Von Tina Teucher

Einer, der die Stimmen des Waldes hörbar macht, ist Stefan Rösler. Der promovierte Biologe führt Manager und zukünftige Führungskräfte in den Forst, um ihnen zu zeigen, was sie im Alltag „vor lauter Bäumen“ nicht mehr sehen: Dass sich alles in Kreisläufen bewegt. Wie Konkurrenz und Kooperation in Flora und Fauna ineinandergreifen. Und warum Ökologie in Wahrheit evolutionär bewährte Langzeitökonomie bedeutet.

Innovation und Krisen im natürlichen Kreislauf

„Nach knapp 400 Millionen Jahren evolutionärer Erfahrung ist der Wald eine Fundgrube für innovative Strategien und Lösungsansätze“, ist Stefan Rösler überzeugt. Die Parallelen zu Zielentwicklung, Teambildung und Personalführung seien unverkennbar. Wirtschaft und Wald sind komplexe Systeme, in denen Individuen und Einheiten sich gegenseitig stark beeinflussen. Wälder wirtschaften, indem sie produzieren oder Dienstleistungen erbringen. Die Wirtschaft dagegen kennt Entstehungs- und Absterbeprozesse als Innovation und Krisen. Wettbewerber und Zulieferer stehen für die natürliche Balance von Konkurrenz und Kooperation. Die Schwarmintelligenz fleißiger Ameisen spiegelt sich immer öfter in menschengemachten „Open Source“ Werken wie Wikipedia. Und die Strukturanpassung, die eine Schlange durch ihre Häutung vollzieht, erlebt manches traditionsreiche Unternehmen durch einen Marken-Relaunch. „Natur ist das erfolgreichste Unternehmen der Welt“, gibt Stefan Rösler beim Eintritt in den Wald zu bedenken. Seit über 3,5 Milliarden Jahren sei sie „am Markt“ – mit Tradition und Innovation sowie ausgebildeten Spezialisten und Generalisten.

Unternehmen als Ressourcenbäume

Die Tour beginnt mit einem zehnminütigen Fußmarsch auf dem sanft federnden Waldweg, bei dem jeder Teilnehmer des Wald-Seminars von Stefan Rösler nur die Wahrnehmungen der Umgebung auf sich wirken lassen soll. Plötzlich fällt ein blendender Sonnenstrahl auf den Boden: Eine Lichtung! Erhellend wirkt dort vor allem der Vergleich, den der Waldcoach zieht. „Sehen Sie diesen großen Baum?“, fragt er. „Was hat er mit Ihrem Unternehmen gemeinsam?“ Nach und nach puzzeln die Teilnehmer die Analogie zusammen: Die Prozesse einer Firma gleichen einem Ressourcenbaum. Ihn genauer zu untersuchen kann Aufschluss darüber geben, wie das System funktioniert, wie es mit seiner Umwelt interagiert und wo es vielleicht auch krankt: Die Wurzeln bilden die Basis. Auf welchem Grund stehen wir? Worauf wollen wir aufbauen? Der Stamm ist ein Bild für den Austausch: Wo fließen Energien und Stoffe? Wie verlaufen unsere Ströme?

Dass die Äste die Funktionsweise der Branche symbolisieren, liegt nahe: Wohin können wir wachsen? Wo lockt das schönste Licht, der beste Platz? Früchte sind die Produkte eines Baums. Sie sichern den Fortbestand – wenn sie denn Abnehmer und Verbreiter finden, weil sie attraktiv genug sind. Die Blätter der Pflanze schließlich bilden das Kraftwerk für alle Prozesse. In den meisten Unternehmen werden die Mitarbeiter umso effektiver arbeiten, je besser man sie mit Nährstoffen von der Basis versorgt und je mehr Licht, also Klarheit, Transparenz und damit Sinnstiftung man in ihr Wirken bringt.

Wachstum: Zur Erreichung der idealen Größe

Auch zur Volkswirtschaft liefert der Wald erstaunliche Analogien. „Bäume wachsen gen Himmel – nicht in den Himmel“, sagt Stefan Rösler. Damit wäre Wachstum nur ein Mittel zur Erreichung der für das Individuum besten Größe – nicht der Zweck. Unternehmen, die Gewinnoptimierung statt Gewinnmaximierung anstreben, beziehen das Wissen um die begrenzten vorhandenen Ressourcen mit ein, statt von einem Planeten mit unendlich viel Rohstoffen auszugehen. „Nachhaltigkeit heißt, von den Erträgen zu leben, nicht vom Kapitalstock“, weiß der studierte Forstwirt. Aus seinem Fachbereich heraus erlebte der Begriff der Nachhaltigkeit eine beispiellose Karriere: 1713 empfahl der sächsische Forsthauptmann Hans Carl von Carlowitz angesichts der drohenden Holzkrise, mit den Wäldern „nachhaltend“ umzugehen – also nicht mehr zu ernten, als im gleichen Zeitraum nachwachsen kann. Doch durch die momentane Wirtschaftsweise geht weiter wertvolles Naturkapital verloren.

Etwa 130 Arten sterben täglich aus. Diese Entwicklung schwächt auch den „Lehrer“, der den bunten Reichtum braucht. Denn ein naturnaher, biologisch vielfältiger Wald kann sich gut an wechselnde Rahmenbedingungen anpassen und sich nach Katastrophen neu entwickeln. Er nutzt die Vielfalt als „Risikovorsorge“ und baut sie in sein „Management“ ein. Das System ist gesünder und damit stabiler, je mehr Verschiedenheit es in seinen Grenzen zulässt. Diese Erkenntnis findet mit Diversity Management auch in der Wirtschaft immer mehr Unterstützer: Gemischte Teams gelten als ideenreicher und effizienter.

Gratis-Trainer für Geist und Körper

Der Wald trainiert jedoch nicht nur die Wirtschaftskompetenz seiner Besucher, sondern auch ihre Muskeln – von der Atmung über die Beine bis zur Hirnleistung. So könnten Krankenkassen genauso gut regelmäßige Waldspaziergänge als Gesundheitsleistung subventionieren. Denn ganz nebenbei hilft der Lebensraum mit seinen vielfältigen Farben, Düften, Formen und Strukturen, die Alltagsprobleme einmal auszublenden. Wer hier tief ein und aus atmet, kann schnell den Effekt eines ganzen Wochenendes im Stressbewältigungsseminar erreichen – und die Kraft des inspirierenden Orts nutzen, um neue Energie zu tanken.

 

Informationen zu Wald-Seminaren mit Stefan Rösler:

http://oecoach.com/dienstleistungen/wald-workshop

http://www.evoco.de/3315/ich-glaub-ich-steh-im-wald/

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