von Laura Novo Fernandez

Der matschbraune Waldboden ist feucht und weich. Jeder Schritt gibt ein leises Quetschgeräusch von sich, als würde man einen nassen Teig kneten. Am Wegrand liegen Blätter, die so aussehen, als würden sie langsam von der oberen Schicht des Erdbodens verschlungen werden. Rechts ragt ein kleiner Holzpflock aus dem Boden, nicht einmal kniehoch. Rund herum ziert ihn ein Band aus blauer Farbe. Ein Wegweiser.

Der Elmpter Schwalmbruch ist Teil des Naturparks Schwalm-Nette, welcher sich vom Niederrhein bis an die niederländische Grenze erstreckt. Auf einer Fläche von insgesamt 435 Quadratkilometern findet man Wald-, Weide- und Ackerflächen sowie offene Wiesen und verschiedene Feuchtgebiete mit Bächen, Flüssen, Mooren und Seen. In dem Gebiet des Elmpter Schwalmbruch fließt die Schwalm. Die Schwalm ist ein knapp 45 Kilometer langer Fluss, der im Südosten bei Wegberg entspringt und bis in die Maas-Mündung reicht. Hier im Schwalmbruch befindet man sich etwa bei Kilometer 30. Dieser Fluss gemeinsam mit einigen unterirdischen Grundwasserquellen ist es, der das Gebiet mit Wasser versorgt und seine Einzigartigkeit ausmacht.

Der Naturpark Schwalm-Nette, wie auch das Gebiet des Elmpter Schwalmbruch sind ebenso ein Rückzugsort für die Tier- und Pflanzenwelt als auch ein Erholungs- und Erlebnisort für Anwohner:innen und Tourist:innen. Aus diesem Grund gibt es viele verschiedene ausgewiesene Wanderwege. Einer davon ist der 6,6 Kilometer lange Spazierwanderweg „Tackenbendener-Runde“ im Elmpter Schwalmbruch, der mit himmelblauen Pflöcken und Schildern das 296 Hektar große Gebiet umreist.

Das saftgrüne Feld erstreckt sich weit in die Ferne. Am Horizont bewegen sich kleine graue Flecken. Lautes Geschnatter ist zu hören. „Diese Grasflächen werden im Winter von den Wildgänsen hier besiedelt und bleiben dann bis ins Frühjahr, bis sie wieder in ihre Brutgebiete in nördliche Regionen bis nach Skandinavien raufziehen“, erklärt Jürgen Richterich, ein Sprecher des Naturschutzbundes (NABU). Es ist kalt. Kleine fast transparente Wölkchen verlassen seine Lippen, als er spricht. Er hält für einen Moment inne und richtet seinen Blick in die Ferne. Die kaum erkennbaren, grauen Flecken, seien Graugänse, so erklärt er. Doch auch Nonnengänse, Kanadagänse und Nilgänse soll man im Gebiet des Elmpter Schwalmbruch finden. Mit kleinen Bewegungen hüpfen die Tiere am Horizont umher. 500 oder 600 Graugänse kann ein solcher Schwarm umfassen, so Richterich, „das ist ein riesiges Spektakel, wenn sie sich auf einen Schlag erheben.“

Jürgen Richterich ist Sprecher des Naturschutzbundes für die Region Niederkrüchten und Schwalmtal. Ein groß gewachsener Mann, kurz geschorene Haare und eingepackt in eine warme Jacke mit grün-braunem Tarnmuster. In seiner Hand hält er eine Leine. Seine Hündin Lina begleitet ihn. Der Vierbeiner wackelt mit dem Schwanz, schnaubt vor sich hin und folgt den Schritten des Mannes, der durch den aufgeweichten Boden stapft. Gemeinsam folgen sie den himmelblauen Pflöcken – die Tackenbendener-Runde.

Schilf am Rande eines kleinen Sees im Elmpter Schwalmbruch

Die vielfältige Pflanzen- und Tierwelt des Elmpter Schwalmbruch

Das Schutzgebiet umfasst verschiedene Naturwelten. Von matschigen Mooren über plätschernde Flüsse bis hin zu seltenen Wacholderheiden. Charakteristisch für den Elmpter Schwalmbruch ist jedoch der Moor-Gagel. Die ein bis zwei Meter hohe Pflanze ist überall im Gebiet zu finden. Die Bakterien an den Wurzeln des Moor-Gagel binden Stickstoff aus der Luft. Doch auch Schilf und Pfeifengras zeichnenviele der unterschiedlichen Landschaften aus.

Richterich folgt mit strammen Schritten der Route des hellblauen Wanderweges. Es sind Birken, Kiefern, Eichen, Fichten und Rotbuchen, die den Wegrand schmücken , die hoch in den Himmel ragen und das Waldleben hinter ihnen vor den Spaziergänger:innen verbergen. Doch dann öffnet sich das Landschaftsbild. Die weite Fläche beherbergt verschiedene niedere Pflanzen, wie Hartgräser und Heidekräuter. Es ist das Gagelmoor, das das Zentrum des Schwalmbruchs ausmacht. Verschiedene Grün-, Gelb- und Kupfertöne vermischen sich hier. Durch den Wind bewegt sich das trockene Schilf – Ein Anblick, wie ein Meer bei seichtem Wellengang. Im Frühjahr und Sommer kommen die Moor-Ährenlilie und der Mittlere Sonnentau hinzu, eine Spezialität der Region.

Der NABU-Sprecher blickt ebenso erstaunt auf das Spektakel vor ihm: „Jede Region hier, ob es die trockeneren Weideflächen sind oder die Feuchtgebiete weiter nördlich, hat ihre eigene Vegetation ihre eigene Insekten- und Tierwelt.“ Dazu zählen verschiedene Libellen- und Vogelarten, aber auch seltene Amphibien wie der blaue Moorfrosch.

Wacholderheide: Eine seltene Augenweide

Die Luft ist kühl. Sie zieht sanft an Jürgen Richterichs Gesicht vorbei. Seine Augen funkeln im Anblick der Landschaft. Während die Zeit langsam vergeht, färben sich seine Wangen und Nasenspitze zartrötlich. Der Schwalmbruch liegt friedlich dort. Die Gräser am Boden wippen weiter im Takt des Windes hin und her. Es ist fast still, nur das leise Rascheln der Blätter im Wind ist zu hören und sein warmer Atem, der Wolken in die Luft malt. In der Ferne, neben den größeren Birken erkennt man seitlich der offenen Landschaft nun auch etwas höhere Büsche. Die Wacholderheide.

„Das ist eines der wenigen Gebiete in Deutschland, wo Wacholdersträucher natürlich wachsen“, erklärt Richterich. Der Grund dafür sei, dass die Pflanzenart im Gebiet die richtige Mischung von Trockenheit und Feuchtigkeit auf dem sandigen Boden der Schwalmaue findet. Auch müsse man darauf achten, dass die Wacholdersträucher genügend Licht bekommen. Würden hohe Bäume in der direkten Umgebung wachsen und somit viel Schatten werfen, würde man die Wacholdersträucher verdrängen. Aus diesem Grund beweide man die Flächen, dessen Pflanzen man eher auf einer knöchelhoch halten möchte. Dazu werden Schafe, Rinder und Koniks eingesetzt, die aufkeimende Bäume abfressen und so die offene Landschaft erhalten.

Tourismus im Elmpter Schwalmbruch: Gefahren und Möglichkeiten

Die Sonne bricht durch die seitlichen Baumkronen hervor und erleuchtet das Gebiet in einem sanften Gelbton. Einzelne Strahlen treffen auf die Pfützen, die im Galgenmoor entstehen und lassen sie wie Glasscheiben erscheinen. Sie glitzern silbern in der Ferne. Auch andere Menschen bestaunen das Schauspiel. Zwei Personen, eingepackt in dicke dunkle Mäntel, sitzen auf einer Holzbank mit Blick auf die offene Landschaft. Die Besucher:innen scheinen die Aussicht zu genießen, denn sie wirken entspannt, gelassen.

Das Naturschutzgebiet Elmpter Schwalmbruch ist Teil des Naturpark Schwalm Nette und wird auch als Freizeitregion und Naturerlebnis beworben. Der NABU-Sprecher Jürgen Richterich beginnt mit einem leicht besorgten Ton in der Stimme zu sprechen: „Gerade in den letzten zwei Jahren, während der Coronakrise, hat man die Leute ja im Grunde genommen in die Natur getrieben, weil sie raus aus ihrem städtischen Umfeld und sich frei in der Natur bewegen wollten.“ So könne man in dieser Zeit einen enormen Andrang feststellen. „Und das hat natürlich irgendwo auch Effekte. Das bringt Müll“, stellt Richterich mit ernster Miene fest, „man könnte die Tüte Kekse mit nach Hause nehmen und da entsorgen. Nein, die wird teilweise in die Landschaft geschmissen.“ Grundsätzlich füge man der Natur keinen Schaden zu, wenn man das Gebiet besucht oder bewandert. Doch man sollte stets darauf achten, nichts im Gebiet zurückzulassen und auf den gekennzeichneten Wegen bleiben, um die Natur und dessen Bewohner:innen zu schützen. 

Ein Klingeln, ein Windzug zischt augenblicklich neben unserem Ohr, Laub wird unter sich drehenden Gummirädern zerdrückt. Ein:e Fahrradfahrer:in radelt an uns vorbei. Wie aus dem nichts überholt sie:er Richterich, seinen Hund und zwei ältere Damen, die schnellen Schrittes vor ihm herwandern. Auch sie scheinen den kleinen morschen Holzpflöcken zu folgen. Doch dann bleiben sie stehen. Vor ihnen steht ein graubrauner Holzpfeiler, an dem ein dünner, durchsichtiger Kasten befestigt ist. In ihm eine Informationstafel.

Man gebe solche Informationsangebote in dem Gebiet auch wissentlich für den Tourismus, so Richterich. Durch das Begehen des Gebietes würde ein Bewusstsein für die Natur geschaffen: „Nur, wenn ich etwas kenne, egal ob es ein Tier oder eine Pflanze ist, dann bin ich auch bereit, es zu schützen“, erklärt der Sprecher des Naturschutzbundes Niederkrüchten und Schwalmtal. Sobald also ein Interesse bei den Menschen geweckt sei, verhalten sie sich auch anders: Man laufe nicht lärmend durch die Gegend und hinterlasse auch keinen Müll.

Ein Moor im Elmpter Schwalmbruch

Die Schwalm: Ein Fluss mit Narben

Langsam wandelt sich das Landschaftsbild. Von den eher trockenen und mit vielen Pflanzen besetzten Bereichen kommt man nun zu kleinen Wasserlöchern. Die Wasseroberfläche liegt still vor uns. Schilf umrahmt den Tümpel. Die Wasseroberfläche ist glatt, starr und wirkt fast zerbrechlich. Wie ein Spiegel. Denn das Wasser reflektiert die Wolken so, wie sie über den Himmel ziehen. Es erscheint nahezu silbern, wenn man die Perspektive wechselt und die Wasseroberfläche von der Seite betrachtet. Sonnenstrahlen schillern über den Teich. Es ist leise. Weder das Summen von Libellenflügeln noch Froschquaken ist zu hören. Die Gegend scheint wie im Winterschlaf versunken. 

Friedlich plätschert der Fluss vor sich hin. Folgt man der Schwalm flussabwärts, kommt man an Betonrohren vorbei. Diese sind vor Jahrzehnten zur Entwässerung des Gebietes verlegt worden. „Was man dabei aber nicht berücksichtigt hat, ist, dass die Tierwelt, ob es jetzt Fische sind, der Biber ist oder der Fischotter, diese verrohrten Gebiete meiden. Die hat man dadurch ferngehalten, vertrieben“, merkt Richterich an. Die Tiere kannten die Fremdkörper nicht und vermieden Gegenden, in denen sich solche Rohre befanden. Heute entferne man die Rohre wieder aus der Natur und baue stattdessen großräumige Brücken und Holzwege darüber, sodass die wandernden Tierarten unter der Brücke hindurchlaufen können.

Elmpter Schwalmbruch: Natur im Orchester

Die Natur erscheint wie ein großes Geflecht an einzelnen Elementen, die alle miteinander verbunden sind. Die Gräser, die im Takt des Windes wippen und sich von den Nährstoffen im feuchten Grund des Moors bedienen. Biber, die die Bäume als Nestbaustoff verwenden und die frische Rinde als Lieblingsnahrung zu sich nehmen. Die Schafe, die sich vom niedrigen Gras ernähren und somit die Lichtzufuhr für die Wacholder sicherstellen. Ein ermutigender Gedanke, wie kleinteilig, effizient und kooperativ die Natur und ihre Bewohner:innen zusammenarbeiten, wie ein lebendiger Mechanismus, in dem jede Spezies ein Zahnrad im großen Ganzen ist.

„Und so sieht man eigentlich vom größten Tier bis zum Kleinsten: Das hängt alles ineinander. Und wenn ich so ein Gefüge habe, was so komplex ist wie hier, da brauche ich bloß eine Bedingung negativ beeinflussen. Das zieht einen Rattenschwanz nach sich. Was ich damit an anderen Lebensformen vernichte“, sagt Jürgen Richterich noch, bevor er und seine Weggefährtin Lina das Ende des Wanderweges erreichen und sie die himmelblauen Pflöcke hinter sich lassen.

Quellenverzeichnis

Nienhaus, B. & Reyrink, L. (2017).  Das Elmpter Schwalmbruch. In R. Akkermans. Natur füreinander – im Naturpark Maas-Schwalm-Nette (S. 136–147). Stichting Natuurpublicaties Limburg.

Wasser. Wander. Welt.. (o.D.). Premium-Spazierwanderweg Tackenbendener-Runde.  Abgerufen am 18.01.2022, von https://www.wa-wa-we.eu/de/touren/tackenbendener-runde/index.html

Naturpark Schwalm-Nette. (o.D.). Premium-Spazierwanderwege. Abgerufen am 18.01.2022, von https://www.npsn.de/index/lang/de/artikel/2244

NABU Krefeld/Viersen. (o.D.). Willkommen beim NABU Niederkrüchten. Abgerufen am 18.01.2022, von https://nabu-krefeld-viersen.de/nabu-gruppen/niederkruechten/

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