Zartmorgen
Ein Zartmorgen beginnt früh, mit kalter Luft, die das Gesicht einfängt, das noch Reste der Nacht aufträgt. Niemand ist da, wir sind die Ersten. Die Zeitung kann gleich noch kommen, der erste Blick auf das Handy, Nachrichten. Noch ist das aber fern. Denn die Luft erreicht die Wangen, die Hände. Vögel sind da und grüßen, es beginnt noch keine Analyse. Die ganze Eigenzeit entfaltet sich für Sekunden, der wir alle bedürfen; Tagesschichten werden sich darüberlegen, schnell. Doch noch ist der Morgen zart. Gedanken kommen auf, mutige Ideensplitter bahnen sich den Weg, denn wir schenken ihnen Erlaubnis.
Noch nichts versperrt ihnen den Weg. Es kann sein, dass wir in Euphorie geraten, erobern wollen, hinausziehen, sofort etwas anpacken – doch dann verschwindet der Zartmorgen schon fast wieder. Er lässt vor allem innehalten, führt uns langsam heran, mit der Wärme der Tasse, die wir halten und leicht hin und her wiegen. Stille umgibt die Szenerie, soweit sie ist dort, an unserem Ort. Doch das Zarte lebt in allen Orten, auch auf dem Balkon über der Straße; gerade, wenn die Pflanzen uns begleiten – ein Lindenblatt in der Nähe keimt, eine Tomate aus dem Kübel sich in den neuen Tag aufmacht. Auch sie teilen das Zarte und richten sich gerade danach aus, damit. Bereiten sich vor auf das heller werdende Licht, die Laute.
Doch noch ist es nicht so weit. Atmen ist jetzt Teilen; Ruhe kann verzaubern, wenn sie sich entblättern darf aus den Knospen, die ein guter Schlaf geformt hat. Er ist ein tragender Pfeiler für diese zarten Momente an einem guten Morgen. Wenn der erste Ruf erfolgt, eine Aufgabe zu erfüllen, dann geht dieser Morgen. Aber wenn er zumindest einige Minuten hatte für sich, dieser Fetzen edler Zeit, dann kann der Tag sich anders anfühlen. Bleibt eine Öffnung für die Stille, selbst dann, wenn es laut und dicht wird.
Manchmal wird diese Morgen noch eindringlicher, wenn der erste Schnee kommt und ich auf meiner Bank sitze. Dann öffnet sich im weißen Raum die Welt noch mehr, hebt ihre Schleier und lässt mich hindurchblicken – auf die Zwischenräume, die sonst im kargen Tagesrennen oft unentdeckt bleiben. In diesen Räumen wohnen Freunde und Zeit, wohnt Vertrauen und die Zuversicht, wir öffnen sie durch Sprache und Momente sowie die Orte für Beides – ein Tisch an einem Abend, ein Gang im Wald im Dunkeln. Stunden des Austausches. Hier wohnt die langsamere Welt – die größere, ganz nah bei der kleineren, aus der wir nicht können, weil wir im Rad der Taten fortan müssen – arbeiten, verdienen, ernähren.
Aber diese überzeitliche Ebene schenkt sich uns, wenn wir in der Zeit und den Orten dafür sie rufen, gemeinsam. Oft ist es, wenn der erste Schnee kommt, denn es war es Jahrtausende lang der Aufruf an alle, die im Freien leben, sich zu verändern. Und das ist noch in uns, wir haben viel länger nahe an den Jahreszeiten und dem ersten Schnee gelebt als fern davon.

