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Bäume überdeckt mit Moos, Seen überdeckt mit Eis

MorrellNatureSanctuary

von Laura Novo Fernandez

Ein sanfter Morgennebel verwölkt die Baumkronen, sodass die Spitzen kaum vom Boden aus zu sehen sind. Doch sowie die Zeit langsam vergeht, zieht sich auch der Dunst allmählich zurück und entblößt die höchsten Äste der umliegenden Bäume. Besonders die Küsten-Douglasien ragen so hoch, dass man den Himmel vor lauter Zweigen nicht mehr richtig sehen kann. Auf den Ästen befinden sich saftgrüne Fäden, die die Oberfläche der Äste wie kurze Schleier bedecken. Auch die Baumstämme sind in Grün gehüllt: Moos wächst an den Nordseiten der Bäume.

An anderer Stelle plätschert ein Bach friedvoll vor sich hin. Er fließt eine niedrige Naturtreppe hinunter. Braune Blätter lassen sich mit dem Strom treiben. Farnkraut umrahmt das kleine Gewässer. In der Ferne quakt ein Frosch. Vielleicht ein Rotbeiniger Frosch oder ein Pazifischer Chorfrosch, die im Morrell Nature Sanctuary existieren, einem Naturschutzgebiet im Westen Kanadas.

Folgt man dem Rocky Knoll-Pfad (engl. „Rocky Knoll Trail“), gelangt man an mit Moos bedeckten Bergen vorbei, schließlich zum Bieberteich (engl. „Beaver Pond“). Eine Eisschicht zieht sich über das Wasser, aus dem nur einige wenige Pflanzen hindurchbrechen. Etwas Schilf und eine kleine Erhöhung in der Mitte des Teichs lugen über der Wasseroberfläche hervor. Näher am Ufer ist der Teich schon vollständig aufgetaut. Hier ist das Wasser so klar, dass man bis zum Boden hinunterblicken kann. Wenngleich das Wasser an dieser Stelle vielleicht nur knöchelhoch steht. Einige Äste liegen am Grund und auch dicke Baumstämme ruhen mit ihrem halben Körper im Teich. Rundherum wachsen Unterwasserpflanzen aus dem Boden und füllen die Lücken zwischen Zweigen und Stämmen.

Auf den verschiedenen Wanderpfaden findet man noch Überreste von den zum Großteil schon weggetauten Schneemassen, die vor Kurzem noch das Landschaftsbild prägten. Die weißen, mit Erde besprenkelten Flecken knirschen unter den Stiefeln, sobald man durch sie hindurch läuft. An anderer Stelle ist kein bisschen Schnee mehr in Sicht. Stattdessen ragen hier Wurzeln aus dem Boden hervor, die sich wie rotbraune Würmer durch den Boden graben.

Der Weg ist zum Teil mit hölzernen Planken ausgelegt. Ein dumpfes Klacken ertönt mit jedem Schritt. Rechts und links der Holzbretter wachsen hingegen kniehohe Sträucher aus der Erde. Immer mal wieder hüpft ein kleiner Vogel herbei und flüchtet sich in das sichere Gestrüpp. Nur für einen Augenblick ist das winzige Tier zu sehen. 

Überall im Wald liegen umgefallene Bäume, abgebrochene Baumstämme und Totholz herum. Zum Teil versperren sie auch den Wanderweg, sodass man um die Hindernisse herum gehen muss. Die scheinbar leblosen Baumteile bieten jedoch neuen Lebensraum für verschiedene Pflanzen- und Tierarten. Einige Baumstämme werden geradeso von Moos verschlungen, während sich an einem anderen nun Pilze ansiedeln und anderswo Flechten an abgebrochenen Ästen entlang zieren.

Die Sonne steht nun tief am Himmel. Ihre Strahlen blinzeln zwischen den verschiedenen Baumstämmen hervor und tauchen das Land in goldene Töne. Licht flackert hell auf und verschwindet langsam wieder – wie ein Tanz, den das Licht für die Waldbewohner:innen aufführt.

Bewegt man sich in tiefer gelegene Ebenen des Morrell Nature Sanctuary, begegnet man wieder zarten Nebelwolken. Diesmal halten sie sich jedoch eher am Boden. Als hätte jemand mitten im Wald eine Nebelmaschine angeschaltet. Bloß, dass hier weder Partygeräusche noch Alkoholgeruch zu vernehmen sind. Es ist ruhig. Lediglich die Tierwelt macht sich kurzweilig bemerkbar. Dann quakt wieder ein Frosch oder ein Vogel singt fröhlich vor sich hin.

Der Weg öffnet sich und man gelangt zum Morrell-See (engl. „Morrell Lake“). Am Fuß des Sees watscheln Enten hin und her. Einige stürzen sich wieder ins Wasser, während andere sich aus dem kühlen Nass herausschwingen. Schnattern liegt in der Luft. Seetanggrüne Köpfe schauen sich aufmerksam um. Die Gruppe ist auf Nahrungssuche. Denn eine nach der anderen pickt mit ihrem gelben Schnabel in den Boden. Auf den äußeren Rändern des Sees schwimmen ebenfalls Enten, wobei es eher den Eindruck macht, dass sie durch den Himmel gleiten würden. Denn die Wasseroberfläche ist so still, dass sich das Blau des Himmels und die Wolken im See reflektieren. So wirkt es, als würden die Enten durch einen Spiegel paddeln. 

Die Mitte des Morrell-Sees ist noch zugefroren. Das Wasser scheint mit Milchglas bedeckt. Ob die Eisschicht dick oder dünn ist, lässt sich schlecht erkennen. Doch hindurchsehen kann man nicht. Auch hier schwebt wieder ein nahezu undurchsichtiger Nebel über dem Seegebiet.

Verwendete Literatur
Morrell Sanctuary Society for Environmental Education. (2018). The Morrell Nature Sanctuary Guidebookhttps://www.morrellnaturesanctuary.ca/uploads/7/2/0/7/72075433/mns_guidebook.pdf

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