Herr Staud, vor einigen Monaten ist eine Studie der Weltbank erschienen, derzufolge es bis 2050 weit mehr als 100 Millionen Klimaflüchtlinge geben könnte. Würden Sie über eine solche Studie berichten und wenn ja, wie?

Über Klimaflüchtlinge zu schreiben, halte ich durchaus für sinnvoll. Sie sind ein ernstzunehmendes und stärker werdendes Problem, das zu wenig Aufmerksamkeit bekommt. In einer guten Meldung über diese Studie müsste man aber eigentlich in ein oder zwei Sätzen die Methodik der Studie beschreiben. Außerdem sollte man erklären, wer die Weltbank ist und welche Eigeninteressen sie bei diesem Thema eventuell hat. Dann können sich die Leserinnen und Leser auf Basis der gelieferten Informationen eine Meinung zu dieser Studie bilden.

Und wie würden Sie mit der Zahl “weit über 100 Millionen” umgehen?

Wenn ich in einem Text eine solche Zahl nenne, dann muss ich sagen: Achtung, dies ist eine Schätzung. Vielleicht muss ich sogar sagen: Dies ist eine in der Wissenschaft nicht unumstrittene Schätzung. Oder ich muss eine Spanne angeben. Aber ich kann mir vorstellen, dass das in vielen Texten nicht geschieht. Es ist halt einfacher und knackiger, wenn man von 100 Millionen Flüchtlingen schreibt, statt von möglicherweise von 20 bis 200 Millionen zwischen den Jahren so und so…

Also Präzision bei den Zahlen…

Absolut. Präzision ist bei diesem Thema irre wichtig. Und ein guter wissenschaftsjournalistischer Text sollte unbedingt auch angeben, ob sich neue Erkenntnisse sich mit dem bisherigen Forschungsstand decken oder von ihm abweichen.

Gibt es neben der Wissenschaft noch weitere Bereiche, an denen Klimajournalismus sich orientiert?

Nach meiner Wahrnehmung ist das Thema Klimawandel aus zwei Richtungen in die öffentliche Debatte gekommen: aus der Wissenschaft und aus dem Bereich der Umweltbewegungen. Davon wird bis heute das Vokabular der gesamten Klimadebatte und der Klimapolitik geprägt.

Toralf Staud ist Redakteur bei Klimafakten.de und arbeitete zuvor für verschiedene Medien, u.a. für die ZEIT (Bild: Detlef Eden)

Wie wirkt sich das auf die Berichterstattung aus?

Mein Eindruck ist, dass Journalisten häufig unkritisch Vokabular übernehmen, statt ihre eigenen Deutungen zu erarbeiten. Dadurch stricken sie an Bildern weiter, die von Pressesprechern und anderen professionellen Akteuren aus dem Wissenschafts- oder Umweltbereich gesetzt werden. Da wäre es für Journalisten hilfreich, wenn sie das Thema theoretisch verstehen und die Interessen der verschiedenen Akteure kennen.

Was könnten Medien und Journalisten noch bei der Berichterstattung über Klimathemen verbessern?

(Lacht) Wie lange wollen wir sprechen?

Ich habe Zeit! Sie können ja mit den wichtigsten Punkten anfangen.

Ein großer Fortschritt wäre es, beim Klimawandel mehr Bezüge zum Hier und Jetzt herzustellen. Bei dem Thema geht es ja nicht nur um Eisbären oder Grönlandgletscher im Jahr 2100 – sondern auch um Veränderungen in Deutschland im Jahr 2019. Was ich auch für ein Problem halte, ist der Fokus auf das Unnormale und das Sensationelle. Das ist ja ein allgemeines Kennzeichen des Journalismus und gerade im Klimajournalismus weit verbreitet. Nach meiner Beobachtung wird oft ein Katastrophenbild gemalt, aber selten darauf geschaut, welche Einflussmöglichkeiten es auf den Klimawandel gibt.

Das trifft auch auf die Berichterstattung über Klimaflüchtlinge zu. Es wird wenig über Lösungen gesprochen, aber viel über untergehende Inseln im Südpazifik – obwohl in Südasien und Afrika deutlich mehr Menschen betroffen sind. Warum wird trotzdem so häufig über Fidschi oder Tuvalu berichtet?

Naja, das ist ein sehr einleuchtender Ursache-Wirkungs-Zusammenhang: Ozeane steigen, Inselstaaten gehen unter, Leute müssen weg. Fertig. Und bei der Attraktivität des Themas spielt sicherlich auch ein wenig die Urlaubsstimmung eine Rolle. Für weiße Strände und Korallenriffe interessieren sich die Leser mehr als für irgendwelche bevölkerungsreichen asiatischen Länder. Das wissen Journalisten natürlich. Auf der Redaktionskonferenz bekommen sie das Thema leichter los, mehr Platz in der Zeitung, und es gibt noch ein schönes Foto dazu. Vielleicht ist das zynisch oder abgebrüht, aber so funktioniert Journalismus nun mal. Aber eigentlich sollte verantwortungsvoller, passender und problemadäquater Journalismus natürlich eher nach Afrika oder Asien schauen.

Fällt Ihnen noch ein weiteres Beispiel für diese Diskrepanz zwischen Wissenschaft und journalistischer Berichterstattung ein?

In der Klimaforschung gibt es beispielsweise häufig Szenarienberechnungen über die künftige Temperatur. In den Studien steht dann explizit: Unter den Voraussetzungen A, B, C, D haben wir Grund zur Annahme, dass die Temperatur sich zwischen X und Y bewegen wird mit einem wahrscheinlichen Mittelwert von Z. In den Nachrichten taucht dann oft nur die Zahl Z auf. Das ist natürlich verkürzt und vermittelt eine Scheingenauigkeit, die sich in der Wissenschaft eigentlich nicht findet.

Was sind die Auswirkungen einer solchen Berichterstattung?

Sie ist leicht angreifbar für Leute, die die Realität des Klimawandels bestreiten oder von einer Verschwörung der Wissenschaft phantasieren. Es lässt sich dann einfach sagen: ‘Seht mal, hier wird wieder heillos übertrieben, in Wahrheit ist der Klimawandel ja gar kein Problem.’ Der erste Halbsatz mag ja bei mancher Zeitungsmeldung sogar stimmen. Aber daraus abzuleiten, dass es kein Problem gibt, ist natürlich falsch. In einem gewissen Sinne ist deshalb eine ungenaue oder übertriebene Berichterstattung über den Klimawandel gefährlich.

Herr Staud, vielen Dank für das Interview.

Interview: David Wünschel

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