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Was es bedeutet, heute von Urwald zu sprechen

Von Angelika Watta

Unter Urwald versteht man gemeinhin Wald, der sich entwickeln konnte, ohne dass der Mensch eingegriffen hat. Diese Wälder werden auch Primärwälder genannt; Pflanzen und Tiere konnten sich dort ausbreiten ohne dabei gestört zu werden. Wälder, welche zum Beispiel durch Abholzung oder Landwirtschaft verändert wurden, nennt man hingegen Sekundärwälder. 

Es gibt aber verschiedene Auffassungen dessen, was heute noch faktisch als Urwald bezeichnet werden darf. Laut der Gruppe „Intact Forest Landscapes“, die mit Partnern wie Greenpeace arbeitet, gibt es auf der ganzen Welt nur 21 Waldgebiete, die vom Menschen unangetastet geblieben sind – und somit der Bezeichnung „Urwald“ gerecht werden können. Demzufolge findet man weder in Deutschland noch in ganz Europa unberührte Waldflächen – im Gegensatz zu Russland, Südamerika, Kanada und Teilen Nordamerikas. 

Dieburger Waldidylle

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Buchenurwald in Deutschland?

Auch wenn die Definitionen für „Urwald“ – den wir umgangssprachlich oft mit tropischen Regenwald gleichsetzen – sich unterscheiden, lässt sich doch festhalten, dass es in Deutschland fast keine echten Urwälder mehr gibt. Auf nahezu jeder Waldfläche hat der Mensch bereits eingegriffen, also Bäume gerodet, einen Acker angelegt und Häuser oder Dörfer und Städte gebaut. Wälder, die von Anbeginn der Zeit vom Menschen in Ruhe gelassen wurden, gibt es in Deutschland, wie auch in weiten Teilen Europas nicht mehr.

Dennoch wird hierzulande viel von Urwald  gesprochen – meist mit Bezug zur Buche: „Echter Urwald ist ein Wald, der sich seit der letzten Eiszeit ohne maßgeblichen menschlichen Einfluss entwickelt hat. Erst gab es Birkenwälder, Haselwälder, dann kamen Eichen – und jetzt leben wir im Zeitalter der Buche. Aber alte Buchennaturwälder muss man bei uns fast mit der Lupe suchen. Das wird Jahrhunderte bis Jahrtausende brauchen, bis es da wieder Urwälder gibt“, erklärte der Naturfotograf Matthias Schickhofer im Spiegel.

Immerhin sähen Wälder wie der Steigerwald oder der Spessart schon sehr ähnlich aus wie die echten Buchenurwälder in den Karpaten, erklärt der Experte. „Da liegt Totholz, der Wald ist nicht gleichaltrig, es gibt sehr alte Bäume mit Höhlen und Spalten. Da kann sich die Artenvielfalt entwickeln. In Urwäldern leben besondere Pilze, Käfer und Vögel, die es in den jüngeren Wirtschaftswäldern nicht gibt.“ Schickhofer hat es sich zur Aufgabe gemacht, die letzten Urwälder Europas zu fotografieren, die sogenannten „Überreste“ bildlich festzuhalten.

Andere Quellen, vor allem zahlreiche Auflistungen im Netz, sprechen immer noch von „Urwäldern“ in Deutschland und zeigen auf, wo noch reine „Wildnis“ in Deutschland zu finden ist. Unter anderem zählt das Naturmagazin ‚Geo‘ 13 Nationalparks, in denen „Bäume ungestört wachsen, sterben und vergehen dürfen“ dazu, als auch Orte in Ostdeutschland, wie stillgelegte „Truppenübungsplätze“. Allerdings kann auch an dieser Stelle nicht mehr die Rede von einem Urwald sein, da der Mensch an solchen Plätzen schon eingegriffen hat und den Wald erst danach gedeihen lässt. Somit handelt es sich auch hier, streng genommen, um einen Sekundärwald. 

Wie heimischer Urwald geschützt werden kann 

Deutschland besteht zu einem Drittel aus Wald. Größte Teile davon sind Nutzwälder, so gut wie keine dieser Regionen werden sich selbst überlassen, überall greift der Mensch ein: ob durch Holzwirtschaft, Jagd oder Landwirtschaft. Es gibt nur wenige unberührte Waldgebiete in Mitteleuropa. Ganz kleine Reste an „echtem Urwald“ findet man bisher nur in Teilen des Nationalparks Bayrischer Wald, an der Grenze zu Tschechien. Auch Waldstücke an der Sächsischen Schweiz werden als solche gelistet.

Der letzte europäische Urwald, der Bialowieza-Wald, liegt allerdings in Polen, an der Grenze zu Weißrussland. Um dieses Waldebiet gab es in jüngster Zeit großes Aufsehen. Denn die polnische Regierung hatte begonnen, Teile des Waldes für die Forstwirtschaft freizugeben. Während die EU-Kommission die Abholzung in dem 63.000 Hektar großen Wald als Verstoß gegen Naturschutzrichtlinien wertet und vom Europäischen Gerichtshof Recht bekam, wehrt sich der polnische Staatsforstbetrieb gegen dieses Urteil. Statt die Abholzungen zu stopnen, wie von Demonstranten und der EU-Kommission gefordert, will Polen weiterhin Bäume einschlagen dürfen.

Fünf-Prozent-Ziel für Deutschland

Auch die deutsche Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, fünf Prozent der deutschen Waldfächen wieder zum Urwald werden zu lassen. Derzeit sollen es offiziell ein Prozent der Wälder sein sein, die nicht vom Menschen beeinflusst werden. „Wir wissen nicht immer, was passiert wenn Arten aussterben, welche Konsequenzen das für das Ökosystem und später für den Menschen hat. Aus diesem Grund denke ich, dass es wichtig ist (…) solche Wälder zu schützen“, sagte Claus Bässler, Mykologe in der Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald im  Bayrischen Rundfunk.

Doch noch wird nicht sehr viel getan, um das Ziel zu erreichen. Die meisten Initiativen gehen von Vereinen, Organisationen und Stiftungen aus: Der Nabu-Waldschutzfonds beispielsweise kaufte 2018 zwei Hektar Eichentrockenwald in Thüringen und will diesen nun als „ungestörten Rückzugsort für bedrohte Tiere“ gedeihen lassen.  Auch Privatpersonen übernehmen Verantwortung. Dieter Mennekes etwa gehören 350 Hektar Wald in Nordrhein-Westfalen. Diesen will er nun nicht mehr forstwirtschaftlich nutzen, sondern die Natur, Natur sein lassen, wie „Die Welt“  berichtete. Mennekes wolle einmal „eine schöne Wildnis hinterlassen“.

Solche Beispiele stellen die Frage danach, was echte „Wildnis“ überhaupt ist. Und wie kann man zweckfreie Wildnis in einer Gesellschaft, die stets nach Profit sowie genauen Zielen und Funktionen sucht, überhaupt zulassen? 

Passiv oder aktiv? Von der Sukzession zu Naturschutzmaßnahmen 

Es gibt im Prinzip zwei Ansätze, mehr Wildnis und Urwald zu ermöglichen. Der eine ist die die Sukzession, das Ökosystem Wald also einfach Wald sein zu lassen, ganz ohne Eingriffe des Försters. Das heißt auch, den Mensch von bestimmten Landschaften und Flächen auszugrenzen, sie in vollem Maße sich selbst zu überlassen.

Der zweite Ansatz, bekannt als Naturschutz, setzt darauf, Problemem aktiv entgegenzuwirken und bisherigen Eingriffe ökologisch auszugleichen, sei es durch Aufforstung oder Schutz vor Schädlingen mit Fallen oder chemischen Mitteln. Immer wieder gehen beide Wege natürlich ineinander über oder werden zeitlich verfolgt.

Die Webseite„Wildnis in Deutschland“ listet mehrere Gründe auf, warum man mehr Wildnis in Deutschland zulassen sollte. Sie sichere die biologische Vielfalt, wirke dem Klimawandel entgegen und schütze Lebensräume, ist da zu lesen. Doch die Skuzession, die zur Wildnis führen soll, ist nicht bei allen beliebt.

Die „Schutzgemeinschaft deutscher Wald“ betont etwa, dass diese Strategie keine Garantie für biologische Vielfalt sein kann. Aus der Perspektive des Klimawandels laufe die passive Sukzession zu langsam ab – was bedeuten kann, aktiv neue, robustere Baumarten zu pflanzen, um die Wälder fit für die Erwärmung zu machen. Außerdem müsse man heutzutage auch die globale Sichtweise bedenken, erklärt die Schutzgemeinschaft. Reduziere Deutschland die Bewirtschaftung der Wälder, muss das fehlende Holz aus anderen Ländern importiert werden: Die anhaltende globale Waldvernichtung in den Tropen, Subtropen und auch borrealen Wäldern beinhaltet für uns zugleich eine gewisse Verpflichtung zur nachhaltigen, naturverträglichen Waldbewirtschaftung, denn in Deutschland haben wir vergleichsweise optimale Wuchsbedingungen.“

Man müsse den heimischen Rohstoff Holz sichern, um auch die energieintensive Herstellung von beispielsweise Aluminium nicht mehr zu begünstigen, heißt es da weiter. Somit, so hält die Schutzgemeinschaft fest, sei es in mehrfacher Weise klimatechnisch wirksamer, die Bewirtschaftung des Waldes nicht von dem einen auf den anderen Tag zu beenden, sondern sich stattdessen mit Alternativen auseinanderzusetzen. 

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