Natur und Konsum – nicht immer miteinander vereinbar

Von Lena Becker

Ich lebe jeden Tag auf diesem Planeten, doch bin mir diesem überhaupt nicht bewusst. Es ist nicht selbstverständlich, dass ich Wasser habe zum Trinken, die Luft zum Atmen und die Nahrung, die mich am Leben hält. Mutter Erde. Ich schwimme in ihren Gewässern, bereise ihre Oberfläche. Doch habe ich mich jemals dafür bedankt?

Anderswo entzweit sich die Erde, Häuser werden von Fluten überströmt – von alldem bleibe ich verschont. Während das einzige Problem, vor dem ich immer wieder stehe, die Auswahl zwischen Pizza Quattro Formaggi oder Cheeseburger ist. Warum schiebe ich die wirklich wichtigen Sachen so weit von mir weg? Verdränge ich sie oder ist es mir egal?

Mehr, mehr, mehr

Für sich zu sein ist plötzlich ein ganz rares Gefühl. Scheinbar überall vernetzt, wissen wir doch weniger als zuvor. Jeder hat sein Spezialgebiet. Der Blick fürs große Ganze leidet darunter. Ist es Zufall, dass der Zyklus des Mondes und der der Frau exakt gleich sind? Wo bleibt diese Verbundenheit im Alltag? Der einzige Schein entspringt den Geräten in unseren Händen. In den sozialen Medien messen sich Menschen daran, wer die meisten Orte bereist, die meisten Anhänger für sich gewonnen hat.

Mehr, mehr, mehr. Auch die Auswahl im Supermarkt erscheint uns selbstverständlich. Doch ohne Frachter und Flugzeuge würde wohl einiges fehlen. Der Kreis schließt sich: Waren rein, Müll raus. Wieso liegt dieses zerstörerische Verhalten so hoch im Kurs? Sind wir Menschen wirklich so bequem? Ist es Dummheit, Ignoranz?

Nachhaltigkeit als Hipsterwert

Das Internet ist voll von Schlagworten wie Zero Waste, Plastic Free oder Minimalist Lifestyle. Neue Begriffe, die eigentlich schon lange existente Phänomene beschreiben, werden fein säuberlich mit Hashtags etikettiert und finden Platz in verstaubten Schubladen.

Früher als Öko oder Hippie verschrien, heute gefühlt das Trendthema in der Welt der Blogger. Nachhaltigkeit als Hipsterwert. Kaum ein Tag vergeht, an dem kein Beitrag darüber in die Timeline gespült wird. Unverpackt statt Plastikstrand.

Sollte es nicht eigentlich selbstverständlich sein, über seinen Müll nachzudenken? Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir uns an die Verpackungen gewöhnt haben. Ein Wegwerfbecher hier, eine Plastiktüte zum Shoppen da. Die Bequemlichkeit kennt keine Grenzen. Erst langsam scheint ein Weckruf durch die Reihen zu gehen: “Was, Becher kann man mehrmals benutzen?!”

Früher konnte ich keinen Drogeriemarkt ohne neue Duschgele mit süßem Verpackungsdesign oder einer Gesichtsmaske in 25-Milliliter-Tütchen verlassen. Soll ja gut für die Haut sein. Und wenn nicht, ist wenigstens die Gestaltung erfreulich und dient als improvisiertes Geschenk für den nächsten vergessenen Geburtstag.

Zeit fürs Umdenken

Ich möchte weniger Plastik benutzen, weniger neue Kleidung kaufen, weniger Auto fahren. Ich möchte mehr in die Natur gehen, mich mehr für Menschen und Tiere einsetzen, mehr auf mein Gefühl hören. Doch wem ist geholfen, wenn ich das alleine tue? Ich möchte niemanden bekehren. Zumindest nicht aktiv.

Heute kaufe ich so gut wie nie neue Kosmetik. Allenfalls Handcreme oder Deo, wobei es selbst hier mittlerweile Alternativen gibt. Wenn man nicht so faul wäre. Sich unterwegs im schweißtreibenden Notfallszenario eine Deocreme selbst herzustellen (Stichwort #DIY), stelle ich mir allerdings nicht gerade einfach vor.

Wer wirklich nachhaltig leben will, muss also erst einmal Zeit einplanen. Allem voran wohl fürs Umdenken. Man muss sich neu organisieren: Wo gibt es Gurken, die nicht eingeschweißt sind? Was koche ich, damit am Ende nichts übrigbleibt und trotzdem alle satt werden? Wie kann ich alte Vorgänge durch nachhaltigere ersetzen? Oft ist es leichter als gedacht, es gilt nur, anzufangen. Das Argument “Wenn einer was ändert, ändert das gar nichts” zählt schon lange nicht mehr als versteckte Ausrede für die eigene Bequemlichkeit.

Mehr als ein Haufen Müll

Was ist mein Anreiz? Die Spätfolgen meines Konsums werden wahrscheinlich weder mich noch meine Kinder betreffen. Eigene Anteilnahme ist es also nicht. Doch ich mache es auch nicht für das reine Gewissen. Ich breche auch nicht direkt in Heulkrämpfe aus, wenn ich dann doch mal einen Plastikstrohhalm benutzt habe. Das ist nicht gleich eine Sünde, ich bin ja auch keine Heilige, wenn es mir dann doch gelingt, einen Tag plastikfrei zu leben. Auch ein direktes gutes Gefühl bleibt aus.

Ich sehe vielmehr das Zusammenspiel aller Bewohner dieses Planeten. Das Langzeitziel muss sein, die Erde so zu erhalten, wie wir sie vorgefunden haben. Also genau so, wie es auf öffentlichen Toiletten immer gewünscht ist. Wobei diese meist eher mit schlechtem Vorbild vorangehen. Aber das ist ein anderes Thema.

Wir machen uns diesen Planeten zu eigen. Wohin man sieht: Häuser, Straßen, Siedlungen, Autos. Vom Ursprung nicht viel zu sehen. Wir wollen überall sein, doch verstehen das große Ganze nicht. Ist ja schön, alle Kontinente der Erde besucht zu haben. Doch ändert das wirklich die Weltsicht? Die Welt entwickelt sich rasend schnell. Nur unsere Köpfe nicht, die hinken hinterher. Wenn ich gehe, soll von mir mehr übrig sein als ein Haufen voll Müll.

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