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Den Inuit auf der Spur – eine Reporterin spezialisiert sich

Von Victor Riley

“Wie kann man als Journalistin absolut neutral bleiben in dieser Welt?”, fragt Sonia Luokkala. Es ist eine ernst gemeinte, offene Frage, zur gleichen Zeit aber auch eine rhetorische. Denn ihre eigene Antwort darauf lautet: Sie kann es nicht.

Luokkala ist 32, stammt aus Finnland und, arbeitet seit 2004 als freie Journalistin. Seit 2007 beschäftigt sie sich vor allem mit dem Klimawandel und seinen Auswirkungen. Dabei stellt sie sich immer wieder der Grenze zwischen Journalismus und Aktivismus. Vor vier Jahren etwa, als sie noch in Finnland arbeitete, rückte sie der Chefredakteur einer finnischen Zeitung in einer E-Mail in die Ecke esoterischer Umweltaktivisten: „Sind Sie jemand, der Bäume umarmt?“ Luokkala schrieb zu der Zeit an einer Geschichte über ein Gasleck in Los Angeles, Tausende Menschen mussten evakuiert werden. Sie bezog eine klare Position gegen die Betreiberfirma des Erdgasspeichers. Damit eckte sie an, sagt sie. Aber sie sagt auch: “Es gab da keinen anderen Weg als Position zu beziehen.”

Von Finnland nach Alaska

Luokkala zog 2013 nach Homer, an der südlichen Kante Alaskas, gemeinsam mit ihrem Ehemann. Dessen Familie kam aus der Gegend; für sie fühlte es sich „sofort wie zu Hause“ an. Zwei Jahre zuvor war sie in die USA emigriert.

Die 6000-Einwohnerstadt Homer liegt in einer jener Gegenden Alaskas, in denen der Klimawandel besonders deutlich zu spüren ist. Schon in den 1990ern befielen Käfer die Fichtenwälder der Kenai-Halbinsel, auf deren südöstlichen Spitze Homer liegt. Sie vernichteten die Bäume und ließen zum Ende des Befalls, 2004, Brachland auf 1,4 Millionen Hektar Fläche zurück. Der Auslöser: aufeinander folgende, warme Sommer, die die Populationen der Käfer schnell wachsen ließen.

Die mittlere Temperatur in Homer steigt seit den Aufzeichnungen Ende der 1940er Jahre fast gleichbleibend an. Schon im Dezember 2007 wurde Homer zur ersten Gemeinde Alaskas, die sich eine eigene Klimaagenda gab, im Auftrag des damaligen Bürgermeisters und begleitet von einer Task Force gegen die Auswirkungen des Klimawandels.

Versinkende Dörfer

Wie Homer geht es vielen anderen Dörfern, in denen vornehmlich indigene Inuit leben. Als sie nach Alaska zog, recherchierte Luokkala zu “sinking villages” – Gemeinden, deren Boden wegen des tauenden Permafrosts und mehr Regen und Schnee einsinkt, erodiert und an den Küsten vom steigenden Meeresspiegel überflutet und abgetragen wird. Eigentlich wollte sie nur einen längeren Artikel darüber schreiben. Dann entstand die Idee, daraus einen Film zu machen. Es wäre ein logischer Schritt gewesen, sagt sie, denn die Geschichte stelle fundamentale Fragen über die Weise, wie der Mensch mit seiner Umwelt umginge. Geschriebenes Wort würde dem nicht gerecht werden. Für sie ist Film das einzige Medium, das ermöglicht, aus der Perspektive der Protagonisten zu erzählen – und nicht aus jener einer schreibenden Journalistin zu berichten. Und das sei gerade bei indigenen Völkern wichtig.

Zu oft, sagt Luokkala, werden sie als wehrlose Opfer dargestellt, stereotypisiert. Das rücke sie in eine passive Rolle, verletze ihren Stolz, fördere das Misstrauen in Medien und entmachte sie. Ihr Dokumentarfilm, der den Titel “Sila” trägt, soll diese Fehler nicht begehen, stattdessen den portraitierten Inuit eine eigene Stimme geben. Über Crowdfunding hat der Film sein Finanzierungsziel von knapp 27.000 Dollar erreicht. Neben Luokkala als Drehbuchautorin und Produzentin arbeiten fünf Filmemacherinnen und Redakteurinnen, unter anderem aus Alaska und Kalifornien, an dem Projekt. Zwei Indigene unterstützen sie als Berater.

Misstrauische Sami zu Hause

Der Kontakt zu indigenen Völkern war Luokkala nicht neu. Eine gute Schulfreundin gehörte zu den Samen, einem indigenen Volk, das als Minderheit in den Gebieten Schwedens, Norwegens, Finnlands und den nördlichsten Teilen Russlands lebt. Luokkala wuchs in ehemaligem Samen-Land auf, doch deren Kultur fand im westlich geprägten Alltag der Finnen kaum statt.

Erst die Kindheitsfreundin schärfte ihren Blick für das Volk .Deren Großvater war Rentierzüchter, verlor sein Land an Investoren – eine Erfahrung, die ihn wie viele der Samen mit gleichem Schicksal traumatisierte. Meist versuchten sie, ihre Herkunft und Zugehörigkeit zu verbergen, erzählt sie. Als Luokkala sich später als Journalistin, mit der Kultur der Samen beschäftigen wollte, verwehrten ihr die Gemeinschaften oft den Zugang. Zu groß war das Misstrauen, außenstehenden Einblicke in ihre gefährdete Kultur zu gewähren.

Als sie nach Alaska zog, arbeitete sie zunächst weiter für finnische Medien. Ihre Englischkenntnisse hätten nicht dem Standard der Printmedien entsprochen, meint sie. Diese Übergangszeit ließ sie ihre bisherige journalistische Arbeit reflektieren. Und hinterfragen, wofür sie als Journalistin stehen wollte. Wie schon in Finnland, suchte sie auch in Alaska den Kontakt zur indigenen Bevölkerung. Sie stellte sich darauf ein, wieder zurückgewiesen zu werden – denn auch in Alaska hätten „Journalistenethische Grenzen überschritten“, Vertrauen gebrochen mit boulevardisierter, schaulustiger Berichterstattung. Doch es gelang ihr, sich vorsichtig an einzelne Gemeinden heranzutasten und somit ihr Vertrauen zu gewinnen. Auch, weil sie sich nicht als Journalistin verstand, die lediglich das Leid der Indigenen dokumentieren wollte. Stattdessen verstand sie sich als Verbündete, die ihre Sorgen ernst nahm und mit ihrer Berichterstattung gleichzeitig für die Rechte der Indigenen eintreten wollte.

Neben dem, was die Einheimischen ihr berichteten, begriff Luokkala als neue Bewohnerin Alaskas selbst, wie stark der Klimawandel die Natur um sie herum beeinflusste. Sie erinnert sich, wie sie mit ihrer Tochter am Strand Seesterne aufsammelte, die wegen der Versauerung des Wassers verendeten und schließlich an die Küste gespült wurden. Gleichzeitig sah sie sich erneut mit der Geschichte indigener Völker konfrontiert, die tief verwurzelt mit der Natur waren, und die ihre Existenz nun von den klimatischen Veränderungen bedroht sahen.

Sie flieht vor den Bränden

Seit 2017 lebt sie mit ihrem Ehemann im nördlichen Kalifornien. Sie zogen dorthin, kurz bevor im Oktober 2017 rund 250 Waldbrände über der Gegend wüteten. Etwa 100 tausend Hektar Fläche brannten, das Feuer zerstörte fast neuntausend Häuser. Innerhalb von zwei Jahren mussten Luokkala und ihr Ehemann zwei Mal wegen des toxischen Rauchs den Wohnort wechseln, einige ihrer Freunde vor Ort verloren ihre Häuser in den Bränden. Sie will wieder zurück nach Homer, sagt sie, auch wenn die Lage in Alaska kaum besser aussieht – in der Sommerhitze 2019 brannten auch dort Flächen von einer Millionen Hektar. Waldbrände sind in Alaska keine Seltenheit, beginnen aber meist erst im August, wenn die Umgebungstemperaturen ihren Höchstwert erreichen. Die Feuer 2019 brachen schon Ende April aus.

Zwischen Kalifornien und Alaska sieht Sonia Parallelen – in beiden Gegenden ändert sich das Klima drastisch, die Auswirkungen des Klimawandels rauben den Menschen Lebensraum. Die Art und Weise, wie die Einwohner damit umgingen, sei aber sehr verschieden. Gesprochen würde über die Brände in Kalifornien und deren Auslöser in ihrer Nachbarschaft nur wenig, und besonders für sie als Zugezogene sei es einfach, “zusammenzupacken und umzuziehen.” In Alaska hingegen ginge das nicht so einfach. Die Menschen dort sind auf ihr Land angewiesen – insbesondere die indigene Bevölkerung. Nicht zuletzt, weil ihre Kultur eng mit dem Grund und Boden verbunden ist, auf dem sie seit Tausenden von Jahren siedeln. Verlieren sie ihr Land, geht auch ein Stück indigene Kultur verloren, sagt Luokkala.

Das Unglück der Yu’pik-Indianer

In ihrem Film begleitet sie etwa eine Ausgrabung in Quinhagak, einem Dorf der Yu’pik Indianer. Hier wäscht die Beringsee Teile der Küste immer weiter aus, der steigende Meeresspiegel und getaute Permafrost lässt das Land erodieren. Das nimmt der Gemeinde nicht nur Fläche zum Leben: Im Boden finden sich archäologische Artefakte aus Zeiten vor der Kolonialisierung, manche über tausend Jahre alt. Etwa kunstvoll ausgearbeitete Holzmasken für schamanische Rituale und geschnitzte Figuren – miteinander verschmolzene Robben, Eulen und Wale. Symbole der indigenen Gebräuche und Spiritualität, die christliche Missionare im 19. Jahrhundert verbaten, heute jedoch für die kulturelle Identität der Indigenen wichtiger denn je sind. Die Ausgrabungen laufen unter Hochdruck, denn immer mehr vom Land wird überschwemmt, und damit Artefakte einer sehr alten Kultur einfach weggespült.

Der Verlust von Land hat jedoch weitaus drastischere Folgen als nur ideelle: Über 30 Dörfer in Alaska verlieren seit Jahrzehnten an Fläche. Einige so sehr, dass ein Umzug unausweichlich wäre. So zum Beispiel Kivalina, ein Inseldorf in der Tschuktschensee, nördlich des Polarkreises. In den vergangenen 50 Jahren hat sich die Landfläche mehr als halbiert, von etwas mehr als 20 im Jahr 1953 auf derzeit unter elf Hektar.

Prognosen des U.S. Army Corps of Engineers, ein Kommando der Army, das Bauprojekte unterstützt, rechnen damit, dass die Insel 2025 unbewohnbar wird. Baumaßnahmen der Army – Schutzwälle an der Küstenlinie – hatten zwar den Abtrag durch das Meer verlangsamen, aber nicht stoppen können. Schon 1992 stimmten die knapp 400 Einwohner, die meisten von ihnen Inuit, für eine Umsiedlung. Doch das nötige Geld wurde nie vom US-Kongress bereitgestellt.

Kivalina klagt

2009 verklagte die Gemeinde Kivalina sogar einen großen amerikanischen Energie- und Öllieferanten und 23 weitere Firmen im Öl- und Energiesektor: Sie tragen maßgeblich zum Klimawandel bei, der wiederum das Dorf und die Lebensgrundlage seiner Einwohner – Lachsfischen und gelegentlicher Walfang, sowie die Jagd auf Robben, Walrösser und Karibus – “auslöschen” würde, so lautete die Klage. Die Gemeinde forderte Schadensersatz – und wurde vom Bezirksgericht abgeschmettert. Klimawandel sei kein legales, sondern ein politisches Problem.

Für Sonia Luokkala verschwimmen an dieser Stelle die Grenzen zwischen Journalismus und Aktivismus. Indem sie über die Probleme der Indigenen berichtet, will sie Bewusstsein schaffen und den Völkern eine Stimme geben. Bis Herbst 2020 sollen die Dreharbeiten für “Sila” noch dauern.

“Alles verändert sich so schnell; die Erwärmung, Stürme, Versauerung der Meere, Zerstörung von Lebensräumen, Artensterben”, sagt Luokkala. Das Narrativ des Klimawandels als Auslöser von Naturkatastrophen sei ermüdend und so gut wie ausgeschöpft, sagt sie. “Aber wir können es uns nicht leisten, uns von dieser Krise abzuwenden.”

Mit “Sila” will sie jenen Menschen Aufmerksamkeit zuteilwerden lassen, die zu dieser Krise am wenigsten beigesteuert haben, aber am stärksten von ihr betroffen sind.

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