Prof. Dr. Lars Rademacher hält einen Vortrag

Foto: Steven Wolf

Von Thanh Nguyen Dao und María Sevilla

Welche Rolle spielt die Medienethik in der Digitalisierung?

Als angewandte Ethik hat Medienethik die Aufgabe, Orientierung zu bieten in einem speziellen Anwendungsbereich. Und wenn man das historisch aufrollt, dann geht es bei der Digitalisierung eher ein Normsystem, also Normen, mit denen wir arbeiten können. Eigentlich also nicht Ethik, denn Ethik die Reflexion von moralischem Verhalten ist. Was in diesen anwendungsbezogenen Kontext eigentlich gebraucht wird, ist eine Moral für Digitalisierung, die eben all das regelt, was nicht rechtlich oder gesetzlich fixiert ist.

Stößt die Medienethik da nicht schnell an ihre Grenzen?

Der rechtliche Rahmen ist immer deutlich kleiner als der ethische und hängt in der Regel viele Jahre hinterher, bis etwas zu einem Gesetz wird. Das trifft bei der Digitalisierung mit dem schnellen Innovationszyklen besonders stark zu. Es braucht also einen moralischen Kodex, auf den Akteure zurückgreifen können. Da ist ein Vorteil, dass solche Normen nicht erst durch einen Gesetzgebungsprozess ratifiziert werden müssen. Sie bestehen schon und werden natürlich diskutiert. Aber gerade im Bezug zu diese angewandten Handlungsfelder hat die Medienethik als Reflexion der Moral eine Steuerungskompetenz, die hilfreich bei der Digitalisierung sein kann.

Herrscht ein Mangel an Institutionen, die sich um Digital-Ethik kümmern?

Nein, im Bereich der Digitalisierung sind in den letzten Jahren drei oder vier Institutionen entstanden: ein Institut für Digitalethik an der Hochschule der Medien in Stuttgart, an der PH in Ludwigsburg oder an der Hochschule für Philosophie in München. Da sind also mehrere Foren gerade erst aufgebaut worden, von denen gute Ergebnisse zu erwarten sind. Und am ikum in Darmstadt haben wir ebenfalls jüngst eine Abteilung für Medien- und Informationsethik gegründet.

Wie gut sind die Nutzer über die Gefahren der Digitaliserung informiert?

Da gibt es einen ganz eindeutigen Mangel. Genau bei solchen Feldern wie Privatheit oder Umgang mit Daten. Wir erleben zwar im politischen Prozess Neues wie die E-Privacy Richtlinie. Doch es fehlt nach wie vor an Sensibilität für Privatheit als besonders schützenswertes Gut, über das die Menschen selbst entscheiden sollten. Und ich würde sagen, ja, ich will vielleicht bei Facebook mit Leuten in Kontakt bleiben, aber nein, ich will nicht, dass ein Unternehmen meine Daten über all diese Kontakte sammelt. Und dieser Entscheidung muss tatsächlich bei mir bleiben. Und eine Sensibilität für diese Unterscheidung gibt es nach wie vor nicht.

Neben Chancen birgt die Digitalisierung aber auch Risiken. Welche sehen Sie?

Das Sammeln von Daten ist das eine, das hat teilweise auch mit Sicherheit zu tun. Beispielsweise im Bereich von Online-Banking oder beim Datendiebstahl. Hier ist das meiste gesetzlich geregelt. Problematisch ist aber auch, was eben nicht rechtlich geregelt ist: etwa alles, was mit Fake-Identitäten zu tun hat. Weiß ich, wer mein Gegenüber ist? Versteckt er sich hinter einer Fake Identity? Auch in der PR, auf die Transparenz bezogen: Wer sind die Akteure? Weiß ich, von wem die Nachricht kommt?

Mit welchen ethischen Herausforderungen kämpft die PR-Kommunikation sonst noch im digitalen Zeitalter?

Also grundsätzlich hat die PR-Kommunikation immer ein strukturelles, grundlegendes Dilemma: Manche Vertreter behaupten, PR sei dem Gemeinwohl verpflichtet. Demgegenüber würde ich strikt davon ausgehen, dass PR Auftragskommunikation ist, also Interessen Dritter vertritt. Ich habe immer einen Auftragsgeber, es gibt in der Regel immer einen über mir oder hinter mir, dessen Auftrag ich erfülle. Das nimmt mich nicht aus der Verantwortung. Und dahinter steckt ein grundsätzliches Dilemma in der PR-Tätigkeit. Du weißt nie, wann begibst Du Dich soweit in die graue Zone hinein, dass es wirklich zum Problem wird.

Aber wie sieht es denn in Zusammenhang mit der Digitalisierung aus?

Die Digitalisierung bietet die Möglichkeit, in einer Diskussion den Eindruck zu erwecken, dass viel mehr Leute auch auf meiner Seite sind als es tatsächlich der Fall ist. Bots oder Fakeprofile können diesen Eindruck hervorrufen. Und das ist natürlich eine sehr kritische Geschichte, weil man schon einiges an technischem Know-how braucht, um sowas herauszufinden. Und Menschen tendieren dazu, laut der Schweigespirale und anderer Kommunikationstheorien, sich der Mehrheit anzuschließen. Es ist also nicht auszuschließen, dass solche technologisch induzierten Prozesse viele Leute, die unsicher sind, zu einer Entscheidung bringen, die sie normalerweise nicht getroffen hätten. Das sind neue Probleme durch die Digitalisierung.

Wer trägt Ihrer Ansicht nach die Verantwortung für diese Entwicklungen?

Alle gemeinsam – aber in unterschiedlichen Rollen. Ich denke, dass Akademiker und Wissenschaftler die Aufgabe hätten, Politiker oder Konzerne zu beraten. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es in stärkerem Maße bei Unternehmen und in der Politik Ethikbeiräte geben sollte.
Ansonsten bin ich natürlich ein Freund davon, etwas auf der niedrigsten Ebene zu verhandeln – also subsidiär. Und die niedrigste Ebene ist immer die Selbstregulierung. Und wenn es gelingt, Anreize zu setzen, ist das meist effektiver als Regulierung. Denn diese Möglichkeit bleibt ja immer noch.. Dass Unternehmen, die sich positiv verhalten, bessere Rankings bekommen, ist so ein Anreiz. In New York gibt es den Dow Jones Sustainability Index. So ein Index kann den positiven Anreiz liefern.

Zum Abschluss: Was ist Ihnen persönlich ein wichtiges ethisches Anliegen?

Hochschullehrer müssen mehr Verantwortung übernehmen, wie mein Tübinger Kollege Bernhard Pörksen fordert. Sie müssen sich mehr in die Diskussion einmischen, müssen bereit sein, Beratung zu machen. Ich mache das, indem ich mich bereit erklärt habe, ehrenamtlich den Deutschen Rat für Public Relations zu leiten und einen Verband pro bono zu beraten.

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