Wissenschaftsjournalistin Sonja Bettel von Flussreporter.

Wissenschaftsjournalistin Sonja Bettel von Flussreporter. Foto: Daniel Hinterramskogler.

Warum sollten Medien mehr über Flüsse schreiben, so wie ihr als Flussreporter?

Rainer: Flüsse versorgen die Landschaft mit Wasser, verbinden Lebensräume und Menschen, sind wichtige Faktoren bei historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, haben Bedeutung für die biologische Vielfalt, für die Versorgung mit Wasser, die Landschaftspflege und das Klima.

Sonja: Sie sind auch Verkehrsweg, Erholungsraum, Nahrungsquelle, Energiequelle, Sportgerät, trennendes und verbindendes Element zwischen Siedlungen und Staaten. Über die Folgen der Eingriffe in Flüsse und Bäche durch Begradigung, Verbauung, Stauanlagen oder Verschmutzung für alle diese Leistungen ist viel zu wenig bekannt.

Warum war es bisher zu wenig?

Rainer: Vielleicht, weil die meisten Laien einen Fluss nur als silbrige Fläche in der Landschaft wahrnehmen.

Sonja: Über Flüsse wird nur berichtet, wenn es Hochwässer gibt oder Umweltskandale oder wenn gegen ein Kraftwerk demonstriert wird. Es gibt Zeitschriften für Angler, für Rafting, Kajakfahren, über Berge, über Meere und vieles mehr. Über Flüsse gibt es nichts. Vielleicht, weil sie so ein übergreifendes Thema sind, aber genau darum geht es uns. Wir wollen alle Aspekte von Flüssen zeigen und auch den Blick ins Wasser und sogar unters Wasser, nämlich in das wichtige Sediment, lenken.

Wie entstand die Idee zu „Flussreporter“?

Sonja: Vor vielen Jahren habe ich bei einer Tagung der internationalen Alpenkommission CIPRA zu Flüssen einen Vortrag über natürliche Flussläufe von Mario Broggi gehört, der sich ein Leben lang mit Fragen des Naturschutzes und der nachhaltigen Entwicklung befasst hat, unter anderem als Direktor der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in der Schweiz. Seine Aussage „Flüsse sind Lebensadern. Sie sind Biotop und Psychotop gleichermaßen“ hat mich nicht mehr losgelassen. Ich habe deshalb eine Reihe über natürliche Flüsse für Radio Ö1 gestaltet und dabei festgestellt, dass die wenigsten Menschen wissen, was ein natürlicher Fluss ist und welche Rolle er für die Natur, die Landschaft und uns Menschen spielt. So ist die Idee entstanden, für die journalistische Genossenschaft und Publikationsplattform „RiffReporter“ ein Online-Magazin zu Flüssen zu gründen.

Was macht „Flussreporter“ bisher aus? Wie sieht die Arbeit aus?

Sonja: Ich finde unsere Zusammenarbeit bei „Flussreporter“ und bei „RiffReporter“ insgesamt bemerkenswert. Da herrscht so eine gegenseitige Wertschätzung und Unterstützung, das ist einzigartig. Die Herausforderung ist natürlich, dass wir diese Arbeit mit der Arbeit für andere Medien und Projekte querfinanzieren müssen, weil RiffReporter ja immer noch im Aufbau ist und die Menschen erst lernen müssen, für unabhängigen Journalismus zu zahlen – entweder pro Artikel, als Abo oder als Unterstützung. Wir machen ja Journalismus ohne einen Verlag dahinter und ohne Werbung. Dafür haben wir aber schon ziemlich tolle Inhalte produziert.

Rainer: Wir nehmen uns Zeit und Platz, Themen zu vertiefen. Für tagesaktuelle Berichterstattung fehlen uns leider die Kapazitäten.

Sonja: Dafür können wir aber völlig frei entscheiden, worüber wir wann berichten und in welcher Form und Länge. Das Schöne ist auch, dass wir Text, Foto, Audio, Video, Grafik, Umfragen, Social Media und Live-Veranstaltungen kombinieren können, wie es zum Thema passt und wie es uns gefällt.

Rainer B. Langen, Journalist bei Flussreporter

Rainer B. Langen, Journalist bei Flussreporter. Foto: Privat

Gibt es Reaktionen aus der Medienszene? Vielleicht mehr Aufmerksamkeit für Flüsse?

Rainer: Es scheint, als gäbe es in letzter Zeit mehr Fluss-Dokus im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Es kann aber auch sein, dass wir als Flussreporter mehr darauf achten, seit wir Fluss-Experten sind.

Sonja: Es gab Reaktionen aus der Medienszene auf RiffReporter insgesamt, und es gab Preise. Ob wir schon mehr Aufmerksamkeit für Flüsse erzeugt haben, können wir nicht beurteilen. Es gibt ein paar treue Fans, die toll finden, was wir machen, aber es sollten noch viel mehr werden. Daran arbeiten wir derzeit sehr intensiv. RiffReporter hat ja vor wenigen Wochen auch eine neue Website bekommen, die auf Mobilgeräte optimiert ist und noch stärker auf SEO achtet, und wir lernen laufend dazu.

Ist denn die mediale Klimadebatte mit Flüssen verbunden?

Rainer: Höchstens, wenn sie im Sommer zu warm werden und zu wenig Wasser führen. Und bei der Diskussion um Wasserkraft, die sich gerne ein grünes Image gibt, aber die ökologischen Nebenwirkungen der erforderlichen Querbauwerke und eingebauten Turbinen verschweigt, oder mit Hinweisen auf Fischtreppen, mit denen sich ökologische Konflikte lösen ließen, kleinredet.

Sonja: In Österreich rühmt sich die Politik immer, dass wir so viel erneuerbare Energie aus Wasserkraft erzeugen. Wir weisen in unseren Berichten immer wieder darauf hin, dass man das differenziert sehen muss und dass auch ein kleines Kraftwerk viel Schaden am Gewässer und der Landschaft anrichten kann.

Was sind Eure weiteren Pläne?

Rainer: Mehr Frequenz bei den Artikeln, mehr Reichweite gewinnen, aktuelle Entwicklungen mit Livestream-Interviews darstellen.

Sonja: Ja, häufigere Beiträge und viel mehr Publikum erreichen. Wir würden dafür auch gerne unser Team vergrößern, aber über diese Art des völlig selbstständigen Journalismus trauen sich nicht so viele Kolleginnen und Kollegen drüber, ist meine Erfahrung. Viele Freie wollen ihre Artikel lieber an einen Verlag verkaufen, als das unternehmerische Risiko selbst zu tragen und in ein neues Projekt Zeit und Geld zu investieren. Ich bin damit sehr glücklich, aber für viele ist es etwas völlig Neues, dass man so arbeiten kann. Also falls sich Journalistenkolleginnen und -kollegen für Flüsse in all ihren Aspekten interessieren, können sie sich gerne bei uns melden. Das Fachwissen darüber eignet man sich bei der Arbeit an.

Fragebogen: Torsten Schäfer und Theresia Schiller

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