Eine neue Kolumne, warum?

Ich bin seit 20 Jahren Umweltjournalist, lehre ebenso lange die Berichterstattung über Natur, Umwelt und Klima und dachte daher, dass es langsam einmal Zeit wird. Zeit dafür, ganz realistisch auf die Erde und das Leben um mich zu schauen und es mit dem in Verbindung zu bringen, was ich über die Zeit gelernt und entwickelt habe – zu Umwelt- und Klimajournalismus, Recherchequellen, zum Vokabular der Transformation, zu Klima-Narrativen, Naturethik, Spiritualität. Darum geht es ungefähr nun in dieser Kolumne, die von meinen Erfahrungen als Redakteur (Deutsche Welle, GEO) Reporter (u.a. taz, FAZ, Süddeutsche Zeitung, dpa; Buch „Wasserpfade“), Dozent und Wildnispädagoge handelt, von der umweltjournalistischen Lehre und Forschung an der Hochschule – und vor allem vom Leben vor Ort als baum- und wasserbegeisterter Waldanrainer, der auch Hüter eines Flusses ist.

Natürliche Sprache, blühende Worte – eine Schreibwerkstatt im Tegeler Fließ

Ich lehre immer öfter draußen, in Natur-Schreibwerkstätten, habe das schon mit meinen Studierenden auf dem Darmstädter-Oberfeld gemacht, in Museen, im botanischen Garten von Graz oder auf dem Darmstädter Waldkunstpfad mit Schüler:innen. Hier mache ich viele Erfahrungen, wie Menschen die Natur in aller Stille warhnehmen, wie es sie weitet, inspiriert und ihre Sprache erfasst. Daher war ich froh, als mich der Berliner Senat in diesem Jahr mit einer Schreibwerkstatt am Tegeler Fließ beauftragte – einem wunderbaren wilden Auenfluss, der im Nordwesten der Hauptstadt fließt. Ich schrieb auch eine Reportage über das Fließ, der der Senat in seiner Medienarbeit verwenden will.

Wir trafen uns für die Werkstatt am 11.10. 2022 morgens in Alt-Lübars, einem Berliner Dorf hinter der Zeit, mit Kopfsteinpflaster, ruhiger Dorfstraße und den schönen Niedermoorwiesen, die sich am Fließ erstrecken. Hier begannen wir die Werkstatt, die ich mit neuen Aufgaben geplant hatte. Wir, das waren rund 20 Menschen aus Berlin – viele Studierende der Alice-Salomon-Hochschule mit Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit, ihre Dozentin Amanda Groschke, das Presseteam der Stiftung Naturschutz der Stadt Berlin sowie einige Autor:innen, Künstler:innen und Waldpädagog:innen.

Die Gruppe passte gut zusammen; eine ausgiebige Erwartungs- und Kennenlernrunde stand dann auch am Anfang unserer Schreibwanderungen – Laufen, Denken, Reden, Pausen machen und weiter schlendern, schweifen und umherziehen. Aus dieser Mischung an Bewegungsformen lässt sich immer wieder eine gute didaktische Abfolge machen, die die Sinne animiert und das Hineingleiten in einen stilleren Schreibtag möglich macht.

Grundlegend machte ich auf die Lage klar, die für uns alle die gleiche ist: Die Erde leidet, Arten sterben. Und wir spüren die Verluste immer mehr, gerade auch mit den Folgen des Klimawandels, die näherkommen. Eine Sprache, um diese Veränderungen zu beschreiben und zu spüren, haben wir aber noch nicht gefunden. Diese Werkstatt geht deshalb neue Wege. Sie sucht eine Sprache, die nicht technokratisch, ungenau, aufgebläht, sperrig und kalt ist – so, wie es Wissenschafts- und Behördendeutsch, Start-Up-Geschwurbel und Unternehmens-Sprech oft sind.

Eine schöne Sprache ist oft eine genaue Sprache

Wir suchten stattdessen in der inspirierenden Umgebung des Tegeler Fließ nach Worten, die blühen, leben, genau und treffend sind ebenso wie erhellend, erweckend und mitreißend. Ich machte deutlich, worum es mir ging: um Verbundenheit, gemeinsames Gehen und Lernen in einem lebendigen Wasserland und offene Debatten, in denen wir unsere unsere Erfahrungen, teilen, die Wahrnehmung schulen eine natürliche, verbindende und beziehungsreiche Sprache einüben.

Zu ihr gehören neue Landschaftsnarrative, stille Held:innen für den Aufbau einfühlsamer Geschichten und präzise Formulierungen, um die Stadtnatur angemessen zu beschreiben – dafür nötig sind aber auch kurze Referate, die den Kontext bieten. Denn ich bin Umweltjournalist. Daher gehen meine Werkstätten des freien und kreativen Schreibens immer einher mit Hintergründen zu den Orten, an denen wir sind; ich halte das für essentiell. Nur so gelingt auch im Schreibprozess die „Wiederverortung“, derer wir für neue Antworten auf Klimanot und Artentod – ich behandele beides gleichranging – bedürfen.

Also sprach ich zur Gruppe etwa über das Programm „Wachsende Stadt im Anthropozän und biologische Vielfalt“ der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, über die Landschaft am Tegeler Fließ, die Arten des Flusses und die Geologie seiner Umgebung. Zentral sind bei meinen Werkstätten dann aber verschiedene, wechselnde Übungen, bei denen wir etwa Synonyme für ökologische Schlüsselbegriffe suchen ebenso wie Verben, die die Landschaft in sich tragen oder Frames (Deutungsrahmen) der Alltagssprache, mit denen sie die Natur durch negative Interpretation ausgrenzt und abwertet wie etwa, dass „alles den Bach runtergeht.“ Als Wasser-Autor mache ich gerade auf diese Entfremdungs-Botschaften aufmerksam.

Beispiel aus einer Pflanzen-Verbensuche

Ein Duo fand etwa in 20 Minuten diese Worte mit Boden- und Pflanzenbezug: aufbäumen, entblättern, holzig, blumig, unverblümt, abblättern, versacken, versumpfen, sprießen, blühen, aufwachsen, entschlacken, entwurzeln, verästeln, umknicken, streuen, säen, einpflanzen, aufblühen, verwelken, verwurzeln, abgrasen, ernten, erden, durchackern, beackern, ranken. Verzweigen.

Diese Arbeiten machen immer lustvoll deutlich, wie vielfältig, „geerdet“ und naturnah unsere Sprache eigentlich ist, wenn wir einmal näher auf sie achten. Die Übungen fanden paarweise statt, alleine, im Gespräch und in der Stille. Sie waren wenige Minuten lang oder eine halbe Stunde. Überaus schön ist es immer, wenn alle ihre Wortfunde zusammentragen und daraus wieder eine neue Energie entsteht, sich die Sätze gegenseitig befruchten und die Aufmerksamkeit Schritt für Schritt feiner wird, zur Sprache hin wandert. Ich gebe immer wieder Kontext und spreche ca. zehn Minuten dann über Themen wie

  • Naturverlust und Natursehnsucht
  • den aktuellen Bedarf nach ganzheitlicher Kommunikation
  • Neue Geschwisterlichkeit: Einblicke in das Beziehungsverhältnis mit Gewässern
  • Alltagssprache: Mensch-Natur-Dualismen vs. Verbundenheitsvokabular
  • Beispiele aus indigenen Sprachwelten; Sprachwelten, Sprachsprünge
  • Allgemeine Grundlagen der Verständlichkeit und Stilistik

oder das Literaturgenre „nature writing“, das ich auch an der Hochschule lehre und mir selbst als Autor mit dem Buch „Wasserpfade“ erschlossen habe.

Mittag am wunderbaren Köppchensee

Wir wanderten zum Köppchensee hinauf, der wie eine urzeitliche Moorwildnis wirkt; hier gab es Mittagessen, das sich alle mitgebracht hatten. Wir beobachteten auch Vögel, zählten Arten, bestimmten Kräuter – das ist immer Teil der Werkstätten, weshalb Fernglas und Bestimmungsbücher mit im Gepäck sind. Die Gruppe wurde immer vertrauter, sodass wie gegen den Nachmittag dann am wunderbaren Eichwerder Steg ins Schreiben der längeren Texte eintauchen konnten. Alle schwärmten aus, ließen die Auenwildnis auf sich wirken und suchten sich Nischen, um die Texte zu beginnen.

Daraus sind tolle Beiträge entstanden, die dann zu Hause zu Ende geschrieben wurden. Nicht alle Teilnehmer:innen wollen bei den Werkstätten, die oft auch emotional werden, wenn es etwa um die Schönheit einer Blume oder das Sterben einer Aue geht, ihre Texte im Anschluss veröffentlichten. Es sind erstmal geschützte Räume – Wort- und Ideenschutzgebiete, die bei Zustimmung der Schreibenden aber sehr schöne Ergebnisse hervorbringen. Ich ende daher mit drei Texten des Journalisten Jonay Mayer, der einmal bei mir studiert hat, von Amanda Groschke, die die teilnehmenden Studierenden unterrichtet und von Christina Koorman von der Stiftung Naturschutz Berlin.

„Cladonia Fimbriata“ – Jonas Mayer, Klimajournalist

Ich bin bescheiden. Ich schmecke nach nichts, rieche nach nichts, bin mehlig-grün, dürr, nur Millimeter hoch mit einem kleinen Trichter an meiner Spitze. Ganz anders als das Moos um mich herum, so zottelig und unelegant, aber doch saftig grün und dicht wie ein ganzer Wald. Auch viel schmächtiger als die Schuppen darunter und darüber.

 Sie erinnern an verkrustetes Meeressalz auf einer sonnengewärmten Haut. Zu dritt wachsen wir im tiefen Delta einer uralten Baumrinde. Ich steche daraus hervor, wo es mir gefällt. Kraftvoll und federnd wie ein angerissener Fingernagel. 

Allein, so sehr nerve ich nicht. Ich tue niemandem weg, klaue niemandem Nährstoffe weg. Ich bin einfach da.

Aber nicht mehr lange. In einigen Tagen ist meine Zeit abgelaufen. Für dieses Jahr. Ich hoffe ihr erinnert euch an mich, an meinen Namen. 

Ich bin Cladonia Fimbriata. Ich bin die Trompetenflechte.

„Spiegelung“ – Christina Koormann, Stiftung Naturschutz Berlin

Ein Wald oben, ein Wald unten.
Vor Blau, im Blau. Klar und ganz verschwommen.
Ein Treffen. Himmel und Wasser.
Wolken und Fläche. Getrennt und eins.

Im Licht strahlen beide. Das Herbstgelb leuchtet.

Ein Wachsen in die Höhe und in die Tiefe. Wurzeln und Kronen, Kronen und Wurzeln.
Im leichten Rauschen bewegt sich ein behutsamer Wind über Äste und Gewässer.
Stille. Einatmen. Ausatmen.

 Gefärbte Blätter verpacken die Bäume in warme, weiche Watte. Das Wasser spielt mit den Wattebauschen und bewegt sich hin und her.  Müde, friedliche Sonne scheint auf die flüssigen und die trockenen Wipfel.

Im Tag, der sich langsam zurückzieht, sind sie golden.
Ein Wald oben, ein Wald unten.

„Sichtbar sei der Wind“ – Amanda Groschke, Dozentin an der Alice-Salomon-Hochschule 

Wie im Märchen steh ich da.
In mir bäumt sich ein Gedanke auf:
Ich kann nicht anders als zu sein.
 
Zu sein wie eine Spinnwebe:
Zart, geschmeidig, getragen von Leichtigkeit.
Fließt der Wind geschwind durch das Seidene.
 
Ein Teilchen fliegt, wird fortgetragen durch die Lüfte.
Faszinierend verrückt mein Blick, erfreulich berührt es mich.
Erinnert es mich doch an Synapsen, die sich verästeln.
Hier eine Verbindung, dort (k)eine Abzweigung.
 
Neulandgewinnung blitzt darin auf.
Ein Gedankengewebe.
Eingeladen zum Sonnenbaden zaubert das Natur-Gewerke sein Antlitz in schillernder Farbenbracht.
Der Wind atmet ein, während ich ausatme.

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