Vom Hof Eggers ist es nicht mehr weit bis zum Acker.                                                                   © Pfaff

Als das Messer in ihn fährt, leistet er keinen Widerstand. Hat er eh nie gekonnt. Es knackt. Ein Stich noch, dann ist er zerstückelt. Jetzt, Anfang Januar, steht er in seiner vollen Pracht auf dem Feld. Ausgewachsen, und eben kein junges Gemüse mehr. Er war nun einfach fällig. Die Schubkarre zum Abtransport steht auch schon bereit. Auf ihr stapelt Inga Röwer die Kisten, die sie im Laufe des Tages mit dem von ihr soeben geernteten Grünkohl befüllt. Das Gemüse muss schließlich später noch ins Depot gebracht werden. Zur Lagerung.

Röwer ist Gärtnerin. Sie arbeitet für den einzigen Betrieb in Hamburg, der nach den Prinzipien der Solidarischen Landwirtschaft handelt: den SoLawi Vierlande e.V. Der Verein wurde von ihr und zwei Kollegen 2018 gegründet; er hat inzwischen 200 Mitglieder und versorgt inklusive der Familienangehörigen etwa 500 Menschen mit Gemüse und Kräutern. Röwer erklärt das Konzept des Vereins so: „Die Mitglieder finanzieren die Produktion und können sich im Gegenzug so viel Gemüse nehmen wie sie brauchen.“

Dr. Inga Röwer                         © Pfaff

Dieses stammt aus den Vier- und Marschlanden – einem Gebiet im Südosten der Hansestadt, das an diesem nasskalten Mittwoch im Januar so rau und doch so lieblich wirkt. Reetgedeckte Bauernkaten und knorrige Bäume wechseln einander ab, eine leichte Brise lässt irgendwo am Wegesrand ein Windspiel erklingen, der Himmel ist wolkenverhangen. Ein trüber Schleier liegt auch über dem Acker unweit vom Hof Eggers, auf dem der SoLawi Vierlande e.V. sein Gemüse anbaut: Grünkohl, Feldsalat, Wirsing und Porree im Winter; unter anderem Brokkoli, Rettich und Zucchini im Sommer. In der warmen Jahreszeit beginnt Inga Röwer bereits um 6 Uhr mit ihrer Arbeit; während der kalten Monate ist sie jedoch meist erst zwei Stunden später auf dem Feld.

So auch an diesem kühlen Wintertag. Sechs Grad sind es in den Vier- und Marschlanden. Halb so wild, wie Inga Röwer versichert: „Ich finde, heute ist es gar nicht so kalt.“ Sie lächelt, als sie das sagt, die Wangen freilich gerötet. Ihre schulterlangen blonden Haare verbirgt sie zusammengebunden unter einem Cap, darüber eine graue Mütze. Sie trägt wetterfeste Arbeitskleidung und eine Anglerhose. „Damit ich im Matsch knien kann.“ Inga Röwer. Die Unprätentiöse. Die Tatkräftige. Sie erntet jedes Grünkohl-Blatt einzeln und von Hand. Nach und nach füllen sich die Gemüse-Kisten. Erst eine, dann zehn, bis es am Ende 17 sind. Röwer ist promovierte Naturwissenschaftlerin und Expertin auf dem Gebiet der Bodenkunde. Nach ihrem Studium habe sie in Gärtnereien gearbeitet und einige Praktika absolviert, wie sie sagt. „Da merkte ich, dass es mir Freude macht, so zu arbeiten, wie ich es auch jetzt gerade tue: 80 Prozent physisch und 20 Prozent am Computer.“ Mit ihren Kenntnissen aus diesen Bereichen scheint Röwer prädestiniert für eine Einschätzung zu sein, was die Solidarische Landwirtschaft zu leisten im Stande ist. Im Laufe des Tages wird sie nämlich Bezug auf die Frage nehmen, was die SoLawi dazu beitragen kann, um die 1,8 Millionen Einwohner Hamburgs mit Nahrungsmitteln zu versorgen.

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Eine öko-soziale Bewegung

Das Grünkohlfeld der SoLawi auf dem Acker beim Hof Eggers.                                           © Pfaff

Um eine Ahnung davon zu bekommen, welche Ideale die Gärtnerin hat und wie sie auf die Idee gekommen ist, die SoLawi zu unterstützen, braucht ihr bloß zuzuhören: „Ich interessiere mich seit längerem für ökologische Landwirtschaft. Vor der Industrialisierung gab es darüber eine Menge Wissen, das danach verschütt gegangen ist“, so die Gärtnerin. Mit diesen „alten“ Kenntnissen sei es möglich, einen anderen Blick auf Gerechtigkeits- und Umweltaspekte zu bekommen, die es aus ihrer Sicht in der industrialisierten Landwirtschaft nicht immer gibt. So werde dort zum Beispiel „Eiweißstickstoff mit Soja aus Südamerika importiert und über den Umweg der Schweine auf die Felder gekippt – was das Grundwasser verseucht.“ Dass diese vergessene Art von Wissen bei Nahrungsmittelerzeuger*innen und -verbraucher*innen wieder aufgebaut werden muss, sieht auch Jürgen Oßenbrügge so. Er ist Professor für Wirtschaftsgeographie und Stadt- bzw. Regionalforschung an der Universität Hamburg. Bereits seit den 1980er-Jahren beschäftigt er sich mit öko-sozialen Bewegungen, in die er auch die Solidarische Landwirtschaft einordnet. Für ihn seien es gerade diese „alten“ Kenntnisse, die dazu beitragen können, dass die gesellschaftliche Verantwortung für die Umwelt wieder gesteigert wird: „Es geht darum, dass die Leute erfahren, welche Form von Produktionsbedingungen es gibt und wie man sie durch Verbraucherverhalten beeinflusst.“ Oßenbrügge ist es in diesem Sinne wichtig, dass bei der SoLawi Konsument*innen zugleich auch die Möglichkeit haben, Produzent*innen zu sein: „Sie können somit alle Prozesse vor Ort anschauen.“

Inga Röwer und Jürgen Oßenbrügge verstehen die Solidarische Landwirtschaft offenbar als Lernfeld. Allein: bei 200 Vereinsmitgliedern scheint sie nur eine begrenzte Reichweite zu haben. Die Acker- und Gewächshausflächen der SoLawi Vierlande sind überschaubar, sie messen 3,25 Hektar. Das ist so groß wie etwa 4,5 Fußballfelder. All diese Anhaltspunkte sprechen eine klare Sprache: Solidarische Landwirtschaft ist ein Modell der Mikroversorgung. Röwer nennt ein Beispiel: „Jedes Mitglied des SoLawi Vierlande bekommt jetzt im Winter pro Woche 200 Gramm Postelein, ein milder Salat, der auch in der kalten Jahreszeit wächst.“ Profiteure des Gemüseanbaus sind also jene Personen, die eng mit dem Verein in Verbindung stehen. Bei wenigen Hundert SoLawistas – so bezeichnen sie sich selbst – ist dies gleichwohl nur ein sehr kleiner Teil der Hamburger Stadtgesellschaft.

Verein mit professionellen Strukturen

Zu diesem übersichtlichen Kreis gehört auch Reinhard Budich. Er ist Vereinsmitglied der ersten Stunde und kümmert sich um die organisatorischen Belange: „Ich bin dafür zuständig, dass die Menschen mit dem Gemüse versorgt werden.“ Einen grünen Daumen habe er aber nicht, wie er beim Treffen auf dem Acker bekennt. Budich hat sich an diesem Morgen freigenommen. Normalerweise arbeitet er als Projektmanager für Softwareentwicklung beim Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Lenkungsaufgaben sind demnach nichts Neues für ihn. Während des Gesprächs gibt er dann auch Einblick darüber, wie die Gemüseverteilung abgewickelt wird. So habe jedes Vereinsmitglied einen sogenannten Ernteanteil. „Wer ihn hat, schließt einen Vertrag ab, der über ein Jahr gilt. Monatlich gibt es dann das Gemüse als Gegenleistung, im Winter weniger, im Sommer dagegen mehr. Das schwankt jahreszeitlich bedingt.“

Reinhard Budich                     © Pfaff

Der Preis dafür werde in einer Bietrunde ausgehandelt, in der laut Vereinssatzung „die kalkulierten Kosten des kommenden Gartenjahres vorgestellt und der sich daraus ergebende Richtwert für die Kosten eines Ernteanteils mitgeteilt werden.“ 2020 läge dieser Richtwert zwischen 100 und 110 Euro pro Mitglied im Monat, so Budich. Hochgerechnet auf die 200 Mitglieder und abzüglich der laufenden Kosten für den Betrieb käme so eine Summe zusammen, mit der den drei hauptamtlichen Gärtner*innen der SoLawi Vierlande konkurrenzfähige Löhne gezahlt werden können, sagt Budich. Und er ergänzt: „Sie verdienen ungefähr 2.000 Euro netto und sagen, dass sie mit dem Geld hinkommen.“ Was indes die Konsument*innen betrifft, so reiche ein Ernteanteil aus, um „eine kleine Familie, zwei Erwachsene und zwei Kinder, über den Monat mit Gemüse versorgen zu können.“

Budichs Arbeit am Max-Planck-Institut ist davon geprägt, „Dinge zu koordinieren, Leute zusammenzuhalten und in die richtige Richtung zu bringen.“ Beim Treffen macht indes nur wenig darauf aufmerksam, in welchem Metier er zu Hause ist. Wer ihn jedoch genauer beobachtet, erkennt in ihm den „Macher“, der er schon von Berufs wegen zu sein scheint. Beim Gespräch stets mit Tablet-PC in der Hand, berichtet er von den Schnittmengen, die es zwischen seinem Job und der Tätigkeit bei der SoLawi gibt. So kümmere er sich seit der Vereinsgründung etwa darum, die Aktivitäten von Buchhaltung und Logistik aufeinander abzustimmen. Budich ist eloquent – und wirkt geerdet. So sei für ihn die Zusammenarbeit mit verschiedensten Personen im Verein „eine total positive Erfahrung“, auch weil „man wertschätzend miteinander umgeht.“ Bei der SoLawi sei nichts von Konkurrenz- oder Karrieredenken beeinflusst, vielmehr gehe es um ein einfaches Ziel, wie er lachend anmerkt: „Macht uns Gemüse!“

Impressionen vom Acker: Im Januar wachsen hier auch Wirsing (links) und Porree (rechts).                                      © Pfaff

Doch dafür braucht der Verein eine Ernteplanung. Sie ist so ausgelegt, dass es laut Budich im Winter monatlich mindestens fünf verschiedene Sorten gibt, im Sommer gar deren zehn. Für Abwechslung auf den Tellern der Konsument*innen sei somit gesorgt. „Nach drei bis vier Wochen ist es mit einem Gemüse vorbei – dies wird dann durch das Nächste abgelöst.“ Vom Ertrag der SoLawi allein können oder wollen sich aber nicht alle Vereinsmitglieder ernähren. Zwar kämen einige Personen gut mit dem Gemüse aus, jedoch gebe es „auch Leute, die gerade im Winter ordentlich dazukaufen“, wie Budich erklärt.

Diese Praktik scheint also nicht nur jahreszeitbedingt, sondern auch wegen des auf Gemüse beschränkten Angebots notwendig zu sein. So schätzt es jedenfalls Mathias Peters ein. Er ist Experte für Acker- und Gemüsebau beim Bauernverband Hamburg e.V. und bewirtschaftet außerdem den Hitscherberger Hof in den Vier- und Marschlanden. Peters sagt: „Die Idee der SoLawi kann den Wocheneinkauf sicherlich nicht ersetzen – es sei denn, man will es so. Die Grundversorgung vermag sie aber nicht komplett abzudecken.“ Der Hamburger hat aber auch viel Lob für das solidarische Modell übrig: es könne die Menschen mitnehmen, weil es ihnen die Landwirtschaft wieder nahebringt. Durch die Spezialisierung auf Gemüseproduktion fehle jedoch der ein oder andere Nahrungsmittelbestandteil: „Was man jetzt zum Beispiel dort nicht bekommt ist Mehl, um Brot selber backen zu können. Die Versorgung mit Kohlenhydraten oder auch mit Proteinen ist dadurch im Winter einfach nicht gegeben.“

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Reine Gemüseproduktion

Mittlerweile ist der Vormittag vorangeschritten. Inga Röwer zupft noch immer an den Grünkohlblättern herum. Sie weiß, dass die SoLawi nicht alles bereithält, was der Mensch zum Leben braucht. Doch damit geht sie pragmatisch um: „Meine WG hat mehrere Ernteanteile. Wir kaufen schon noch ein paar Sachen dazu, speziell Dinge, die wir nicht selbst produzieren oder in einem größeren Maße anbauen.“ Hierzu gehören zum Beispiel Zwiebeln oder Pilze. „Wir produzieren auch noch keine Kartoffeln, obwohl wir das langfristig wollen.“ Ihr Ziel sei es dabei, eine Vollversorgung mit Gemüse für die Mitglieder zu gewährleisten.

Die Vier- und Marschlande sind eine ländlich geprägte Region. Wer hier durchreist, kommt zwangsläufig an bäuerlichen Betrieben vorbei. Auch an solchen, die Nutztiere halten. Zuweilen stehen Kühe in einem riesigen Laufstall und schmatzen stoisch ihr Wintergemüse, andernorts grasen Schafe auf der Weide. Viehhaltung und die damit einhergehende Produktion tierischer Nahrungsmittel scheinen im Südosten Hamburgs gängige Praktik zu sein – nur bei der SoLawi Vierlande nicht. Inga Röwer erklärt die Gründe: „Es gibt ein grundsätzliches Interesse an Eiern, auch weil wir nicht nur Vegetarier und Veganer im Verein haben. Wenn sie tierische Produkte über uns bekämen, dann würden sie die uns auch abnehmen. Abgesehen von den Eiern hat aber bisher noch niemand vorgeschlagen, dass wir unser Sortiment dahingehend erweitern sollten.“

Lässt sich die Nicht-Produktion tierischer Erzeugnisse hier offenbar mit mangelnder Nachfrage durch die Mitglieder begründen, so führt Röwer auch ein persönliches Motiv an: Sie fühle sich nicht wohl damit, Nutztiere zu halten. „Es hängt damit zusammen, dass man dann eine andere Art der Verantwortung trägt. Eine Pflanze kann ich auch mal sich selbst überlassen“, lacht sie und fügt hinzu: „Bei einem Nutztier, das ich in eine Umgebung gebracht habe, in der es nicht ohne mich überleben kann, muss ich ständig präsent sein.“ Dies sei eine Arbeit, die ihr nicht gefällt. Zumal die Produktion tierischer Nahrungsmittel mit „einem großen Investitions- und auch Betreuungsaufwand“ verbunden sei, wie Reinhard Budich ergänzt.

Ruhen sich aus: Schafe aus den Vier- und Marschlanden.                                                             © Pfaff

Auch der Wirtschaftsgeograph Jürgen Oßenbrügge benennt Schwierigkeiten: So seien besonders jene Nahrungsmittelerzeugnisse empfindlich, die gekühlt werden müssen, zum Beispiel Milch- oder Fleischprodukte. Wenn die SoLawi Vierlande sie herstellen wollen würde, sei dies nur mit einem erhöhten Kapitaleinsatz zu erreichen. Der Verein wäre somit „ökonomisch vulnerabler“ als bisher – was laut Oßenbrügge dann „die Solidarität der Mitglieder stärker einfordert.“ Wer die Ausführungen des Professors weiterdenkt, kommt zwangsläufig auf Konsequenzen, die sich daraus für die SoLawi Vierlande ergeben würden: entweder müsste der Verein mehr Geld für einen Ernteanteil von seinen 200 Mitgliedern verlangen oder er erhöht die Mitgliederzahl bei gleichbleibendem Preis für das monatliche Gemüse. In beiden Fällen hätte der Verein mehr finanzielle Mittel zur Verfügung. Doch keines dieser Modelle kommt in Frage. Zum einen, weil sich der Preis für einen Ernteanteil beim Richtwert zwischen 100 und 110 Euro einpendeln soll und es laut Inga Röwer der Inbegriff des solidarischen Prinzips ist, „dass auch Menschen mit einem geringen Einkommen teilhaben können.“ Obwohl diese Personen „wesentlich weniger als den Richtwert zahlen“, funktioniere das System, weil andere Vereinsmitglieder freiwillig eine überdurchschnittliche Summe bereitstellen. Auf einer anderen Ebene möchte der SoLawi Vierlande e.V. aber auch gar nicht quantitativ wachsen, wie Röwer ausführt: „Wenn wir wesentlich größer wären, würden wir auch nicht so eine direkte Beziehung zu unseren Mitgliedern haben können.“ Eine kostenintensive Fleischproduktion ist also weder möglich noch gewollt, weil sich der Verein bezüglich Ernteanteil-Erlös und Mitgliederwachstum eine freiwillige Selbstbeschränkung auferlegt hat.

Noch nicht am Ende des Weges

Mit dem Lastenrad wird das Gemüse umweltschonend transportiert.              © Pfaff

Es ist später Vormittag. 17 Kisten Grünkohl sind es geworden. Sie sollen noch heute zum Bioland-Hof Bartsch nach Neuengamme gebracht werden. Dort hat die SoLawi eigene Gewächshäuser und ein Depot, in dem sie das Gemüse lagert und an die Mitglieder ausgibt. Neun Verteilungszentren gibt es insgesamt, verstreut zwischen Altona und Zollenspieker. Vom Acker beim Hof Eggers in Kirchwerder sind es sieben Kilometer bis zu Bartschs Hof und der angeschlossenen Gärtnerei. Mit dem Auto würde es kaum eine Viertelstunde dauern. Doch das steht heute nicht zur Verfügung; Inga Röwer wuchtet daher die Gemüsekörbe in den Laderaum ihres Lastenfahrrads. Dies ist elektrisch betrieben und sieht von hinten aus wie ein Kastenwagen. Bis zu 20 mit Grünkohl gefüllte Behälter können damit befördert werden.

Auf dem Weg zur Gärtnerei geht es an der Gose Elbe und ihren Auen vorbei. Offene Wiesen, stille Teiche. Jetzt im Januar wirkt das Grün der Landschaft noch blass, es wird nur vom seichten Plätschern des Flusses durchdrungen. Kleine Brücken queren dann und wann den Elb-Arm. Hamburg zeigt sich an seiner südöstlichen Peripherie entschleunigt: Bauerngehöfte prägen das Bild. Wohnblocks gibt es nicht. An den Hauptstraßen Ein- und Mehrfamilienhäuser, teilweise stehen die Garagentore auf. Autos kommen hier nur selten entlang. Die Chiffren einer Vorstadtsiedlung.

Nach 25 Minuten ist die Fahrt zu Ende und der Hof erreicht. Wie intuitiv steuert Inga Röwer eine kleine Baracke an. Der Bau ist mit Gießkannen, Kisten und Holzbrettern vollgestellt. Doch es gibt immer noch genug Platz, um den Grünkohl zu entladen, sodass er dort mit einem Wasserstrahl erst mal von Erde und kleinen Steinchen abgewaschen werden kann.

Der Grünkohl muss erst mal saubergemacht werden, bevor er ins Depot kommt.      © Pfaff

Seit heute Morgen sind nun einige Stunden vergangen. In dieser Zeit hat die Gärtnerin vieles über die Strukturen und die Geschichte der SoLawi in Hamburg erzählt. Wohin der Verein aber in Zukunft steuert, wird erst jetzt zum Thema. Biozertifiziert sei er bereits, wie Röwer sagt – erfülle der ökologische Landbau der SoLawi doch die Bioland-Richtlinien. Indes stehen noch andere Dinge auf dem Plan: „Wir möchten gerne in eine Richtung gehen, die sich ʽNo Till’ und ʽMarket Gardening – biointensive Landwirtschaft’ nennt. Das ist eine spezielle Art und Weise des Anbaus. Ich würde sagen, dass wir schon jetzt viele Elemente davon realisieren, aber ich freue mich darauf, da bald ein Gesamtkonzept zu fahren.“

No Till – auch bekannt unter dem Begriff „Direktsaat“ – wird dem Agrarwissenschaftler Rolf Derpsch zufolge als Ackerbausystem verstanden, das auf die Bodenbearbeitung vor der Saat verzichtet. Market Gardening definiere sich indessen über seine intensive Nutzung kleiner landwirtschaftlicher Flächen, die ohne den Einsatz großer Maschinen auskommt. Dies schreibt der Gemüsegärtner Linus Keutzer in seinem Blog „Vom Garten leben“. Die Pflanzabstände des Gemüses seien enger, dadurch der Unkrautdruck geringer und der Ertrag höher. Auch das Jäten nehme weniger Zeit in Anspruch – wobei im Sinne eines „bio“-Anbaus „viel mit Kompostgaben, natürlichem Dünger und Gründdüngung gearbeitet wird“, so Keutzer.

Modell jenseits des Gewinnstrebens

Kleine landwirtschaftliche Flächen also. Und kein Einsatz großer Maschinen. Das spricht nicht gerade dafür, dass die Solidarische Landwirtschaft ganz Hamburg mit Nahrungsmitteln versorgen könnte. Aber darum geht es auch nicht. Die SoLawi Vierlande hat einen anderen Ansatz. Reinhard Budich erklärt, welcher das ist: „Ein herkömmlicher Landwirtschaftsbetrieb hat ein Gewinnstreben. Wir haben das nicht im pekuniären Sinne. Es soll unserer Gemeinschaft gutgehen. Erst danach rechnen wir vielleicht auch volkswirtschaftlich. Denn wir denken, dass wir der Gesellschaft einen guten Dienst damit erweisen, die Dinge nachhaltig zu gestalten.“

Der Bioland-Hof Bartsch (linkes Bild) stellt der SoLawi Vierlande Wirtschaftsflächen zur Verfügung. Ob sich hier Huhn und Schwein (Skulpturen, rechtes Bild) „gute Nacht“ sagen, ist nicht bekannt.                                                                 © Pfaff

Mathias Peters, selbst in der konventionellen Landwirtschaft tätig, hat den Eindruck, dass seine Kolleg*innen aus den Großbetrieben die solidarische Idee eher belächeln. Wer einmal strukturell einen so hoch spezialisierten Weg eingeschlagen habe, wie Vieh- oder Milchbauern, könne ihn nicht einfach verlassen. Zu groß seien die Investitionen in Maschinen und Infrastruktur, als dass sich Berufsgenoss*innen das Modell einer solidarischen Landwirtschaft erlauben können, so Peters. Dies sei für konventionelle Betriebe auf privat-ökonomischer Ebene einfach nicht nachhaltig: „Wenn ich nicht gewinnorientiert handle – wie soll ich nachhaltig arbeiten? Wie soll ich das Ganze erhalten?“ Aus eigener Erfahrung weiß Peters aber auch, wann Solidarische Landwirtschaft interessant sein kann: „Aber bei Betrieben wie meinem, die nicht so spezialisiert sind und wo die Nachfrage nicht so groß ist, kann das ein Modell sein. Oder: Wenn es Flächen gibt, die verpachtet sind und nicht mehr selbst bewirtschaftet werden, weil eine nachfolgende Generation der Landwirtschaft den Rücken gekehrt hat. Dann kann es für einen Wiedereinstieg geeignet sein.“

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Baustein für eine nachhaltige Stadtgesellschaft

In vier Gewächshäusern sprießt das Gemüse auf fast 860 Quadratmetern.                     © Pfaff

Mittagspause in der Gärtnerei. Einen Aufenthaltsraum gibt es hier nicht. An einem der offenen Geräteschuppen findet sich jedoch ein notdürftig aufgebauter Tisch. Zwei klapprige Holzstühle stehen drum herum. Auf einen von ihnen setzt sich Inga Röwer – ehe sie zu erzählen beginnt: Über die Logistik-AG, die in der Gründungszeit der solidarischen Gemeinschaft Orte und Räume gefunden hat, um die Gemüsedepots aufzubauen. Über die guten Kontakte mit dem Kattendorfer Hof aus Schleswig-Holstein und der SoLawi Nordheide – zwei Solidargemeinschaften aus dem näheren Umkreis. Und über den eigenen Verein, der es kurz vor Weihnachten 2019 schaffte, als „gemeinnützig“ eingestuft zu werden. Röwer nippt an einer Tasse Tee, in der Hand ein Glas mit Gemüse-Allerlei. “Ein kalter Linseneintopf“, wie sie sagt. Darin: Rote Beete, Sellerie und Möhren aus eigenem Anbau. Linsen und Kartoffeln seien dagegen zugekauft. Kaum auszumalen, wie die Mischung schmeckt, wenn ihr auch noch das Wintergemüse aus den Gewächshäusern beigemengt wäre. Bei Spinat, Kresse, Mangold, Blattkohl und Postelein wohl undefinierbar.

Das Angebot der SoLawi Vierlande ermöglicht es also problemlos, sich einen vielfältigen Gemüse-Mix zusammenzustellen. Obst und tierische Erzeugnisse sind von der Melange jedoch ausgenommen, da der Verein diese Nahrungsmittel nicht produziert. 200 Mitglieder und ihre Familienangehörigen, also insgesamt etwa 500 Personen, können somit ausschließlich an der Gemüseauswahl partizipieren. Jürgen Oßenbrügge zeigt sich daher skeptisch, das SoLawi-Modell als die Zukunft zu bezeichnen: „Es ist der falsche Anspruch, zu meinen, die Stadt könne sich über derlei gemeinnützige Landwirtschaftsformen selbst ernähren. Der richtige Anspruch wäre es, eine Art ʽLaboratorium’ zu haben – und über unterschiedliche Gemeinnutzungsformen zu erkennen und zu lernen, welche Alternativen existieren.“ Für Oßenbrügge „scheint die solidarische Ökonomie wie eine Speerspitze von etwas zu sein, das sich auf breiter Front entwickeln muss.“ Es geht ihm um eine nachhaltige Stadtgesellschaft. Eine, die im Stile von Rob Hopkins‘ Konzept der Transition Towns „solidarische Ökonomie, alternative Mobilitätsformen und Erzeuger-Verbraucher-Connection“ in Orten wie Hamburg implementiert und zusammenbringt. Innerhalb dieses Kontextes müsse ein Nachhaltigkeitsdiskurs angeregt werden, der in Praxisformen zu überführen sei. „Das kann beispielweise Urban Gardening oder eine Gemüseproduktion in einem Parkhaus sein, das für eine nachbarschaftliche Salatproduktion genutzt wird.“

Vor Wind und Wetter geschützt, weil überdacht: Mangold (links) und Spinat (rechts).                                                       © Pfaff

In diesem Sinne könne die Solidarische Landwirtschaft ein Baustein sein, um das Ziel einer nachhaltigeren Gesellschaft zu erreichen, glaubt auch Inga Röwer. Sie habe wahrgenommen, dass es ein gesteigertes Interesse an den SoLawis und dem Urban Gardening gibt. Dies sei ein Ausdruck dessen, „dass viele Menschen gerne wieder mehr Verantwortung übernehmen und ihre Umgebung selbst gestalten wollen.“ Es wirkt, als sei Jürgen Oßenbrügge gar ihr Bruder im Geiste, wenn sie dann noch nachschiebt: „Vielleicht ist SoLawi ein Übungsfeld, das hilft, die Menschen zu sensibilisieren: für die Frage, wie sie mit ihren Konsumentscheidungen auf die Umwelt, andere Personen und Strukturen Einfluss nehmen.“ Freilich gebe es auf der Ebene einer gemeinschaftsgetragenen Landwirtschaft auch Alternativen zur SoLawi: „Beispielsweise über eine sehr feste Kundenbindung oder über Abokisten.“ Bei manchen Höfen identifiziere sich die Kundschaft so stark mit dem Betrieb, dass die Käufer*innen selbst bei Preisschwankungen nicht ohne weiteres abspringen würden, so die Gärtnerin.

In den Vier- und Marschlanden gut aufgehoben

Besonnen. So wirkt sie in ihrem ganzen Wesen. Manchmal muss Inga Röwer länger nachdenken, ehe sie zu erzählen beginnt. Doch es macht nicht den Eindruck, dass ihre Argumentationen vorgefertigt sind. Was sie sagt, scheint intuitiv und aus einer inneren Überzeugung herauszukommen. „Dass ich diesen Werdegang eingeschlagen habe, hat sicher damit zu tun, dass mir der Umgang der Menschen untereinander und mit ihrer Umwelt schon immer sehr wichtig war“, erklärt sie.

Kleines Flüsschen: die 15 Kilometer lange Gose Elbe.                                                         © Pfaff

Röwer steht in einem der Gewächshäuser, wo sie den Wuchs des Spinats kontrolliert. Irgendwo auf einer Anbau-Fläche sind noch ein paar Halme vom Bohnenkraut übriggeblieben, das erst vor kurzem geerntet wurde. Beim Zerdrücken der wenigen vertrockneten Blätter riecht es wie bei einem Pizzabäcker: ein wenig nach Majoran, ein bisschen nach Oregano. Der Duft hat sich noch nicht verflüchtigt, da gewährt Inga Röwer ihre persönliche Sichtweise auf die SoLawi in den Vier- und Marschlanden – inklusive einer Danksagung: „Wir haben hier mit den Bauern und Gärtnern Nachbarn vorgefunden, die uns gegenüber offen sind und sich auch freuen, dass Leute noch mal mit etwas Neuem anfangen. Die grundlegende Tendenz ist hier ja, dass die Gärtnereien schließen. Ich freue mich, dass wir so offen empfangen werden.“

Der Tag bei den SoLawistas neigt sich dem Ende entgegen. Zeit, um noch eine Kostprobe des Asiasalats zu nehmen. Für Inga Röwer schmeckt er „leicht nach Rosenkohl.“ Und tatsächlich: das Röschen-Aroma ist unverkennbar. So bleibt indes nur eine Aufgabe unerledigt: irgendwer muss noch den Grünkohl vom Acker goutieren.

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