Die Waldkolonie. Ich laufe an einer Dönerbude vorbei, die auch Eis, Pizza und Brötchen verkauft und biege in eine Siedlung ab. Die immer gleichen Häuser stehen nebeneinander, in hell orangenen und grünen Farbtönen gestrichen. Alles ist sauber, ordentlich, gepflasterte Wege führen von Tür zu Tür. Ein Junge rennt aus einer dieser Türen, will Fußball spielen. Seine Mutter schaut ihm aus dem Fenster hinterher. Er dreht sich um, als würde er den Blick auf seinem Rücken spüren. Auf der Wiese zwischen den Häusern ein Vogelhäuschen, es zwitschert. Bei jedem Windstoß rauscht das Laub. Geschrei vom nahe gelegenen Spielplatz, klirrendes Geschirr aus dem offenen Fenster. Sonst Stille. 

Hier, vor der Hausnummer 4, warte ich auf Simone. Simone kenne ich aus dem ersten Semester, sie wohnt nur einen kurzen Fußweg in die Siedlung hinein von mir entfernt. Wir fuhren mit dem gleichen Bus zur Uni, aßen gemeinsam Pizza in dem Restaurant, über dem ich wohne. Im Sommer fuhren wir mit dem Fahrrad zum Darmstädter Waldfriedhof, den ich als Zugezogene damals noch nicht kannte. 

Dann wechselte Simone ihren Studiengang. Sie fuhr nicht mehr mit dem Bus, sondern mit dem Zug nach Frankfurt, zur Uni. Der Kontakt brach nach immer weniger werdenden Nachrichten auf WhatsApp ab. Auf Instagram fand ich ihren Account nicht mehr. Jetzt stehe ich vor ihrer Tür. Wir wollen wieder Mal zu dem Ort, den sie mir vor zwei Jahren zeigte. Zum Waldfriedhof. Ein Ort, der ihr schon damals viel bedeutete. Und der ihr heute, das merke ich schnell, noch viel wichtiger geworden ist. Hier ist sie fernab von jedem Druck. Hier fühlt sie sich wohl, macht sie sich frei, von allem, was die Außenwelt von ihr erwartet. Von all den Erwartungen, die sie selbst an sich stellt. 

Es dauert nur einige Minuten, bis wir vom gepflasterten Weg auf einen dichten Pfad gelangen. Am Rand drängen sich Bäume, Gräser, Unkraut. Und schon sind wir fernab. Fernab vom Gedränge, der Stadt, der Autobahn, die man plötzlich nicht mehr hört, obwohl sie doch nur wenige Kilometer von uns entfernt liegt. Wir laufen mal links, mal rechts. Während ich schon längst die Orientierung verloren habe, läuft Simone zielstrebig vor, in Jeans, Turnschuhen und Jacke. Ihre Tasche hat sie schräg um die Schulter geworfen.

„Ein ganz einfaches Leben“ 

Wie denn jetzt ihr Studium laufe, was sie so mache, ob sie noch zum Sport gehe. Meine Fragen sind die üblichen Fragen. Wirtschaftswissenschaften habe sie abgebrochen, das sei nichts für sie. Jetzt studiert sie seit drei Monaten auf Grundschullehramt, arbeitet drei Mal in der Woche in einem nahegelegenen Einkaufszentrum. Nach dem Studium, das wisse sie schon, wolle sie nach Bayern ziehen. „Bayern?“ frage ich mich und sie, doch erstaunt. Meine Freunde von zu Hause, meine Kommilitonen, meine Mitbewohner – niemand will nach Bayern. Einige nach München, vielleicht. Aber dann doch lieber: Berlin, Frankfurt, Hamburg, Köln ist ja auch ganz cool. Dahin, wo was geht. 

Doch Simone will dort auf dem Land von acht bis 14 Uhr Kindern das Lesen und Schreiben beibringen, danach mit dem Fahrrad in ihr kleines Häuschen – eine Wohnung sei auch okay – zurückfahren. Am Nachmittag wandern gehen, spazieren, eine Runde mit dem Fahrrad drehen. Und dann zurück nach Hause zu ihrer Familie. „Ein ganz einfaches Leben.“ Ich begreife. Bin überrascht: Simone ist 21 Jahre alt und weiß im Gegensatz zu den meisten meiner Generation schon ganz genau, was sie später machen möchte, wo sie einmal sein will. 

Wir erreichen ein Holztor, Simone drückt ihren Handrücken dagegen, mit einem Quietschen geht es auf. Das Gefühl der Beklommenheit, das mich sonst bei Betreten von Friedhöfen überfällt, bleibt aus. Über uns die Baumkronen, links und rechts am Wegesrand die Gräber. Langsam spazieren wir die Pfade entlang. Laufen an Bänken vorbei, die zum Dableiben einladen.

Der Waldfriedhof liegt tatsächlich im Wald, ist aufgebaut wie ein Kreis. Selbst wenn man auf den Hauptwegen die ganze Zeit geradeaus geht und einen langsam das hilflose Gefühl zu überfallen droht, man habe sich verloren, findet man irgendwann wieder raus und erreicht einer der runden Torbögen, die mit feinen, bunten Malereien darauf, majestätisch den Eingang des Friedhofes markieren.

Sie läuft langsamer, kennt ihr Ziel

Simone läuft immer noch zielstrebig, wenn auch langsamer. Sie kennt sich hier aus. Spricht davon, dass sie hier regelmäßig herkommt. „Ich lasse dann mein Handy zuhause und gehe einfach los.“

An einer Mauer biegen wir ab und laufen auf dem Rasen zwischen den Gräbern entlang. Ein Eichhörnchen springt von einem Grabstein mit frischen, lilafarbenen Stiefmütterchen darauf auf den Baumstamm, hangelt sich an der Rinde entlang und starrt uns sekundenlang an, um danach kurzerhand wieder zu verschwinden. 

Sie komme öfter hierher, setze sich auf die Bank, beobachte und füttere die Eichhörnchen. „Das klingt immer so blöd, wenn man sagt, dass man auf den Friedhof geht.“  Aber für sie sei ein Ort, an den sie geht, um Ruhe zu finden und vor allem: nur für sich, nur mit sich zu sein. Hier, so erklärt sie mir, versuche sie sich abzukapseln, versuche sie sich von Erwartungshaltungen, die Instagram, Facebook, die der Alltag da draußen an sie stelle, freizumachen. 

Hier, an ihrem persönlichen Zufluchtsort, versucht sie einfach nur zu sein. Ich spüre ihren Sätzen nach, und ja: Zwischen wild wachsenden Sträuchern und rosafarbenen Blüten, die sich in den Himmel reckenden Baumkronen, merkt man schnell, was diesen Ort so besonders macht. Denn hier wirkt der Tod nicht mehr bedrohlich. Er hat sich eingefügt, gehört eben dazu, ganz natürlich. 

„Der Mensch braucht einen Gegensatz“

„Wenn wir immer am Handy sind, dann braucht der Menschen irgendwann wieder einen Gegensatz“, sagt sie. „Auf Dauer macht das ja nicht glücklich. Ich habe seit einem halben Jahr kein Snapchat und Instagram mehr. Ich suche mehr hier meinen Rückzug, als in meinem Handy. Wir alle suchen nach Glück und Anerkennung. Und das werden wir in unserem Smartphone nicht finden, weißt du?“ 

Ihre Worte machen mich nachdenklich. War nicht Simone diejenige gewesen, der die Meinung anderer so wichtig waren? Die zum Sport ging, um besser auszusehen, ihre Haare täglich mit Kokosöl pflegte, um sich, aber doch auch andere damit zu beeindrucken? Doch etwas scheint sich verändert zu haben. Schon immer hat Simone viel nachgedacht, sich die Kommentare und Erwartungen anderer zu Herzen genommen. Doch auf Dauer damit umzugehen, hat für sie nicht funktioniert. Und statt bei dem ewigen Spiel der sozialen Medien mitzumachen, hat sie sich für einen extremeren Weg entschieden. 

Gegensätze zum Instagram-Leben

„Es ist schade, dass Instagram ein Leben propagiert, das wir selbst niemals führen werden können. Dieses perfekte Leben, Beziehung und Haus, ohne Misserfolge, ohne Krankheiten. Aber das gibt es nicht.  Das hat mich alles innerlich gar nicht weitergebracht. Da bringt es mir mehr wenn ich hier hingehe und wieder weiß, was ich machen möchte, was meine Ziele sind, als wenn ich mich permanent ablenken lasse.“

Es scheint, als hätte Simone diesen Erwartungen nicht standhalten können. Auf den Boden schauend, läuft sie neben mir her. Erwähnt immer wieder Instagram, das Fernsehen, das ja schon, das merke sie auch in der Schule, den Kindern etwas zeige, das nicht erfüllt werden kann. 

„Du hast hier keinerlei Ablenkung. Du hast nur dich, deine eigenen Gedanken, deine eigene Seele. Man will zurück zur Natur, zur inneren Natur.“ sagt sie. Und das scheint ihr am wichtigsten zu sein. Hier hat sie einen Ort gefunden, der nichts von ihr will, der sie sein lässt, wer sie ist. Und das habe sie bisher nirgendwo sonst gefunden, sagt sie. Nicht auf Social Media, nicht bei Freunden. Sondern hier im Waldfriedhof. Zwischen Gräbern, Bänken, hohen Gräsern zwitschernden Vögeln und Eichhörnchen. 

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