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Was einst wuchs und starb

 


Symbolbild, Bayerischer Wald, Quelle

Die Germanen nahmen als Erste großen Einfluss auf den Wald im heutigen Deutschland. Wälder bedeckten vermutlich 80 Prozent Germaniens, ein Gebiet, das der römische Historiker Tacitus im Jahr 98 n. Chr. als „ein Land, bedeckt von schrecklichen Wäldern oder abscheulichen Sümpfen“ beschreibt. Zu dieser Zeit war Italien bereits lange Kulturlandschaft, vor allem wegen des hohen Holzbedarfs der römischen Streitkräfte und der wachsenden Zivilbevölkerung.

Die Germanen fällten Bäume, um ihre Siedlungen zu bauen. Auch benötigten sie Feuerholz und erweiterten ihre Felder. In Erzabbaugebieten fällten sie besonders viele Buchen, um Buchenholzkohle zur Metallverarbeitung daraus zu machen. So dünnte der Wald um die Siedlungen herum aus. Waren Boden und Wälder erschöpft, zogen die Stämme weiter.

Im Teil Germaniens, der von den Römern besetzt war, schwanden die Wälder rascher: Die Landesforsten Rheinlandpfalz sprechen davon, dass die Waldfläche dort bereits auf 60 Prozent geschrumpft war. Die Römer nutzten den Wald intensiv, denn sie benötigten enorme Mengen Holz für den Bau von Städten und Schiffen, zum Kochen und Heizen ihrer Bäder und Bodenheizungen. Auch der Bau des Limes verschlang große Teile des Waldes um ihn herum. Die Römer brachten aber auch Baumarten wie Esskastanie und Walnuss zurück nach Germanien, die während der Eiszeiten ausgestorben waren.

Die Römer ziehen ab

Während der Völkerwanderung im vierten und fünften Jahrhundert drängten die Germanen die Römer zurück. Die Besiedlungsdichte in den ehemals besetzten Gebieten nahm schlagartig ab und der Wald erholte sich. Auf den verlassenen Kulturflächen konnte er sich wieder ausbreiten, bis die Bevölkerung im Mittelalter wieder wuchs.

Das neue Bevölkerungswachstum löste zwei große Rodungsperioden aus. Von 500 bis etwa 800 besiedelten zuerst die Karolinger die ehemaligen Gebiete der Römer im heutigen Deutschland erneut. Sie benötigten Baumaterial und Brennholz. Dafür schlugen sie große Teile der Wälder kahl. Gebiete in den Gebirgen oder in der Nähe der wegen Hochwasser unberechenbaren Flüsse blieben vorerst verschont. Ab dem neunten Jahrhundert wuchs die Bevölkerung wegen Seuchen und Kriegen nicht weiter. Die Rodung stockte.

Um 1100 herum begann die zweite Rodungsperiode: Die Siedler drangen nun auch in die Gebirge und an die Ufer der Flüsse vor. Kaum ein Stück Wald blieb unberührt. Bis 1300 rodeten und nutzten die Menschen den Wald so intensiv, dass er kaum noch als solcher zu erkennen war. Der Waldbestand schrumpfte im Mittelalter um fast ein Drittel. Das Bistum Speyer erkannte, dass der Wald endlich ist. Die 1442 erlassene „Forstordnung zum Schutz des Waldes“ verpflichtete Ämter, Betriebe und Untertanen zum Holzsparen. Andere Bistümer folgten. Trotzdem lichtete sich der Wald weiter.

Die Holznot droht

Eine kurze Erholungsphase bot der 30-jährige Krieg. Die Bevölkerung war so weit dezimiert, dass dies die Wälder entlastete. Die Vegetation eroberte verlassene Höfe und zerstörte Landstrichen zurück. Danach stieg der Holzbedarf und damit die Anzahl der gefällten Bäume wieder.

Vom 16. bis ins 19. Jahrhundert verschlang dann der Bau von Handels- und Kolonialschiffen besonders große Mengen Holz. Oft wurde es aus dem Schwarzwald über den Rhein bis in die Niederlande transportiert – man sprach von „Holländertannen“. Viele Bäume fielen auch dem Bergbau und der Metallverarbeitung zum Opfer. Um 1800 ging es dem deutschen Wald so schlecht wie nie zuvor. Es existierten kaum noch geschlossene Wälder. In Kunstwerken aus der damaligen Zeit sind wüstenähnliche Landschaften und stark aufgelichtete Wälder zu sehen. (Beispiele im Historischen Lexikon Bayerns) In der Bevölkerung ging die Angst vor einer drohenden Holznot um.

Umdenken zur Mitte des 19. Jahrhunderts 

Mitte des 19. Jahrhunderts begannen die Kleinstaaten auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands umzudenken. Zerstörte Wälder und Kahlflächen wurden wieder aufgeforstet. Die nachhaltige Forstwirtschaft, die eigentlich schon seit dem 15. Jahrhundert bekannt war, fand endlich breiten Zuspruch. Die Förster pflanzten hauptsächlich Fichten und Waldkiefern. Die robusten Bäume kamen auf den ausgezehrten Böden besser klar und wuchsen schneller. So entstanden die Monokultur-Wälder, die wir heute kennen.

Zusätzlich entlastete die Kohle die Wälder. Sie verdrängte mit dem Aufkommend der Eisenbahnen das Brennholz als wichtigsten Energielieferanten. Langsam konnte sich der Wald erholen. Nur während der beiden Weltkriege litt er erneut unter Zerstörung und dem Holzbedarf des Wiederaufbaus. Trotz dieser Unterbrechungen entwickelten sich die deutschen Wälder gut. Heute wachsen sie hier auf rund 11,4 Millionen Hektar. Das entspricht in etwa einem Drittel des gesamten Landes.

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