Stefan Schridde ist Gründer des Vereins „Murks – Nein Danke!“ (Quelle: schridde.org)

Zunächst einmal würde mich interessieren, welches Handy Sie besitzen und wie lange schon?

Ich habe ein BQ. Ich gehe so sorgfältig damit um, da dachte ich, ich könnte einen Defekt vermeiden. Dann habe ich mich draufgesetzt – jetzt habe ich einen Sprung im Bildschirm. Für mich ist es aber am wichtigsten, ein Smartphone zu haben, dessen Betriebssystem stets aktuell unterstützt wird.

Wie wurden Sie auf die Theorie der geplanten Obsoleszenz, also des schon bei der Produktion geplanten Verschleißes, eines Geräts aufmerksam?

Ich bin seit über 30 Jahren Projektmanager und unter anderem Beschaffer großer Unternehmen gewesen. „Einer von der anderen Seite“, könnte man sagen. Im April 2011 habe ich dann die Doku „Kaufen für die Müllhalde“ gesehen und beschlossen, dafür zu sorgen, dass das aufhört. Ein Jahr später entstand daraus „Murks? Nein Danke!“ als Website, ein weiteres Jahr später der gleichnamige Verein, wieder ein Jahr später mein Buch.

Welche Rückmeldungen gab es dazu aus der Gesellschaft?

Auf die Veröffentlichung der Website folgten mehr als vier Jahre ständiger Präsenz auf Medienkanälen jeglicher Art. Es kam, wie ich es erwartet hatte: Jeder Mensch hatte schon mal ein Erleben mit geplanter Obsoleszenz, denkt aber, das sei ein Montagsfehler, oder er hätte schlicht Pech gehabt. Mit dem Aufzeigen, dass das ein unter anderem gewollter Serienfehler ist, eine aus Gründen betrieblicher Entscheidungen entstandene Situation, folgte die Aufmerksamkeit der Fernsehsender – und schließlich Reaktionen tausender Verbraucher und Zuschauer.

Welcher war der häufigste Fall geplanter Obsoleszenz, den Sie während Ihrer Aufklärungsarbeit beobachten konnten?

Einer der Fälle, den wir als erstes aufgedeckt haben, war der Elektrolyt-Kondensator. Er ist der Inbegriff des geplanten Verschleißes. Und er ist ein Grund dafür, dass es Repair Cafés gibt, denn eigentlich lässt er sich leicht reparieren. Aber Elektrolyt-Kondensatoren kann man in vielen Produkten finden und an fast allen zeigen, dass sie fehlplatziert sind. Würde man sie anders in den Geräten einbauen, könnten sie viel länger haltbar sein. Und das ist eben eine Schwachstelle, an der man erkennt: Der Hersteller tut dies entweder mit Absicht oder aus Blödheit. Beides sind keine guten Gründe.

Ich lese häufig, dass geplante Obsoleszenz nicht so einfach nachzuweisen ist?

Im Gegenteil, sie lässt sich extrem leicht nachweisen. Nicht ohne Grund ist sie schon ein ganzes Jahrhundert lang Diskussionsthema. Diskutieren wir hier seit über 100 Jahren über ein Thema, das es nicht gibt? Es gibt viele schöne Wörter dafür: Geplante Gebrauchsdauer bei den Ingenieuren, Kürzung der Wiederbeschaffungszyklen bei uns BWLern – das klingt auch hübsch. Ich gehe heute so weit, dass ich sage: Ich kann an 80% der Konsumgüter zeigen, wie sie unter sonst gleichen Kosten mit dreifacher Haltbarkeit hergestellt werden könnten. Der einfachste Beweis? Kabelbruch! Jeder Produktentwickler weiß: Wenn ich mein Kabel mit abrupten Übergängen von hart auf weich baue, muss es an dieser Stelle zum Bruch kommen. Wer das trotzdem so produziert, hat kein Qualitätsmanagement. Oder er gibt zu, ohne jede Not die Schwachstelle Kabelbruch erzeugt zu haben.

Treffen bei Kabeln eckig und rund aufeinander, ist der Kabelbruch vorprogrammiert. Ein klassischer Fall der geplanten Obsoleszenz. (Quelle: Adam Birkett on Unsplash)

Wie könnte man dagegen vorgehen?

Wir fordern eine Kennzeichnungspflicht der Negativeigenschaften eines Produkts. Dafür eignet sich zum Beispiel eine Reparaturampel, die aufzeigt, wie leicht das Produkt repariert werden kann. Genauso wichtig ist es für den Kunden, zu wissen, ob langfristig Ersatzteile verfügbar sind. Außerdem muss die geplante Gebrauchsdauer laut Entwickler öffentlich werden, diese ist im Lastenheft vermerkt. Hierfür gäbe es eine Position im Barcode. Würde man dafür sorgen, dass der Hersteller die geplante Gebrauchsdauer dort verpflichtend angibt, könnte der Verbraucher diese ganz einfach mit einem Barcodescanner einsehen. Ganz fundamental müssen wir jedoch Qualität für alle wieder zum Standard machen. Ich arbeite außerdem gerade an einem neuen Produkt: „Einsrichtig“. Die Idee dahinter ist, mit einer Gruppe aus Entwicklern jedes Produkt auf dem Markt nochmal neu zu erfinden – als modularen Baukasten. Und sich dabei Gedanken zu machen, wie das Produkt aussehen müsste, damit es zerlegbar und reparierbar ist, unter guten Produktionskosten.

Und was können wir so lange tun?

Gebraucht kaufen. Nahezu alle Produkte im Regal sind zu Ende erfunden, wir müssen nicht auf Innovationen warten. Stattdessen gibt es so viele runderneuerte, gebrauchte Gegenstände, die man kaufen kann. Wenn ich trotz allem neue Produkte kaufen möchte, sollte ich vor dem Kauf prüfen, ob ich es reparieren kann und im Zweifel den Verkäufer darauf ansprechen. So zeigen wir dem Handel, was unsere Erwartungen an ein Produkt sind.

Kann man Veränderungen im Handel nur durch Gesetzesentwürfe erreichen, oder kann das Umdenken anders gelingen?

Das ist für mich eine der zentralen Überlegungen. Vermutlich müssen wir in ein anderes Gewicht in der Gesellschaft kommen. Natürlich hat die Politik eine wesentliche Aufgabe. Aber was viel wichtiger ist, ist, dass wir als Gesellschaft und Unternehmen eine neue Arbeitsbalance entwickeln müssen. Denn die Probleme, die es nach 200 Jahren falsch gelaufener Industrialisierung aus dem Weg zu räumen gilt, brauchen die Hilfe beider Seiten. Das bedeutet auch mehr Mitbestimmungsrecht im Betrieb selbst: Zum Beispiel in Form von Vetorechten, damit der Ingenieur in Zukunft sagen kann „Nein, so ein Produkt entwickle ich nicht.“ Und vor allem Whistleblower Schutz, so etwas geht dann wieder von der Politik aus. Ich stelle mir aber immer vor, wie die Fridays For Future Generation eines Tages im Betrieb arbeitet und sagt: „Mit mir kannst du nicht mehr so arbeiten.“. Spätestens dann kann auf allen Ebenen dafür gesorgt werden, dass wieder anständig und qualitativ gearbeitet werden kann.

Wenn Produkte immer länger haltbar bleiben, haben dann nicht viele Unternehmen die berechtigte Sorge, kein Wachstum mehr entfachen zu können?

Der aufgeklärte Konsument denkt so, BWLer nicht. Unternehmen haben meistens nicht nur ein Produkt. Verliert ein Unternehmen das eine Produkt, kann es mit den gleichen Maschinen und gleicher Kompetenz auch andere Produkte herstellen. Das Interessante ist ja – und das habe ich in meiner Forschung herausgerechnet – dass dreifache Produkthaltbarkeit 100 Milliarden Euro in Deutschland freisetzen würde. Wenn also alles länger haltbar wird, kaufen wir nicht weniger, sondern einfach andere Dinge.

Um noch einen Exkurs zu machen: Wo sehen Sie ein gelungenes Beispiel der Verbindung von Nachhaltigkeit und Digitalisierung?

Digitalisierung ist ein zweischneidiges Schwert, denn häufig wird der Ressourcenaspekt außer Acht gelassen. Auf der anderen Seite sehe ich aber immer öfter, wie Digitalisierung helfen kann, deutlich nachhaltiger zu leben. Da haben wir zum Beispiel Ebay. Ebay ist der beste digitale Flohmarkt, den wir haben. Man kann über Ebay denken, was man will, aber es ist ein Tool, das hilft, die Nutzungskaskade zu verlängern. Auch Skype ist ein Tool, das helfen kann, um nachhaltiger zu leben. Digitalisierung kann vieles ermöglichen. Alle Digitalisierungsinstrumente, die uns helfen können, unsere Kommunikationskultur partizipativer, kommunikativer, inklusiver und integrativer zu gestalten sind die zentralen Digitalisierungstools, die helfen werden, die Industrialisierung nachhaltig voranzubringen.

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