Elon Musk, beispielsweise, ist so einer. Einer, dieser neuen Art Vordenker, dieser Technikfetischisten, dieser elitären klugen Köpfe, die aus dem Grundverständnis ihrer selbst heraus Grenzen übergehen, die der Durchschnittsbürger* als gegeben erachtet. Elon Musk stört sich nicht daran, ob Gesellschaft und Politik für seine Ideen bereit sind. Er fragt nach dem physikalisch Machbaren. Indem für ihn menschlicher und technologischer Fortschritt untrennbar zusammengehören, etabliert sich Musk als idealer Typus des Solutionismus – einer Ideologie, die sich den neoliberal geprägten Gegenwartskapitalismus zu eigen macht, um aus ihm heraus für dessen Wandlung zu sorgen.

Ob es nun um Klimawandel, Armut oder größer werdende Ungleichheit geht – für den Solutionismus ist jedes Problem nur eine technologische Herausforderung, die bisher noch nicht gelöst wurde. Dabei geht es aber keinesfalls darum, den Kapitalismus abzuschaffen, im Gegenteil: Der erfolgreiche Solutionist ist der, der es schafft, Ideen und Persönlichkeit zu kapitalisieren. Auf dem Papier profitieren so alle. Die Gesellschaft, indem größere Gleichheit hergestellt wird und drängende Probleme ad acta gelegt werden können; der Solutionist, indem er ein Vermögen verdienen und dabei die Welt ein Stück besser machen kann. Trotzdem vertritt der Solutionismus eine antidemokratische Haltung – wie passt das zusammen?

Wir sind Kapitalismus

Um dieser Frage nachzugehen, gilt es vorab, sich das Fundament des Ganzen anzuschauen. Die beiden Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaftler Oliver Nachtwey und Timo Seidl haben sich in ihrer Arbeit „Die Ethik der Solution und der Geist des digitalen Kapitalismus“ mit dem Ursprung eines neuen digitalkapitalistischen Geistes befasst, den sie als Reaktion auf den Gegenwartskapitalismus verstehen. Unser neoliberaler Gegenwartskapitalismus funktioniert nach dem Motto: „Der Markt regelt das“. Seit den 1980er Jahren zieht dieses Leitbild massive Konsequenzen nach sich: Zügellose Deregulierungen, wachsende Ungleichheit, sinkenden Aufstiegschancen und ein Credo, das jeden als seines eigenen Glückes Schmied definiert, Klassenunterschiede dabei aber missachtet.

Das System basiert auf den wichtigen Faktoren Motivation und Legitimation. Jeder kapitalistische Akteur – wir alle gehören daz – braucht beides, um sein Handeln zu rechtfertigen. So entsteht ein Geflecht komplexer Verstrickungen, das von der Soziologie der Rechtfertigungen genauer beleuchtet wird. Mit den Rechtfertigungsordnungen, auch Polis genannt, wird so ein nachvollziehbares Muster abgeleitet. Die verschiedenen Poleis wiederum definieren sich über folgende Faktoren: Wertigkeit, idealer Typus, Wahnsinn, Bewährungsprobe, Anthropologie, Zeit- bzw. Geschichtsdeutung und politische Philosophie.

Der Gegenwartskapitalismus findet sich in der Polis des Marktes wider. Sie definiert Wertigkeit anhand von Reichtum und Besitz, also Kapital. Ihr idealer Typus ist der Geschäftsmann, ihr Wahnsinn ist die Armut, ihre Bewährungsprobe die Konkurrenz, ihre Anthropologie die Welt subjektiver Wünsche und objektiver Knappheit, ihre Zeit- bzw. Geschichtsdeutung die Vermittlung von Leidenschaften und Knappheit auf dem Markt. Und ihre politische Philosophie kommt von Adam Smith. Auf die angesprochenen Probleme reagiert nun nach Nachtwey und Seild der digitalkapitalistische Geist – und aus ihm heraus die Polis der Solution.

Der digitalkapitalistische Geist

Die beiden Autoren schreiben, der digitalkapitalistische Geist habe „seine Wurzeln und den Ort der stärksten Ausprägung in der Glutkammer des digitalen Kapitalismus, dem Silicon Valley, von wo aus er sich in immer weitere Bereiche der zunehmend digitalen Ökonomie ausbreitet.“

In drei beschriebenen negativen Annäherungsversuchen an den digitalkapitalistischen Geist wird deutlich, wie sich dieser vom aktuellen Geist des Kapitalismus – also der Gesamtheit von Motivation und Legitimation für das eigene Handeln als kapitalistischer Akteur – unterscheidet. Als Erstes genannt wird die Abgrenzung zur Wall Street und das Eintreten für einen verantwortlichen Kapitalismus, der vor allem die deregulierten Finanzmärkte angreift. Es folgt die Abgrenzung zu Washington „als Symbol für die Unfähigkeit bürokratischer und politischer Akteure bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme“, sowie die Abgrenzung zu Hollywood, denn „in Hollywood kann man nur gewinnen, wenn andere verlieren. Im Silicon Valley geht es (…) darum, Situationen zu schaffen, in denen jeder Sieger ist.“

Sieger kann nur sein, wer partizipiert. Partizipieren kann nur, wer die Möglichkeit dazu erhält. Wichtige Bestandteile des digitalkapitalistischen Geistes sind deshalb laut Nachtwey und Seidl für die Allgemeinheit zugängliche Bildungsmöglichkeiten, die „Beschäftigung mit Missionen, die alle etwas angehen“, sowie die Wertschätzung für Eigenschaften wie Genialität, Kreativität und Spontanität, die sich in der „guruartigen Verehrung gnadenbegabter Entrepreneure“ Ausdruck verleihen kann.

Vernetzte Gesellschaft

Die Polis der Solution definiert Wertigkeit über das Lösen von Menschheitsproblemen. Dabei geht sie grundsätzlich davon aus, dass alle Menschen gleichberechtigt sind – unterscheidet sie aber dadurch, dass manche mehr zur Lösung beitragen, als andere. Persönlichkeiten wie Elon Musk, Mark Zuckerberg oder Steve Jobs kommt so ganz automatisch die Rolle des Auserwählten zu, der aus einer Masse von vielen heraussticht und mit visionären Ideen bestehende Grenzen einzureißen versucht.

Dabei geht leicht vergessen, dass diese „Avantgarde des Digitalkapitalismus“, so Nachtwey und Seidl, selbst elitär ist. Indem Persönlichkeit und technologischer Fortschritt kapitalisiert werden, stützt sich diese Elite auf die Verehrung ihrer selbst und ökonomischen Wachstum. Anders, als es die Märkte aktuell vorsehen, unterstützt der Solutionismus die Bildung von Monopolen regelrecht. Wer sich nicht um Konkurrenz kümmern muss, so die Idee, kann sich besser um die eigenen Mitarbeiter oder im größeren Stil gleich um die ganze Welt kümmern. Nur so ist es Tech-Giganten wie Google möglich, horrende Summen in Forschungsprojekte zu investieren, die nicht in erster Linie profitabel sein müssen, im besten Falle aber innovative Technologien zutage fördern.

Politische Institutionen werden obsolet

Neue Technologien und die Vernetzung aller Menschen machen politische Institutionen und Strukturen obsolet. Unsere Gesellschaft ist für den Solutionismus voller Fehler, die es zu korrigieren gilt, ihr Wandel ist künftig technologischer, nicht mehr politischer Natur. Damit ist für den Wandel maßgeblich, wer diese Technologie kreiert und kontrolliert. Wenn einzelne Persönlichkeiten und Unternehmen über stetig mehr Macht verfügen, indem sie mit neuen Technologien gesellschaftlichen Wandel formen und bestimmen, wird die Demokratie, wie ein veraltetes System, abgelöst. Unweigerlich stellt sich die Frage, wohin das führen soll. Möglich, wenn auch derzeit noch in weiter Ferne, wäre der Zeitpunkt der Singularität – also dann, wenn Technologie selbst neue Technologie entwickelt und den Menschen nicht mehr braucht.

In seinen grundlegenden Ansätzen bietet der Solutionismus viele gute Ideen. Gegen allgemein zugängliche Bildung, mehr Gleichheit, Maßnahmen gegen den Klimawandel et cetera lässt es sich rational nur schwierig argumentieren. Wie so oft ist es aber der Preis, der entscheidet. Aus ohnehin schon mächtigen Unternehmen könnten gesellschaftsformende Monopole werden, aus gesellschaftsoptimierenden Technologien Instrumente autoritärer Individuen. Anzeichen einer solchen Dystopie lassen sich schon heute erkennen – etwa im chinesischen Kontrollkapitalismus, der Bürger schon vollständig überwacht und ihnen nach einem Punktesystem (Social Scoring) Vor- und Nachteile im Leben verschafft. Je nachdem, ob man sich an die Regeln hält, vorbildlich lebt oder eben nicht.

Sicherlich werden neue Technologien für die großen Fragen der Menschheit künftig immer wichtiger werden. Dabei ist es nur wichtig, auch auf die Menschlichkeit zu hören.

Beiträge mit ähnlichen Themen