Im ersten Moment ist es im Wald noch ganz ruhig, nur die Blätter rauschen sanft. Doch schon unterbricht ein Surren die Stille, fast klingt es wie ein Bienenschwarm, der immer näherkommt. Ein lautes Knacken verrät jedoch, dass es sich nicht um surrende Insekten handelt: In wenigen Sekunden rauscht ein Downhillfahrer in blau-weißem Trikot vorbei und verschwindet dann hinter der nächsten Kurve.

Es ist Leon. Der 29-Jährige promoviert in einem technischen Fachbereich der TU Darmstadt. Zum Mountainbiken zieht es ihn nun bereits seit acht Jahren in die Wälder des Rhein-Main-Gebiets. Begonnen hat seine Leidenschaft für den Sport jedoch durch einen eher pragmatischen Gedanken: „Ich habe mit Rennradfahren angefangen, bei schlechtem Wetter hat es mir aber keinen Spaß gemacht. Da habe ich nach einer Alternative gesucht“.

Die Anfänge machte er im Jahr 2010 noch auf einem Cross-Country-Fahrrad in seinem Heimatort nahe Mainz. Diese speziellen Räder werden vor allem zum sportlichen Fahren in Wäldern und Gebirgen eingesetzt. Zuerst ging es darum, Kilometer abzufahren, für den Wechsel zum Downhill entschied sich Leon jedoch schnell. Als der Doktorand schließlich nach Darmstadt zog, dauerte es nicht lange, bis er seine erste Tour zur Burg Frankenstein startet.

Leon (29) kurz vor seiner nächsten Abfahrt im Darmstädter Wald.

Die „Rinne“ vom Frankenstein

Schon damals hatte er von einem illegalen Trail gehört. „Die Rinne“ sei sogar ein überregional bekannter Spot für Downhillfahrer, sagt Leon. Tatsächlich stößt ebendieser angelegte Parcours auch bei den Behörden auf Unmut: Die Mountainbikefahrer seien schlecht für den Wald und teils gar gefährlich für andere Waldbesucher, erklärte Christoph Süß, Pressereferent vom Regierungspräsidium Darmstadt, im Darmstädter Echo. Auch die Polizei verschaffte sich einen Überblick und stellte um Ostern gleich mehreren Radfahrern Bußgelder aus. Vielleicht ist es unter Mountainbikern gerade deshalb ein ungeschriebenes Gesetz, keine genauen Informationen zu Standorten der Trails zu hinterlassen.

Grüßen gegen Vorurteile

Leon kann die Kritik an Downhill-Fahrern nur in Teilen nachvollziehen. „Die Rinne“ ist aber auch für ihn ein Sonderfall, bei dem es sich nicht um einen normalen Trail handelt: „Das sind richtige Strecken mit riesigen Sprüngen. Dafür muss man den Weg schon massiv verändern.“ Ein Eingriff in die Natur sei es natürlich schon, Fußgänger würden aber nur selten verschreckt. Insbesondere „die Rinne“ verliefe abseits aller Wege, die Spaziergänger normalerweise benutzen.

Den Ärger der Wanderer bekommt Leon aber dennoch regelmäßig mit. Vor allem, wenn er sich auf offiziellen Wegen befindet. Dann ruft ihm schon einmal jemand etwas hinterher. Der 29-Jährige hat mittlerweile jedoch seine eigene Methode gefunden, mit solchen Situationen umzugehen: „Ich bin da einfach sehr freundlich und grüße immer.“ Vor allem, um zu zeigen, dass Leon trotz großem Helm, einer Brille und einem breiten Rückenpanzer nett ist.

Tatsächlich seien es oft die Fußgänger, die nicht zurückgrüßen, sagt Leon und schüttelt ungläubig den Kopf. Dabei sei es besonders wichtig, dass beide Parteien Rücksicht nähmen. In der Vergangenheit hat er Situationen erlebt, in denen Fußgänger abseits der Wege unterwegs waren. Ein Mal kam es fast zum Zusammenstoß: „Das war sicherlich unangenehm für beide Seiten. Auch ich habe ich mich da erschreckt.“

Dass das Surren der Räder auch Tiere erschrecken kann, streitet Leon nicht ab. Wenn, dann gebe es aber nur sehr begrenzte, lokale Auswirkungen. Das Gefühl, Tiere zu verscheuchen oder im Wald Schaden anzurichten, hat er nicht: „Leute haben einfach eine falsche Vorstellung, wenn sie denken, dass man sich beim Mountainbiken so fühlt, als würde man irgendwo mit einem Bulldozer durchheizen“.

„Eine enge Beziehung zum Wald“

Auch Mountainbikern liegt etwas daran, den Wald zu erhalten. Das wird deutlich, wenn Leon verzählt, wie wichtig ihm Wald als Ort ist. Schon als Kind hatte er eine besondere Beziehung zur Natur rund um sein Elternhaus: „Ich war oft mit Oma und Opa im Wald und konnte mich schon als Sechsjähriger schon ganz gut orientieren“, sagt der gebürtige Mainzer. Das Naturerlebnis im Wald sei besonders und löse eine innere Ruhe aus, „die man so nirgends sonst finden würde.“

Noch heute spielt das Walderlebnis für Leon eine große Rolle – auch wenn es sich nicht mit früher vergleichen lässt. „Natürlich steht heute der Sport im Fokus, eine enge Beziehung zum Wald, vor allem zu den Trails, baut man aber trotzdem auf.“ So wird ihm auf den Fahrten immer wieder bewusst, wo er sich gerade befindet. Wären die Trails an einem anderen Ort, würde dies auch das Erlebnis stark verändern, da ist sich Leon sicher.

Leon kurz nach seiner letzten Abfahrt.

Die Abwechslung zwischen Licht und Schatten sticht für ihn heraus. Aber auch Farben, den Wechsel der Jahreszeiten und Gerüche nimmt er hier intensiver wahr: „An einer Stelle fahre ich so gerne lang, weil es dort so stark nach Kiefern riecht.“ Während der Abfahrt aber ist Leon zu konzentriert, um sich auf alle Einflüsse einzulassen. Ganz abschalten lassen sich die Wahrnehmung trotzdem nicht: Der Zustand des Bodens ist für das Fahren wichtig, darauf achtet Leon automatisch. Ob die Erde uneben, griffig oder besonders trocken ist, spürt er bei jeder Tour.

Besser als jeder Bikepark

Als Ideal beschreibt Leon den sogenannten Flow, also Momente, in denen man eins wird, mit dem, was einen umgibt. Der naturbelassene Wald ist hierbei ein wichtiges Element, denn ihm geht es vor allem um das Terrain mit all seinen Wurzeln und Steinen. Diese sind wie kleine Hindernisse, die, anders als künstlich gebaute Sprungelemente, oft unberechenbar sind.

„Ich habe schon großen Respekt vor den natürlichen Gegebenheiten, aber gerade diese Stellen machen mir persönlich am meisten Spaß.“ Vielleicht reizen ihn die großen, angelegten Bikeparks genau deshalb nicht: Dort steht vor allem die Abfahrt selbst im Vordergrund, nach oben werden die Mountainbiker mit einem Lift gebracht. Eine intensive Wahrnehmung wie es beim langsamen Bergauffahren im Wald der Fall ist, ist so nicht mehr möglich, sagt Leon.

Streng genommen sieht er sich deshalb als sogenannten Enduro-Fahrer. Bei dieser Radsportart geht es sowohl um das Abfahren als auch um das Hinaufkommen. Auch nach einer Abfahrt hilft ihm die Umgebung dabei, sich von der Anstrengung und Aufregung zu erholen. Würde er direkt an einer Wohngegend herauskommen, wäre es eine ganz andere Situation: „Das Fahren fängt in dem Moment an, in dem man in den Wald fährt, und endet auch dann, wenn man ihn verlässt.“

Der 29-Jährige begegnet dem Wald mit Respekt. Einerseits ist das Verletzungsrisiko hoch, andererseits möchte er der Umwelt nicht schaden. Müll zurückzulassen oder zu stark in die Natur einzugreifen kann er sich nicht vorstellen. Und hofft, dass auch andere Mountainbiker den Wald so wertschätzen, wie er es tut: „Man hat zu dem Wald eine Art Beziehung, und wenn ich dort nicht mehr fahren könnte, weil dort irgendwie randaliert wurde oder viel Müll rumliegt, dann wäre schon schmerzhaft.“ 

Beiträge mit ähnlichen Themen