Die Chemikalien sind vermutlich durch verseuchten Kompost ins Grundwasser gelangt.

Von Patricia Klatt

Man hätte sich wohl schon sehr anstrengen müssen, um eine gleichgültigere Region als Mittelbaden für einen Umweltskandal ungeahnten Ausmaßes zu finden. Stimmt das?

Per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) samt unbekannter Vorläufersubstanzen auf 775 Hektar Ackerland, in Obst und Gemüse, Grundwasser, Trinkwasser, in Fischen, Wildschweinen, Hühnereiern und, wie man seit kurzem weiß, auch im Blut der Bevölkerung. Die bislang angefallenen Kosten liegen bei mehr als 7,6 Millionen Euro, die der Städte und Privatleute nicht einberechnet.

Wir befinden uns im Jahre sechs des PFC-Skandals in Mittelbaden, den der zuständige Umweltminister Baden-Württembergs Franz Untersteller gerne als „komplexes Problem“ bezeichnet. Auch die Berichterstattung über diesen haarsträubenden Umweltskandal könnte man als „komplexes Problem“ bezeichnen und man muss sich mit der grundsätzlichen Frage beschäftigen, was man den Leuten an Berichterstattung und Details und Fakten zumuten, zutrauen kann.

Die Präsentation der ersten PFC-Blutergebnisse im Oktober zeigt die Problematik: Der zuständige Sozialminister Manne Lucha gibt eine Presseerklärung dazu heraus, die von Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen den ganzen Tag über aufgeregt wiedergegeben wird, Schlagzeile: „PFC im Blut“. Es gibt auch Beiträge, die sich etwas ausführlicher und doch oberflächlich und teilweise leider auch sachlich falsch damit beschäftigen. Nach zwei Tagen ist die Berichterstattung schon wieder vorbei und der Mittelbadener fragt sich: War was? Und steht vielleicht noch vor einigen Nicht-Artikeln mit wenig Inhalt. Und die Journalisten und auch die Behördenvertreter sehen sich erneut mit dem Vorwurf mangelnder Berichterstattung konfrontiert.

Einschüchternde Dimension

In einem Essay in der Zeit (4.11.2018) schreibt Tobias Haberkorn über den Klimawandel: „Der Klimawandel ist zu groß für unsere Wahrnehmung. Er ist keine plötzliche Gefahr, die über uns hereinfällt, sondern eine schleichende, die wir seit Jahrzehnten kennen. Er ist kein konkretes, singuläres Ereignis, sondern eine Verkettung dynamischer Prozesse“. Das könnte man ohne Abstriche auch auf den PFC-Skandal in Mittelbaden übertragen und vielleicht ist er auch deshalb für die Menschen in der Region so schwer zu fassen. Seine Dimension ist einschüchternd. Die Fakten sind hochkomplex und man braucht selbst als Journalist quasi Jahre, um die Zusammenhänge zu erfassen und zu verstehen: Wie soll man in einem solchen Fall berichten, oder anders gefragt, wer kann das überhaupt adäquat tun?

Die Behörden haben alle Fakten transparent ins Netz gestellt und in einer Informationsbroschüre zusammengefasst, alles juristisch einwandfrei formuliert und deswegen nicht immer leicht verständlich. So mancher fühlt sich von sperrigen Fachbegriffen wie Bundesbodenschutzgesetz eingeschüchtert und liest nicht weiter.

Die Badischen Neuesten Nachrichten (BNN) berichten von Beginn an regelmäßig über den Skandal, in Print und Online. Alles ist für Jedermann nachzulesen, denn die BNN haben eine online frei zugängliche PFC-Seite erstellt, inklusive Bilder und Grafiken. Sie enthält auch zwei Übersichtsdokumentationen, eine von 2016, eine aktualisierte Version vom Sommer 2018, außerdem wird die PFC-Seite laufend aktualisiert. Die BNN berichten also von allen Medien am detailliertesten, sind aber nur eines von mehreren lokalen Angeboten der Region. Andere berichten ebenso, aber manchmal vereinfacht und teilweise redundant und emotional nach dem Motto: „Wie empfinden Sie das“? Die Frage wäre hier zu stellen, was sinnvoller ist: Emotionen oder Informationen?

Überregionale Unkenntnis

Das führt dann auch gleich weiter zu den überregionalen Medien, die in der Regel so gut wie nichts über den Skandal im Badischen und noch weniger über die komplizierte Problematik der PFC wissen. Womit ich wieder bei der Frage wäre, wie man über einen haarsträubenden Umweltskandal adäquat schreiben soll. Damit einher geht auch die Frage, ob es richtig sein kann, dass Journalisten ohne Fachwissen darüber entscheiden, ob ein Skandal von der Lokalen auf die überregionale Ebene gehoben wird und vor allem auch darüber, in welcher Form das geschieht. Welchen Stellenwert haben dann die oft geforderten Recherchen überhaupt?

Nun könnte man einwenden, die Kunst bestehe auch bei einem Umweltskandal dieses Ausmaßes darin, die vorhandenen Informationen der Behörden darzustellen, kein Journalist könne auch ein „PFC-Experte“ sein. Trotzdem sollte man meines Erachtens nach die grundsätzlichen Fakten und Zusammenhänge verstanden haben. Wie will man sie sonst für die Leser darstellen? Und wie will man sonst erkennen, ob die Behörden ein komplexes Problem schönreden oder zu wenig oder das Falsche machen? Und will man die umfangreichen Forschungsvorhaben einfach ignorieren, weil man sie weder versteht noch dem Leser vermitteln kann?

Letztendlich ist wohl auch die Frage von entscheidender Bedeutung, welche Ansprüche man als Journalist an sich selber stellt. Aber da auch dieser Kommentar nur eine begrenzte Zeichenzahl haben darf, die ich übrigens bereits überschritten habe, muss ich diese Frage wohl offen lassen und weiter geben….

Links:

 

Patricia Klatts Recherchen über den PFC-Skandal in Mittelbaden wurden von einem Umweltstipendium der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche und der Gemeinnützigen Olin gGmbH unterstützt.

 

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