Es war gerade Herbst geworden und die Blätter fielen in den buntesten Farben von
den Bäumen auf den Asphalt. Und das, wie gewohnt, im Oktober. Über die Jahre war
es eine lange Zeit erst sehr spät kalt geworden.

Der Winter begann, wenn er denn kam, im Frühling, schnell folgte der Sommer, der lang andauerte; die Jahreszeiten waren verschoben, es war unerträglich warm. Doch nun, im Jahr 2070 war alles wieder in der richtigen Ordnung. Alles war wieder so, wie er es aus seiner Kindheit kannte.

Linus liebt diese Stadt. Als Kind der Generation Z zog er zum Studium vom Dorf in
die Hauptstadt – und blieb. Doch über die Jahre war die Stadt leer geworden.
Während er über den Wochenmarkt mit seinem regionalem Obst und Gemüse 
schlendert, wird Linus nachdenklich: Wann hatte das Umdenken der Menschen –
und die damit verbundene Stadtflucht – begonnen?

Knappe Lebensmittel

Bis die Menschheit verstand, dass es so nicht weitergehen konnte, dass die Welt auf
einem falschen Kurs war und dass sich etwas ändern musste, überschlugen sich die
Ereignisse, die durch den Klimawandel hervorgerufen wurden: Waldbrände,
Überschwemmungen und schwere Unwetter bestimmten die allabendlichen
Nachrichtensendungen. Nichts änderte sich.

Als dann jedoch die Böden austrockneten und die Lebensmittel knapper wurden, mussten Lösungen her. Und die Menschen begannen wirklich, zu denken und zu handeln, denn nun waren sie ganz direkt betroffen. Ein Akteur machte es ihnen jedoch schwer: die Politiker. Sie gaben immer noch den Weg frei für neue Flughäfen und Fusionen der großen Automobilkonzerne, für die Verschiffung des Plastikmülls in Entwicklungsländer und per Space Shuttle ins All. Sie diskutierten über Flugtaxis und Urlaub auf dem Mars, über Roboter und künstliche Intelligenz. Doch das Wesentliche, die Klimaziele und die Forderungen der Fridays For Future Aktivisten, hatten sie aus den Augen verloren.

Was die Großeltern richtig gemacht hatten

Und so kam es, dass die Menschen ihr Leben und die Zukunft der Erde selbst in die Hand nahmen, denn es brauchte so wenig, um die Welt zurück auf einen besseren Weg zu bringen. Als sie sich zusammensetzten und darüber nachdachten, was sie verändern konnten, schwelgten sie in Erinnerungen an die guten, alten Zeiten auf
dem Land. An den Gemüsegarten bei Oma. An Fleisch an Feiertagen und Eier der
Hühner aus dem Garten. An Spaziergänge im Wald – ganz ohne Smartphone.

Mit dem Wissen, dass sie in den vergangenen Jahren über den Klimawandel und die
Umwelt erlangt hatten, formierten sie sich in Gruppen und Organisationen, Projekten
und Gemeinden. Sie wollten zurück aufs Land, zurück zu den Ursprüngen, zu
Handarbeit, ethisch korrekter Tierhaltung, zur Produktion guter Lebensmittel. Weg
vom Smartphone, Urlaub in fernen Ländern, Massentierhaltung, genetisch
veränderten Lebensmitteln und konsumorientierter Industrie – denn sie hatten
verstanden, wie viel ihre Großeltern richtig gemacht hatten.

Jeder tat das, was er am besten konnte

Jeder tat das, was er am besten konnte: Während der Informatikstudent, der für die
Telekom gearbeitet hatte, sich ein Team aus schlauen Köpfen zusammensuchte, um
das W-Lan auf dem Land auszubauen, entwickelte der einstige Börsenhändler nun
nachhaltige Bezahlsysteme und Tauschkonzepte. Ingenieure arbeiteten mit Hochdruck an der Entwicklung und Verbesserung verschiedenster Maschinen, die die Arbeit in der Landwirtschaft nachhaltig verbesserten: Schon bald rollten Hybridpflüge serienmäßig übers Band. Auch die einstigen Immobilienhaie, die die Mietpreise in den großen Städten in die Höhe getrieben hatten, setzten sich nun dafür ein, passende Immobilien für die Bauernhöfe zu finden und engagierten Architekten, die die Häuser möglichst energieeffizient umbauten.

Nun war es ganz leicht, nachhaltig zu leben und zu essen. Und Linus, der Agrarwirtschaft in Berlin studiert hatte, beriet die Familien, die scharenweise aufs Land zogen in der
Gründung von Höfen, gab Tipps für den Anbau von Gemüse und Obst, für die
optimale Nutzung der Äcker und Weiden und die artgerechte Tierhaltung. Nur er
selbst konnte sich nicht mit der Idee anfreunden, aufs Land zurückzuziehen, liebte er
Berlin doch so sehr.

Es brauchte keine Flugtaxis, VR-Brillen und keinen Marstourismus – wohl aber  W-Lan auf dem Land und eine funktionierende Kommunikation unter den Menschen.
Das alles gab es nun, und so konnten sich die Höfe untereinander online
austauschen und Lebensmittel tauschen, aufeinander Acht geben und auf ihre Tiere
aufpassen. Anstatt gegeneinander zu arbeiten und sich zu manipulieren, halfen die
Menschen einander.

Und sie hatten Spaß dabei. Denn sie hatten das Gefühl, etwas wiedergefunden zu haben, das das Leben lebenswert macht. Und nicht nur das, sie hatten das Gefühl und auch die wissenschaftlichen Beweise, dass die Erde sich durch ihre Taten langsam von den Strapazen der letzten Jahre erholte. Der Klimawandel war gerade rechtzeitig abgewendet worden, die Erderwärmung beschränkte sich auf ein Grad Celsius.

Als er an einem Marktstand stehen bleibt und das Fleisch für den Sonntagsbraten
kauft, muss Linus schmunzeln. Er weiß nun genau, dass das Schwein ein glückliches
Leben geführt hat.

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