Interview: Yasmin Can

Frau Breyer, wie viele Menschen machen bei Ihnen mit? Hat sich da etwas verändert?

Wir hatten 2015, als die große Welle war, regelmäßige Treffen. Da hatten wir 100 Ehrenamtliche. Die Hilfsbereitschaft war enorm. Da musste man sich eher mal überlegen, wo man jemanden einsetzen kann oder was diejenigen machen möchten. Bis heute sind 30-40 „übriggeblieben“, ohne dass ich das negativ bewerten will, weil sich bei jeder Person in der Lebensgestaltung etwas ändert.

Wo engagieren sich die Mühltaler:innen im Netzwerk, welche Aufgaben gibt es?

Wir haben eine Lebensmittelverteilung – sechs bis sieben Leute, die fast täglich bei Rewe Obst und Gemüse abholen, das der Konzern nicht weiterverkaufen darf. Nach wie vor gibt es ehrenamtliche Deutschkurse in Gruppen- und Einzelunterricht. Im Gruppenunterricht wird der Stoff schnell behandelt. Wenn das einem zu schnell geht, besteht die Möglichkeit zusätzlich Einzelunterricht zu bekommen. Oftmals ist es schwierig für die Beteiligten auf dem Laufenden zu bleiben. Dann ist es gut, wenn man Menschen hat, die sie weiterhin bei Problemen unterstützen.

Wir haben auch eine Fahrradwerkstatt, in der unsere „Schrauber“ Fahrradspenden entgegennehmen und diese in einen fahrbaren Zustand bringen, bevor sie gegen eine kleine Gebühr weitergegeben werden können. Zusätzlich betreiben wir unser „Magazin“ in der Dornwegshöhstraße. Dort bekommen die Geflüchteten gebrauchte Kleidung, Hausrat und auch Möbel.

Bild: privat

In diesem Jahr brach der Krieg in der Ukraine aus – und die Asyl-Initiativen hatten plötzlich sehr viel zu tun. Wie war die Situation für Sie?

Turbulent war etwa der Wechsel im Asylbewerberleistungsgesetz zu Sozialgesetzbuch 2 (SGB II), da innerhalb von zwei Wochen alles umgestellt wurde. Das stellte alle, uns und auch die Ämter, vor eine besondere Herausforderung. Einmal die Antragsstellung – das war zwar ein vereinfachter Antrag, aber trotzdem musste das bewältigt werden. Erstaunlich war dann die große Unterstützung der Vermieter:Innen. Sie riefen öfters an und wollen Informationen, was sie tun können.

Im Prinzip waren die Ansprechpartner die Gemeinden. Aber die Kommunen wurden ja ebenfalls ins kalte Wasser geschmissen. Die haben überhaupt nicht die personalen Kapazitäten – und mussten plötzlich Wohnraum beschaffen, die Menschen zuteilen, die Anträge nach Asylbewerberleistungsgesetz stellen. Das war eine Herausforderung – und da haben wir auch sehr eng zusammengearbeitet.

Wie hilft die Gemeinde sonst?

Bei den „klassischen“ Geflüchteten hatten wir nie viel Unterstützung erfahren. In der Unterkunft haben wir einen Sandkasten bauen lassen – und wenn ich nach neuem Sand frage, wird dieser ausgetauscht. Die Vereinssatzung wurde auch geändert, so dass wir als Verein berücksichtigt werden und einmal im Jahr Geld bekommen. Ansonsten kam von der gemeindlichen Seite aus nichts.

Wie viele Unterkünfte gibt es für die Menschen aus der Ukraine?

Die Zahl kann ich nur schätzen, da die Gemeinde aus Datenschutzgründen keine Adressen und Namen weitergeben darf. Es gibt zwar einen Flyer, den die Gemeinde an die „Neuen“ verteilt, diese können sich bei Bedarf an uns wenden. Schätzungsweise werden 50 Wohnungen bzw. Zimmer von diesem Personenkreis belegt. Inzwischen wohnen auch insgesamt vier Personen im Tagungshotel. Das sollte aber die Ausnahme bleiben. Nach wie vor ist es aber extrem schwierig für die Geflüchteten aus anderen Ländern, die im Tagungshotel wohnen, Wohnraum zu finden. Wir wünschen uns, dass diese anerkannten Geflüchteten schneller an Wohnraum kommen. Gerade auch große Familien mit vier Kindern.

Wie haben Sie die Ankunft der Ukrainer:innen erlebt?

Den Menschen merkt man den Leidensdruck zum Teil nicht an. Aber sie haben auf jeden Fall ihren Leidensdruck und stehen unter Anspannung. Zum Teil sind die Männer und Väter noch in der Heimat und die Mütter kamen allein mit den Kindern. Die meisten wollen ja irgendwann wieder zurück. Und das ist ein Unterschied zu den „klassischen Geflüchteten“ aus 2015, die etwa aus Syrien kamen. Ich glaube, die haben aufgrund ihrer Situation im Heimatland damit abgeschlossen, zurückzukehren. Klar, es gibt immer Menschen, die zurückgehen, weil sie mit der Lebenssituation in Deutschland gar nicht klarkommen. Der Großteil bleibt jedoch. Viele haben hier ihre Kinder geboren, die mittlerweile hier zur Schule gehen. Das wollen sie nicht wieder abbrechen.

Und es kamen damals viel mehr Männer, zumeist junge, als Frauen. Noch ein Unterschied zur aktuellen Situation.

Ja. Es waren viele junge Männer dabei, ja, aber auch Familien und einzelne, alleinstehende Personen, darunter auch Frauen. Die kamen mit Schleppern hier her, es hat sehr viel Geld kostet. Und oft wurden eben die jungen Männer ausgewählt. Die Familie hat das Geld zusammengelegt und gesagt: „Flüchte du. Du hast die Kraft dazu die lange Reise zu überwinden.“ Auf was sie sich eingelassen haben, wussten sie nicht. Viele Geflüchtete haben eine Reise von zwei Jahren hinter sich. Gerade die Menschen aus Eritrea haben oftmals eine Gefangenschaft in Käfigen miterlebt oder sind lange Zeit durch die Wüste gelaufen.

Viele gingen davon aus, die Familien nachzuholen.

Sie wusste aber nicht, dass die Familie nicht so einfach nachkommen kann. Wenn die Betroffenen unter 18 Jahre alt waren, hätten diese die Möglichkeit gehabt, ihre Geschwister oder Eltern nachzuholen. Das durfte jedoch nur innerhalb einer knappen Frist passieren. Das sind schwierige Bedingungen. Eine Zeit lange wurde es bezahlt, wenn Geflüchtete zurück in ihr Heimatland gehen wollten. Das nennt man die „freiwillige Rückkehr“. Dabei haben Sie auch Überbrückungsgeld bekommen. Es kamen Referenten von der Behörde, die dafür geworben haben, dass die Flüchtlinge zurückkehren.

Wie kommt das bei den Menschen an?

Die Rückkehrberatungen wurden von den Geflüchteten sehr negativ aufgenommen. Sie sind nicht deshalb nach Deutschland gekommen, um mit einem bestimmten Geldbetrag wieder in die Heimat zurück zu kehren. Alle hatten gravierende Fluchtgründe.

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