Von Torsten Schäfer

Die Menschheit hat zwei der neun „planetaren Grenzen“ schon überschritten, wie Wissenschaftler herausgefunden haben – vor zehn Jahren. Vor allem das Artensterben geht schneller als je zuvor. Jetzt, mit einigen Jahren Verzögerung, ist das es ganz oben auf der Agenda mit Bienen, Insekten, manche reden von Säugetieren. Von bedrohten Pflanzen, Fischen oder Amphibien reden die wenigsten, aber auch um sie ging es im so schockierenden, jüngsten Weltartenbericht des Weltnaturrates, der mich nicht mehr loslässt. Mich sauer macht und Grund für diesen Text hier ist.

Immerhin, wir reden über die ökologische Krise, da wir es zu weit getrieben haben. Über die Grenzen des Belastbaren hinaus und dorthin, wo vielleicht ein neues Erdzeitalter beginnt, das Anthropozän, das „Menschenzeitalter“. Geologen entscheiden 2021 letztlich, ob wir nach fast 12000 Jahren des Holozän, des Zeitalters nach der Eiszeit, in eine neue Epoche eintreten. Weil wir den Planeten so verändern, dass wir womöglich die größte umweltverändernde Kraft auf ihm geworden sind. Ob gerade dann die Namensgebung nicht reine Hybris ist, sei hier nur angemerkt.

Epochal ist jedenfalls der Moment, den wir gerade erleben; eine Zeitenwende, in der der Mensch die Erde – und damit seine Lebensgrundlagen – zerstört. In vielfacher Weise, seien es Verschmutzungen, Abgase, Abholzungen oder die Überfischung. Und über alles legt sich die Klimaerhitzung als eine bedrohliche Matrix, die viele Prozesse verstärkt. Und selbst radikale Veränderungen der Ökosysteme in Gang setzt. 

Meine Wut

Je länger ich beruflich damit zu tun habe, desto wütender werde ich. Wütend auf die Politiker, die in vielen dieser Felder gnadenlos versagt haben. Die Gesetzeslosigkeiten geschaffen haben, hundertfach. Über Jahrzehnte. Trotz des Wissens, all der Studien, die lange davor gewarnt haben, was jetzt eintrifft. Es sind Politiker, die immer noch im Normalmodus weitermachen, im alten Klein-Klein, das den Klimawandel als eines von vielen Themen einsortiert – neben der nächsten Rentenreform und neue Bandbreiten in der Digitalisierung.

Wozu dieses Denken führt, können wir jetzt, nach vierzig Jahren, sehen: Klimakrise, Artensterben. Waldschwund. Verkehrschaos. Belastete Luft. Und so weiter. Wozu es politisch führt, haben die Europawahlen gezeigt: zur Krise großer Parteien, die Wählern eine altmodische Politik anboten, gerade den Jungen. Eine Politik, in der Klima und Ökologie irgendwelche Themen sind. Die Debatte hat sich aber verändert, die Menschen merken, dass Teile der Erde sterben. Dass es gerade um das ganz Große geht; darum, welche Lebensgrundlagen ihre Kinder und Enkel haben werden. Wie schön und vielfältig deren Welt sein wird. Oder nicht. Auch ich habe drei Kinder. Und ich bin wütend.

Nur Wissen reicht nicht

Und ich denke, dass wir all diese Fragen so wie bisher nicht mehr allein angehen können. Dass wir – und damit auch die Politiker – nicht die Verhältnisse verändern können, wenn wir sie nur begreifen – rational, vernünftig, mit all dem Wissen, dass es ausreichend zur Erdkrise gibt. Wir müssen neben dem Begreifen die Natur auch greifen, also anfassen, spüren, sehen, riechen, schmecken und hören können. Sie mit allen Sinnen erfahren; sie erleben als Naturwesen, die wir sind und die so viele Sinne genau dafür entwickelt haben. Auch wenn manche am Schreibtisch verkümmern und kaum noch Gebrauch finden.

Deshalb brauchen wir einen  Landschaftsjournalismus, der eine lebendigere Sprache wagt und sich neuer Genres bedient wie etwa des nature writing – und der die Wissenschaften dazu holt. Die Umweltpsychologie etwa, die Geografie und Naturphilosophie, um in der Tiefe zu verstehen, was der Naturverlust – in den USA als nature deficit disorder bekannt – mit der Gesellschaft und dem einzelnen Menschen macht. Denn um diese geht es uns im Journalismus. Also hinaus, Kollegen! Ab auf die Felder, in den Wald, an die Flüsse, in Gärten und Parks, ins Gebirge und zu den Mooren, raus aufs Meer und in die Wüsten. Auf in die Landschaft, um zu verstehen, was mit ihr passiert – und um zu beschreiben, wie die Landschaftsmenschen, also alle die, die nahe an den Veränderungen sind, die Prozesse beobachten, kennen, selbst vorantreiben oder versuchen zu verhindern.

Es kann auch helfen, auf die zu blicken, die die Natur nachweislich besser behandeln: indigene Völker weltweit. Sie leben auf 30 Prozent der Erdoberfläche, und dort schwinden die Arten deutlich weniger und langsamer, wie die Forscher im Weltartenbericht schreiben. Warum? Was kann man von ihnen lernen? Das frage ich mich auch in meinem Projekt zu Klimanarrativen der Sami-Journalisten in Lappland. Und wie helfen indigene Erfahrungen, uns gesellschaftlich wieder mehr als Ortswesen, Naturbestandteil und Gemeinschaftstiere zu begreifen? In diesem Kontext spricht  der Naturphilosoph Andreas Weber, mit dem ich einige Schreibseminare im Wald ausgerichtet habe, in einem tollen Essay von der Notwendigkeit, die eigene Indigenialität zu entdecken. Ganz ähnlich wie Gary Snyder mit seinem Bioregionalismus in dem Meilenstein „Lektionen der Wildnis.“

Was das Schreiben soll

Versuch in all diese Richtungen sind meine „Geschichten von Stein und Sein“, die ich als „Nachhaltige Naturschreibereien“ auf der Website des Unesco-Geo-Naturparks Bergstraße-Odenwald veröffentliche – und nun auch regelmäßiger bei Grüner-Journalismus.de. Ich will hier – und in einem parallel entstehenden Buch – die Bedrohung beschreiben, aber auch die Schönheit, die in Gefahr ist. Und ich will die eigenen Hoffnungen teilen. Was mir Hoffnung gibt, ist die enorm gestiegene Aufmerksamkeit für Klima und Natur in diesem Jahr, sind die Klima-Proteste der Schüler, das bayerische Volksbegehren zum Artenschutz und all die neuen grünen Medienprojekte bis hin zu den Flussreportern und Flugbegleitern, die Naturjournalismus machen. Hoffnungsvoll stimmt mich auch der Erfolg des Naturgenres nature writing, das nach den USA und Großbritannien nun auch in Deutschland auf dem Buchmarkt und in Medien große Erfolge feiert. Getragen wird das durch einen breiten gesellschaftlichen Umwelt- und Naturdrang, den wir schon seit einigen Jahren erleben. Oft, aber nicht immer ist er verbunden mit der Nachhaltigen Entwicklung, die aber der ethische Rahmen für die Große Transformation hin zu einer ökologisch und sozialen Gesellschaft mit echter Lebensqualität ist.

Es sind viele Naturthemen, die sich derzeit verweben: Angefangen bei dem Erfolg von Landzeitschriften bis hin zu Bio-Ernährung sowie regionalen Lebensmitteln und Trends wie Wandern, Waldkindergärten, städtisches Gärtnern, solidarische Landwirtschaft, Imkern, Kräuterwanderungen, Survival-Kurse oder neuerdings auch Jagen. Die Gesellschaft will wieder hinaus und etwas finden – auch sich selbst. Doch wie geht dieses Hinauswollen, wer macht es hier in meiner Heimat, an welchen Orten und mit welchen Geschichten? All das frage ich mich als Autor, der in der Region aufgewachsen ist und sie nun mit neuem Blick bereist und beschreibt. Mich interessieren dabei große Landschaften wie auch kleinere Orte und Schauplätze: Was erzählt ein Stein, wenn ich ihm länger begegne? Welches Schauspiel vollführen Bussarde, wen ich mich mit ihnen aufschwinge? Wie geht es unseren Flüssen, wenn ich untertauche und sie ganz nah beobachte?

Aus der Kindheit heraus

Die Idee für diese Kolumne und neue Landschaftsbücher, die in den kommenden Jahren entstehen sollen, kommt nicht einfach so. Denn ich schreibe als Umweltjournalist seit 15 Jahren vor allem über Fischerei, Arten und Klimawandel. Und das hat viel mit Naturerfahrungen in Kindheit und Jugend zu tun: Seen und Flüsse, Fische, Wildtiere und Wald – das waren frühe Themen, die ich im Journalismus weiterverfolgt habe. Ich bin im vorderen Odenwald aufgewachsen und war viel draußen. Habe Arten beschrieben und gesammelt, Schnecken gezüchtet, an Teichen und Flüssen gefischt und in Umweltgruppen gearbeitet – wie ebenso beim Bauern oder Förster im Praktikum. Manche Orte wurden zu festen Wegmarken: die Kühkopf-Aue, eine kleine Angelwiese in Freudenberg am Main, der Campingplatz in Neckargerach, Rehbach im Odenwald einfach des Namens wegen oder die steile Bensheimer Familien-Streuobstwiese, deren Äpfel jedes zweite Jahr einen guten Saft hervorbrachten.

Auch die Ernte der Holunderbeeren, aus denen meine Großmutter Marmelade und Saft gewann, war abhängig von der Jahreszeit. Ebenso das Schleienangel im April, Teekräutersammeln im Mai oder die Parasolpilzsuche im September, die eigentlich immer viel einbrachte. Das Gegenteil gilt für meine ersten Survial-Trainings in der Mühltaler Wildnis, die kläglich scheiterten. Vielleicht besuche ich auch deshalb jetzt wieder solche Wildniskurse – ebenso wie Kräuter-Seminare oder unsere Stadtgärten in Hamburg und danach Darmstadt. Auch das Fischen habe ich wieder begonnen, sogar in der heimischen Modau, die tragische Heldin meines Buches und eines großen Reportage-Projektes meiner Studenten für das Darmstädter Echo im Sommersemester 2019.

Dreiklang im Sinn

Es ist das dritte Lehrprojekt, in dem wir versuchen, wie ein Landschaftsjournalismus gehen kann. Und ein Dreiklang gelingen könnte: Menschen in ihrer Heimat, in der Schönheit und Wildheit der Landschaft, mit all ihren Geschichten zu treffen und diese zu erzählen. Das zu verbinden mit dem  Naturverlust, der Klimakrise und ihren Folgen sowie den Veränderungen für Landwirtschaft, Verkehr, Energie, Konsum. Und unsere Art, zu wirtschaften. Daraus könnten dann im dritten Schritt bestenfalls Ideen für eine neue Art von Lebensqualität entstehen, andere Narrative, wie wir hier an der Hochschule gerne sagen. Da geht es um solche Dinge wie Zeitwohlstand, Gemeinschaft, die Kraft der Orte und der Region, Kreisläufe der Wirtschaft. Und Gesundheit durch Freiheiten. Denn frei von zu großem Stress und ständiger Hatz, aber auch frei dreckiger Luft, allgegenwärtigem Plastik, schmutzigen Gewässern, vollen und lauten Straßen, zu heißen Sommern, verdorrten Äckern, kaputten Wäldern und vollgelaufenen Kellern –  frei davon wären wir doch gerne. Den Sinn, das Anfühlen, Erleben und tiefere Verstehen dieser Freiheiten, den finden wir in der Landschaft wieder, wo es wieder viele hinzieht. Draußen, wo die aktuellsten und spannendsten Geschichten warten.

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