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Gewerbeverein: „Die Attraktivität des Ortskerns geht kaputt“

Interview: Linus Mörschel

Was macht ihr Gewerbeverein vor Ort? Geht es um klassische Wirtschaftsförderung?

Der Gewerbeverein ist schon über 130 Jahre alt. Damals hatte man sich zusammengeschlossen, um nach außen ein wenig den Handel zu repräsentieren. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich die Örtlichkeiten geändert. Viele kleinere Betriebe beziehungsweise Branchen sind schon gar nicht mehr da. Ziel und Zweck des Gewerbevereins ist es nun, eine Verbindung zwischen Politik und den Betrieben, die wir vertreten, zu schaffen. Ich verstehe mich als eine Art Vermittler. Wir versuchen immer etwas Neues für unsere Betriebe anzubieten, von Gutschein- und Marketingaktionen bis hin zu einem geselligen Ausflug. Wir präsentieren uns zum Beispiel auf dem Weihnachtsmarkt – und wollen ein Verein sein, der für alle und jeden zugänglich ist.

Markus Winkler; Bild: privat

Welche größeren Unternehmen prägen die Mühltaler Wirtschaft?

In Traisa zum Beispiel sitzt die Firma Datron, die Frästechnik macht. In Nieder-Ramstadt haben wir den Fahrradhersteller Riese & Müller. Der frühere größte Arbeitgeber im Mühltal war die Nieder-Ramstädter Diakonie. Auch die Firma Wirthwein (Medizintechnik u.a.) und die REA-Systemtechnik sind Unternehmen und Arbeitgeber im Mühltal. Zusätzlich sitzen viele kleinere Unternehmen hier.

Und wie stehen diese Unternehmen, zusammenfassend betrachtet, wirtschaftlich da?

Die wirtschaftliche Situation ist gut, da schwingt auch immer noch ein weiterer Aspekt mit: Die Kaufkraft ist in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Diese ist im Mühltal gegeben. Das heißt, Geld zum Ausgeben ist da, womit in den Läden auch konsumiert wird. Was ich jedoch etwas traurig finde ist, dass mittlerweile immer mehr Einkäufe in den großen Märkten am Ortsrand getätigt werden. So kommt es zu einer Verlagerung der Geschäfte aus dem Ortskern an den Ortsrand, sodass es nur noch einige kleine Geschäfte innerorts gibt. So geht die Attraktivität des Ortskerns kaputt.

Welche Sorgen und Nöte bereiten die Pandemie und der Ukrainekrieg den Mühltaler Firmen?

Die Restaurants und Eventveranstalter hatten es auch hier nicht leicht in den letzten Jahren. Anders war es bei machen Dienstleistern. Diese waren während der Pandemie in vielen Bereichen noch mehr ausgelastet als zuvor, wie zum Beispiel mein Zimmermann. Der hatte einen richtigen Aufschwung, da sich viele Leute eine Terrasse oder ähnliches im Garten haben bauen lassen. In Mühltal speziell stellt sich nun die Frage, welche Bedarfsflächen es noch für Gewerbetreibende gibt. Da zähle ich jetzt einmal das Handwerk dazu. Gerade junge Handwerker brauchen erst einmal Fläche, die sie nicht kaufen können, sondern diese erst einmal mieten müssen. Es ist sehr schwierig, passende Flächen für ein kleineres Unternehmen zu finden, da zum Beispiel die Mindestkauffläche im Gewerbegebiet in Ruckelshausen bei 1000 Quadratmetern lag.

Gibt es viele Wechsel, Ab- und Zugänge von Unternehmen?

Das Mühltal hat eine sehr attraktive Lage direkt in der Nähe der Autobahn. Auch die Nähe zum Odenwald ist sehr gut. Die Region ist zudem auch landschaftlich sehr schön. Da zieht es schon den ein oder anderen von außen hierher. Es gibt aber auch den Fall, dass kleinere Unternehmen von hier in eines der Gewerbegebiete expandieren, wie der Hotelwäschehersteller Bertsch, der vorher in vielen kleineren Produktionen gearbeitet hatte. Abgänge gibt es eher wenige. Wir hatten mal einen Schuhladen hier in Nieder-Ramstadt, den gibt es nicht mehr, aber im Großen und Ganzen sind viele Unternehmen noch da, wo sie einmal waren. Oder sind nicht ganz fort, weil sie in eines der Gewerbegebiete expandiert haben.

Unternehmen brauchen bekanntlich Platz. Wie viele Gewerbegebiete gibt es in Mühltal?

Es gibt kleinere, zum Beispiel in Frankenhausen, sechs oder sieben – auch mit dem Gebiet in Trautheim, fünf Minibetriebe, die als kleine Ansammlung in einer Halle untergebracht sind. Die großen Gewerbegebiete befinden sich in Nieder-Ramstadt und Traisa. Generell ist es in Mühltal nicht so leicht, neue Flächen zu finden. Es gibt es nicht so viele große und ebene Flächen, auf denen man so etwas bauen könnte. Die Landschaft ist relativ hügelig.

Im neuen Gewerbegebiet Ruckelshausen bauen viele Firmen an und um, erweitern die Fläche. Welche Folgen hat das für die Umwelt?

Ruckelshausen gibt es seit vier Jahren. Dieses wurde auf 12 Hektar Landwirtschaftsfläche erbaut. Es gibt Auflagen wie getrennte Wassersysteme, mit denen Regenwasser abgeleitet wird und nicht mehr in die Kläranlage fließt. Und es gibt Auflagen im Bereich Fotovoltaikanlagen und Flachdachbegrünung. Unternehmen wie Riese & Müller haben riesige Fotovoltaikanlagen und. Sie versuchen, nicht die Gewässer zu verschmutzen und begrünen die Flachdächer. Bei den alten Gewerbegebieten wurde da nicht so darauf geachtet. Generell ist auch heute natürlich jeder versiegelte Quadratmeter eine tote Fläche. Aber es ist doch ein ökologischer Unterschied, ob man eine Fläche versiegelt, an der vorher ein Maisfeld war, oder ob man eine Fläche versiegelt, auf der sich eine blühende Wiese befindet.

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