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Natur als journalistischer Resonanzraum – Skizzen für neue Wege

Von Torsten Schäfer

Im Rahmen der Lehr- und Forschungsprojekte zu medialer Nachhaltigkeit, Umweltjournalismus und Klimakommunikation ist für mich die Kernfrage, mit welchen Formen Journalismus die Folgen vieler Umweltprobleme und des Klimawandels anders sichtbar, ja auch erfahrbar und spürbar machen kann (siehe hierzu v.a. die Hintergründe zum Forschungsprojekt „Klimageschichten“ sowie Fachtexte zu neuen Formen etwa im Medium Magazin oder Fachjournalist).

Rein informative, berichtende Formen, die die kognitive Wahrnehmung bedienen, werden immer ob ihrer Informationsdichte und Bedeutung für den aktuellen Journalismus sehr wichtig bleiben; dennoch sind die Grenzen dieser Art der Vermittlung hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Bildungs- und Transformationspotenziale offensichtlich geworden. Lebendige, neue Wege der Umwelt- und Naturberichterstattung werden vielfach angemahnt (siehe hierzu die neue, bundesweite Erdfest-Initiative oder Interviews mit dem Philosophen Andreas Weber und Martin Meister), die auch eine ganzheitliche Rezeption ermöglichen, sei es durch eine Wahrnehmung auf intuitiver, emotionaler, sensitiver oder gar meditativer Ebene, womit auf die Kommunikationskonzepte des Philosophen und Journalistik-Professoren Claus Eurich verwiesen wird. Ausführlichere Überlegungen hierzu habe ich 2017 nach der Konferenz „Die Große Transformation und die Medien“ in der Evangelischen Akademie auf der Berliner Insel Schwanenwerder in einigen Thesen dargelegt.  

Auf dem Darmstädter Waldkunstpfad üben angehende Onlinejournalisten Naturbeschreibungen und fiktive Erzählformen

Primat für erdbezogene Nachhaltigkeit

Das Primat für eine erdbezogene Nachhaltigkeit, die Lebensqualität u.a. durch eine gesundere ökologische und soziale Umwelt ins Zentrum rückt, habe ich auf meiner Hochschulwebsite sowie bei Grüner-Journalismus mit Peter Seeger aufgeschrieben. Sie markieren einen deutlichen Unterschied zu beliebigen, schwachen Nachhaltigkeitsdefinitionen im Sinne des bekannten Nachhaltigkeitsdreiecks.

Die Notwendigkeit eines sichtbaren, steten sozialen Ökologiebezugs massenmedialer Kommunikation, die sich normativ im Rahmen des Grundwertes der Nachhaltigkeit ebenso verorten sollte wie im Rahmen von Demokratie oder Völkerverständigung (siehe meine Ausführungen dazu im Video hier), wird empirisch wie theoretisch durch die Debatten zum Anthropozän, den planetaren Grenzen und auch jüngst den neuen Arbeiten des französischen Philosophen und Soziologen Bruno Latour betont, der in seinem „Terrestrischen Manifest“ die Raumfrage in die kultur- und sozialwissenschaftliche Theoriebildung zum Klimawandel einführt.

Sichtbare Verlusterlebnisse

Überall geht es um konkrete, sichtbare und verortete Verlusterlebnisse von höchster ökologischer, ökonomischer sowie sozialpsychologischer Relevanz, sei es das Abholzen von Urwäldern, das Abschmelzen des arktischen Eises, die Plastikverschmutzung der Weltmeere, die Nitrat- und Arzneimittelrückstände in Flüssen und Seen, die Luftbelastungen in deutschen Städten, das Artensterben bei heimischen Insekten und Vögeln oder die tägliche Versiegelung von Naturflächen.

Überall stellt sich daher die Frage, wie Medien sich dazu verhalten – engagiert oder vermeintlich neutral (siehe hierzu meinen Vortrag am KIT) – welche Formen sie wählen und auch, welche Frames und Narrative sie spielen. Also ob diese immer gleich sind und den vielfach dominanten technokratischen und ökonomischen Debattenmustern folgen. Oder ob sie sich womöglich an Vielfalt orientieren und auch kulturelle und psychologische Deutungen in den Blick nehmen, die Bezüge zu indigenen Traditionen haben können (siehe hierzu die Sammlung vielfältiger Klimanarrative) und Verbindungen zur manifesten, von den Landmagazinen, Serien und Dokumentarfilmen zelebrierten neuen Sehnsucht nach schöner Natur, romantischer Heimat sowie fordernder Wildnis zelebrieren.

In diesem Kontext ist bisher kaum eine Theoriebildung im europäischen Raum erfolgt, was auch daran liegt, dass die Journalismusforschung bisher kaum auf die ökologische Fragestellung schaut (siehe dazu den Buchaufsatz von Roy Kroevel), da sie deren soziale Bedeutung im Sinne einer sozial-ökologischen Gesellschaftstheorie (siehe hierzu etwa das ISOE) aufgrund von oft kleinteiliger sowie vielfach rein empirischer Fragestellungen ignoriert hat.

Anleihen bei der Kommunikationsökologie

Ältere Theorien wie die der Kommunikationsökologie, die neben der ökologischen Sphäre auch die Zeitfrage sowie vor allem die Technisierung und deren Bedeutung für Gesellschaft und Individuum in den Vordergrund stellt, böten sich als Bezugsrahmen an; Verknüpfungen mit neueren Trends wie Slow Media sind hier gut möglich (siehe dazu meinen Aufsatz mit Peter Seeger). Dennoch muss neben der Frage nach neuen Vermittlungsformen – und hier bietet sich zuvorderst die Analyse des erfolgreichen, journalistisch-literarischen Genres nature writing an – eine eigenständige Theoriebildung erfolgen. Sie nimmt Anleihen bei den bisher angesprochenen Autoren und setzt – neben umfangreichen Überlegungen zu umweltjournalistischem Storytelling (siehe mein Forschungsprojekt „Klimageschichten“) auf dem von Tobias Eberwein beschriebenen Trend hin zu einem Literarischen Journalismus auf, der neue Formen und Genres ins Zentrum der Betrachtung rückt.

Die Chance dieser Theoriebildung liegt darüber hinaus in der Beantwortung des Verhältnisses von Digitalisierung und ökologischer sowie sozialer Nachhaltigkeit, der sich in jüngster Zeit Tilmann Santarius sowie vor allem Richard Louv mit starken Argumenten für ganzheitliche Perspektiven gewidmet haben.

Skizzen einer medialen Wildnistheorie

Zweitens kann eine mediale Natur- und Wildnistheorie, wenn man die Ansätze so fassen will, die interdisziplinäre Grundlage sein, um aus kommunikationswissenschaftlicher sowie auch journalistisch-praktischer Sicht die gesellschaftliche Bedeutung einerseits sowie anderseits die wirtschaftlichen Erfolgspotenziale hinsichtlich der neuen sozialen Sehnsucht nach Natur in der breiten Masse zu verstehen – und diese dann auch medienökonomisch zu schöpfen mit neuen Formaten, Formen und auch ganz neuen Medien. Die unglaubliche Erfolgsgeschichte der Landhefte steht für dieses ökonomische Momentum und zeigt ebenso an, wie weithin die Bedeutung von Natur als neuem gesellschaftlichem Resonanzraum in der Medienbranche unterschätzt worden ist – und auch weiter unterschätzt wird, so lange man dieses Themenfeld als ein abgegrenztes begreift und nicht im Rahmen einer holistischen Sicht den Erdrahmen als Betrachtungsfeld medialen Handelns aufspannt. 

Erste Skizzen einer solchen Theoriebildung habe ich am Tag der Nachhaltigkeit der Hochschule Darmstadt 2017 in einem Vortrag sowie später bei der Tagung zu den „Narrationen der Nachhaltigkeit“ 2018 bei der Schader-Stiftung versucht – mit der heuristischen Sammlung von ganzheitlichen „Verbundenheitsansätzen“ in der publizistischen Praxis sowie v.a. sozial- und kulturwissenschaftlichen Theoriebildung und auch Forschung. Besonders wichtig scheint mir hier die Verbindung mit der Resonanztheorie von Harmut Rosa zu sein, die ich in drei Masterseminaren zu „Medien, Muße, Zeit und Achtsamkeit“ thematisiert habe.

Das Darmstädter Echo berichtete über das Projekt „Waldmenschen“ und die dahinter stehende, bundesweite Erdfest-Initiative, die eine ganzheitliche Naturkommunikation versucht

Nature Writing als Spielform eines literarischen Umweltjournalismus

Die publizistisch stärkste Bewegung ist gerade das Nature Writing, das ich in einem Dossier für den Journalismus versucht habe handhabbar zu machen (siehe auch die Vorarbeiten im Dossier zu Biodiversität und Medien aus dem Jahr 2014). Hier arbeitete ich die Erfahrungen mit ein, die ich bei Gastvorträgen an die Universitäten in Freiburg und Siegen machen konnte; beide Male diskutierte ich mit Literarturwissenschaftlerinnen wie Gabriele Dürbeck (Vechta), Evi Zemanek (Freiburg) und Berbeli Wanning (Siegen) die aktuelle Bedeutung des nature writing in der Öffentlichkeit sowie die Chancen, die das Genre für den Journalismus bietet.

In meiner Lehre spielt das Genre schon länger eine Rolle durch einzelne Übungen und Kurzexkursionen im Master Medienentwicklung und auch Schreibwerkstätten mit Darmstädter Gymnasien. In diesem Sommer habe ich in der Lehre sowie extern einige Kurse im praktischen nature writing gegeben, die mich bei der Theoriebildung sowie der Entwicklung neuer Lehrformate weitergebracht haben.

Ich gab Kurse bei der naturphilosophischen Tagung der Cusanus-Hochschule in Bernkastel-Kues und beim viertägigen nature writing-Seminar des British Council, zu dem maßgebliche Autoren aus Großbritannien unter der Schirmherrschaft von Robert MacFarlane nach München kamen; mein Austausch mit ihnen, und hier v.a. Helen MacDonald, war besonders wertvoll. Weitere, ehrenamtliche Seminare für den UNESCO-Geo-Naturpark Bergstraße Odenwald folgen noch, für den ich auch die Naturkolumne „Geschichten von Stein und Sein“ verfasse.

Lehrredaktion arbeitet zu „Waldmenschen“

An der Hochschule arbeitete im Sommersemester 2018 eine umweltjournalistische Lehrredaktion des BA Onlinejournalismus an Porträts zu Menschen, die eine besondere Beziehung zum Wald (siehe Projektbeschreibung hier sowie Artikel im Darmstädter Echo). Der zweite Schwerpunkt waren Übungen zum nature writing im Dieburger Wald, auf dem Darmstädter Oberfeld und zum Schluss auf dem Internationalen Waldkunstpfad in Darmstadt.

Flankiert habe ich diese Übungen, die ganz verschiedene Schreibperspektiven einnahmen (z.B. Deep-Mapping, Baumporträt, Panoramareflexion, Anthropomorphisieren) mit Theoriebausteinen zu Verbundenheitsansätzen, Umwelt- und Klimajournalismus sowie der Bedeutung von Natur als gesellschaftlichem Resonanzraum. Die Rückmeldungen der externen Teilnehmer (Journalisten, schreibende Wissenschaftler, Nachwuchsschriftsteller) und meiner Studierenden zu den Übungen waren so positiv, dass es mir nötig erscheint, hier noch tiefer zu arbeiten und ganze Blockseminare mit Lernorten im Freien auszurichten, die sich auf journalistisches nature writing beziehen.

Welche Klimanarrative nutzen indigene Journalisten?

Ebenso werde ich in den kommenden Semestern Kurse zur Natur als Raum für mediale Kreativität sowie dem Wandern als einer Kreativitäts- und Schreibfördertechnik anbieten; im Wintersemester 2018/19 fragen und testen wir mit einem BA-Seminar für die Erdfest-Initiative neue mediale Formen, um junge Zielgruppen für Natur und Wildnis zu interessieren.  

Basis für diese nächsten Schritte sollen auch neue umwelt- und wildnispädagogische Kenntnisse sein, die ich bei der Wildnisschule Weltenwandler in einer einjährigen Weiterbildung erwerbe; erste Seminare habe ich dort schon besucht. Es geht mir um erweiterte Kenntnisse zu ganzheitlichen Perspektiven auf Kommunikation und Nachhaltigkeit sowie konkret verschiedene, v.a. auch indigene und in den USA entwickelte Lehren zur Naturwahrnehmung und Umweltpsychologie, die in dem Jahreskurs auftauchen. Er vermittelt jedoch auch darüber hinaus didaktische Kompetenzen zur Organisation eigener pädagogischer Formate, was ebenso nützlich ist für mein medienethnografisches Forschungsprojekt zu medialen Klimanarrativen indigener Minderheiten.

Dies war ursprünglich eine Teilstudie des 2018 abgeschlossenen Projekts „Klimageschichten“, jedoch habe ich es wegen der aufwändigen Forschungszugänge beschlossen, die Interviews und Beobachtungen in Nordskandinavien mit Lehraufenthalten in Oslo zu verbinden und so ein eigenes, längeres Vorhaben daraus zu machen. Der Feldzugang und die Zusammenarbeit mit Lokaljournalisten und Naturreportern der indigenen Sámi war mir nur durch meine ökologischen Kenntnisse möglich; auch die Rolle als Angler war wichtig, um in der Gruppe als gleichwertig akzeptiert zu werden. Entsprechend wichtig sind für diese Art der Forschung weitere, vertiefte Wildniskenntnisse und v.a. auch praktische Fähigkeiten. Interviews liefen erst an, als ich beim Rentiertreiben half, keine Scheu vor der Schlachtung zeigte und auch der Hochebene am Tag vorher das Gatter in langer Arbeit mit vorbereitete.

Einfühlsam, faktenreich, bestenfalls hoffnungsvoll

Welche Klimanarrative diese Minderheiten kennen und medial nutzen ist gegenüber dieser sehr konkreten Praxis wiederum die Forschungsfrage, an die ich die Feldarbeit immer wieder anbinden muss. Gleiches gilt für die nature writing-Übungen, die immer unter der Frage geschehen, wie bewegende und einfühlsame, gleichzeitig aber doch relevante, faktenreiche sowie bestenfalls auch ausblickende, gar hoffnungsvolle Texte und multimediale Beiträge zu den multiplen Ökologiedesastern unserer Zeit entstehen können. Wenn wir uns diesen existentiellen Vorgängen in Theorie und Praxis anders widmen, können wir sie kommunikativ besser begleiten, gesellschaftlich besser verständlich machen und so mit an den Bedingungen arbeiten, die für ihr Eindämmen oder gar Beenden nötig sind. Und in denen darüber hinaus schon die Vorstellungen für eine sozial-ökologischen Handlungsrahmen entstehen, der dem Anthropozän angemessen erscheint.

Verbunden mit dieser Zielsetzung arbeitete ich mit Studierendengruppen daher bereits an Szenerien für eine klimagerechte Gesellschaft, die bei dem Bonner Klimagipfel 2017 einer internationalen Delegation vorgestellt wurden – und baue das Feld des Konstruktiven Journalismus als Teil dieser „journalistischen Zukunftskompetenz“ in Textseminare und umweltjournalistischen Kurse mit ein, die über die Jahre zusammen mit Peter Seeger zu einem Lehrschwerpunkt „Nachhaltigkeit und Journalismus“ an der h_da geführt haben.     

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