vonstatten gehen?

Balmann: Da würde einiges gegen Bio sprechen, zumindest so lange sich die Ernährungsweisen nicht erheblich verändern und man den Konsum tierischer Produkte einschränken würde. Denn im Öko-Landbau braucht man wesentlich mehr Fläche als bei konventioneller Tierhaltung. Im Grunde kann man schon sagen, dass man 50 % mehr Fläche benötigt. Das Problem ist ja nicht nur, dass das Öko-Huhn oder die Öko-Kuh gehalten werden muss, sondern die Tiere brauchen dann ja auch Öko-Futter. Und da sind bei der Bio-Produktion ja auch die Erträge deutlich niedriger.

„Wenn wir Mensch und Tier so hochkonzentriert an einem Standort hätten, dann wäre das eine enorme Stressbelastung für alle Lebewesen.“

David Baldauf: Mal eine grundsätzliche Frage: Angenommen, Hamburg würde nur noch innerhalb seiner Stadtgrenzen Fleisch produzieren, die Verbraucher*innen würden somit wieder näher an die Tierhaltung und den Prozess der Schlachtung herankommen. Denken Sie, es täte unserer Gesellschaft gut, näher am Geschehen zu sein?

Balmann: Da stellt sich in erster Linie die Frage wozu. Wenn es etwa um eine Art Schulungsprozess gehen würde, dann wäre die Frage, ob es nicht auch so etwas wie Schauschlachthöfe geben könnte, wo die Bevölkerung sehen kann, wie etwas passiert. Aber es würde ja auch noch andere Dinge geben, die mit einer innerstädtischen Tierhaltung einhergehen. Ein Stall stinkt nämlich auch mal. Es gibt Ammoniak-Emissionen. Und die würden eben nicht nur zu einer Geruchsbelästigung führen, sondern auch in einem nicht unerheblichen Ausmaß zur Feinstaubbelastung beitragen. Wenn wir Mensch und Tier so hochkonzentriert an einem Standort hätten, dann wäre das eine enorme Stressbelastung für alle Lebewesen.

David Baldauf: Aber ist es denn nicht auch so, dass Tierhaltung und -Schlachtung außerhalb von Stadtgrenzen vonstatten gehen, damit die Menschen nicht sehen, wie all das produziert wird?

Balmann: Ich sehe kein grundsätzliches Problem darin, dass ein Schlachthof innerhalb der Stadtgrenzen existiert. Die Anwohner würden davon wahrscheinlich gar nicht so viel mitbekommen – außer, wenn sie einen Tiertransporter sehen. Aber auch der verbreitet gerne mal einen strengen Geruch und stellt dadurch natürlich wiederum eine Belastung für die Anwohner dar – vor allem dann, wenn Tag und Nacht etliche Transporter den Schlachthof anfahren.

David Baldauf: Lassen Sie uns zum Schluss ein weiteres großes Fass öffnen: Ist das in Deutschland etablierte Landwirtschaftsmodell auf lange Sicht noch zukunftsfähig?

Balmann: Wir haben eine Reihe von Baustellen, etwa im Bereich des Tierschutzes, des Klimaschutzes oder des Biodiversitätsschutzes. Die Liste könnte man noch weiterführen. Die Frage ist, wie man das mit den Konsuminteressen der Menschen verbinden kann. Ohne Frage müssen wir mit unseren Acker-Grünlandflächen und den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen besser umgehen. Denn unsere Natur ist knapp, unser Grundwasser ist knapp, saubere Luft ist knapp und auch Tierwohl ist ein knappes Gut. Eine sehr intensive und konzentrierte Form der Landwirtschaft könnte die wichtigen Schutzmaßnahmen potentiell ermöglichen. Es gibt dazu aber auch andere Sichtweisen – etwa die, die sich für eine weitaus naturnähere, langsamere Landwirtschaft ausspricht.

David Baldauf: Würde es denn der Landwirtschaft nicht am ehesten helfen, wenn sie nicht länger Tiere als Ressource nutzt?

Balmann: Dann stünde die Landwirtschaft vor einem riesigen Transformationsprozess, weil dann ganz neue Produktionsweisen entwickelt werden müssten. Der Ackerbau würde nach wie vor vonstatten gehen. Dazu müsste man dann schauen, ob die uns zur Verfügung stehenden Ackerflächen ausreichen würden, um für uns wichtige Nährstoff-Lieferanten, wie Leguminosen, ausreichend anbauen zu können. Es gäbe dann natürlich auch riesige Landschaftsumbrüche. Denn anders als bei den weiterhin genutzten Ackerbauflächen würde bei den Grünlandflächen eine Verwaldung eintreten. Vielleicht könnte man das entstehende Holz dann für den Ausbau einer Bioenergie und Biochemie nutzen – den Nutzwert müsste man ausrechnen. Fakt ist jedenfalls: Es würde einen gravierenden Umbruch geben.

David Baldauf: Herr Balmann, vielen Dank für das Gespräch!

Balmann: Ich danke Ihnen!

Interview: David Baldauf

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