Wie sähe es aus, wenn sich Großstädte mit Lebensmitteln selbst versorgen würden? Die Regale der Supermärkte wären mit frischem Obst und Gemüse gefüllt, das direkt vom Bauern aus der Region stammt. An den Kartoffeln wäre noch Erde des Feldes zu erkennen, das nur 50 Kilometer entfernt liegt. Plastikverpackungen wären angesichts der kurzen Transportwege wahrscheinlich nur noch selten zu sehen. Vielleicht würde der Supermarkt wieder an einen kleinen „Tante Emma“-Laden erinnern, so wie vor rund 50 Jahren. Ein Unterschied bestünde jedoch im Sortiment: Damals konnte es keine von Indoor oder Vertical Farms gezüchteten Salatköpfe geben und auch keine Mangos aus tropischen Gewächshäusern. 

Jeder Tropfen Milch, jede Tomate, jeder Apfel käme direkt aus dem Umland – man wüsste genau, woher die Wurst auf dem Frühstücksbrot stammt. Das Szenario einer kompletten städtischen Selbstversorgung hätte Vorteile: Kurze Transportwege, frischere Produkte, Transparenz über Herkunftsort und Produktionsbedingungen und eine gewisse Versorgungssicherheit. Doch kann eine gesamte Metropole überhaupt durch regionale Landwirtschaft versorgt werden? 

Ernährungsumstellung für Städte entscheidend

Dass eine nachhaltige Ernährungspolitik in Städten entscheidend für die Entwicklung der Gesellschaft von morgen ist, haben kürzlich die Vereinten Nationen (UNO) bestätigt. Seit 2016 gehören „nachhaltige Städte und Gemeinschaften“ zu den Zielen der UNO (Suistainable Development Goals) – ein Ziel, das stetig an Bedeutung gewinnt, da die Mehrheit der Weltbevölkerung vom Land in die Stadt ziehen wird. Bis im Jahr 2050 sollen in den Metropolen dieser Erde über sechs Milliarden Menschen leben. Wie sieht in der Stadt der Zukunft die Produktion, die Verarbeitung und die Verteilung von Nahrungsmitteln aus? Wie kann ein ökonomisch faires, nachhaltiges System aufgebaut werden, um sich selbst zu versorgen?

Würde das zum Beispiel bedeuten, auf Bananen im Winter zu verzichten? Angesichts moderner, tropischer Gewächshäuser wahrscheinlich nicht. Vorzeigeprojekt ist das Tropenhaus „Klein Eden“ im Norden Bayerns – hier werden schon jetzt das ganze Jahr über Papayas, Zwergbananen, Maracujas und andere exotische Früchte geerntet. Das Umwelt-Projekt in Klein-Tettau erforscht, welche Früchte auch in Europa unterm Glasdach angebaut werden können. Nachteil ist dabei der hohe Stromverbrauch, für den die Initiatoren des Projekts jedoch eine nachhaltige Lösung gefunden haben: Das Tropenhaus nutzt anfallende Wärme, die durch technische Prozesse eines benachbarten Glasindustriebetriebs entsteht und bislang ungenutzt entwich, als Heizmittel.

Eine nachhaltige Produktion und Versorgung mit Lebensmitteln kann möglich sein, wenn politische Rahmenbedingungen und Engagement der Bürger*innen zusammenspielen. In vielen unterschiedlichen Städten gibt es bereits Projekte, die eine nachhaltige, städtische Selbstversorgung forcieren. Die Bürger*innen der brasilianischen Stadt Belo Horizonte können urbane Freiflächen in Schrebergärten verwandeln, in Tokio entstehen zahlreiche Gärten auf Hochhausdächern und in öffentlichen Parks Vancouvers bieten Kioske Snacks von lokalen Produzenten an. Als Vorbild für urbane Landwirtschaft gilt Toronto: Dort werden kleine, lokale Unternehmer unterstützt, indem die Stadt öffentliche Flächen und Räumlichkeiten für die Produktion oder Verpackung von Lebensmitteln zur Verfügung stellt. 

Urban Gardening in Tokyo. ©Alva Lim

Der Anspruch einer nachhaltigen Selbstversorgung der Städte ist also da, aber ist er auch realisierbar? Diese Frage stellte sich unter anderem Ingo Zasada vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (Zalf) in Müncheberg. Er und seine Kolleg*innen wollten wissen, wie groß das Selbstversorgungspotenzial von Großstädten ist und wählten dafür die vier Metropolen London, Mailand, Rotterdam und Berlin aus.

Sie kommen zu dem Ergebnis: Von den vier Städten hat Berlin das größte Selbstversorgungspotenzial. Die Einwohner Berlins könnten nahezu vollständig aus dem nahen Umland versorgt werden, eine komplette Umstellung auf biologische Landwirtschaft wäre ebenfalls machbar. 

2.000 Quadratmeter Fläche pro Kopf für Lebensmittel

Die Wissenschaftler*innen untersuchten, wie viel Agrarfläche jeweils benötigt wird, um die Städte mit regionalen Lebensmitteln zu versorgen. Dazu ermittelten sie zuerst die Ernährungsgewohnheiten, die sie aus nationalen Statistiken über den Verbrauch von Milch, Fleisch, Gemüse und Co. berechneten. Hieraus ergab sich in allen vier Städten ein Bedarf von etwa 1.000 Kilogramm Lebensmitteln pro Kopf und Jahr, in Berlin sind es 1050 Kilogramm. 

In einem zweiten Schritt ermittelten die Forscher*innen die Fläche, die ein Stadtbewohner zur Deckung seines Bedarfs an Lebensmitteln benötigt. Hierfür wurden die Agrarproduktionen in den jeweiligen Regionen berücksichtigt, aber auch das Klima, die Qualität der Böden sowie andere Umweltfaktoren. Das Resultat: Einwohner*innen von Berlin und Mailand benötigen gut 2.000 Quadratmeter Land pro Person für die Nahrungsmittelproduktion, Londoner und Rotterdamer etwas weniger. Das hinge mit den unterschiedlichen Erträgen in den Regionen zusammen, aber auch mit den Ernährungsgewohnheiten.  

Es sei grundsätzlich für alle vier Städte interessant, den Selbstversorgungsgrad zu erhöhen, sagt der Agrarforscher Zasada: „Zumindest in Teilen ist das machbar.“ Darüber hinaus gebe es Wege, die Sache zu vereinfachen – etwa über ein verändertes Konsumverhalten. Eine Stellschraube sei die Verschwendung: „Man bräuchte viel weniger Agrarfläche, wenn nicht so viele Nahrungsmittel im Müll landeten“, sagt Zasada.

Reduzierung des Fleischkonsums um 60 Prozent 

Die Wissenschaftlerin Sarah Joseph, von der Kühne Logistics University führte eine vergleichbare Studie für Hamburg durch. Ihre Ergebnisse stimmen mit denen der Studie Zasadas überein: Um satt zu werden benötigt der Durchschnitts-Hamburger eine Fläche von circa 2400 Quadratmeter pro Jahr. Hamburg könne sich mit den bestehenden Agrarflächen selbst versorgen, jedoch hätte dies auch eine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten zur Folge. Der jeweilige Fleischkonsum müsste um 60 Prozent reduziert und der Wegfall an Proteinen durch eine große Menge an Gemüse ersetzt werden. Im Durchschnitt isst der Stadtbewohner 89 Kilogramm Fleisch im Jahr – die Umstellung auf regionale Lebensmittelversorgung bedeutet also eine Reduzierung um 30 Kilogramm. Anstatt jeden Tag, hätte man zwei bis dreimal Fleisch auf dem Speiseplan. 

Fest steht: Je nach Art des Anbaus (konventionell oder ökologisch) und Ausmaß des Fleischkonsums wird mehr oder weniger Fläche für die Produktion von Lebensmitteln benötigt.

Welcher Ernährungsstil braucht wie viel Fläche?

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Anbaumethode

 

Konventionelle Landwirtschaft

 

 

Ökologische Landwirtschaft nach EU-Richtlinien

 

Ökologische Landwirtschaft nach EU-Richtlinien

 

Ökologische Landwirtschaft nach EU-Richtlinien

Fleischkonsum

/pro Kopf/pro Jahr

 

88,6 Kg

 

 

88,6 Kg

 

 

62 Kg

(-30 %)

 

35,4 Kg

(-60 %)

Benötigte Agrarfläche/pro Kopf  

1972 m²

 

3378 m²

 

2884 m²

 

2413 m²

Quelle: Studie “Can regional organic agriculture feed the regional community? A case study for hamburg and nothern germany“

Josephs Schwerpunkt liegt auf der Versorgung durch einen ökologischen Anbau, da konventionelle Landwirtschaft aus ihrer Sicht nicht nachhaltig, sondern vielmehr bodenschädigend ist.

Die komplette Umstellung auf biologische Landwirtschaft vergrößere zwar die benötigte Fläche zur Selbstversorgung, sei aber theoretisch machbar für Hamburg, wie auch für Berlin. Hier können Sie die wichtigsten Statements von Sarah Joseph, rund um Ihre Studie und die Frage „Kann Hamburg sich selbstversorgen?“ im Interview sehen.

Stadtnahe Landwirtschaft klimafreundlich

Studien belegen demnach, dass eine komplett regionale, biologische und nachhaltige Selbstversorgung mancher Metropolen in der Theorie möglich wäre. Aber wäre dies auch besser für unsere Umwelt? „Mit einer stadtnahen Landwirtschaft könnten umgerechnet etwa vier Prozent der gesamten globalen CO2-Emissionen eingespart werden“, sagt Jürgen Kropp, Wissenschaftler des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) gegenüber dem Magazin „Klimareporter“.

Die Selbstversorgung von Städten würde zum Umweltschutz beitragen.

Er ist Mitautor der Studie: “Hungry cities: how local food self-sufficiency relates to climate change, diets, and urbanization“, die im August 2019 veröffentlicht wurde. Die Ergebnisse zeigen: Mit einer stadtnahen Landwirtschaft könnte ein Zehntel aller beim Lebensmitteltransport entstehenden Emissionen eingespart werden. Da Emissionsangaben zur Luftfracht fehlen, beziehen sich die Daten nur auf den Land- und Schiffstransport von Lebensmitteln. Das Einsparpotenzial ist damit eher noch höher als die Wissenschaftler*innen errechnet haben. Die Potsdamer Forscher*innen untersuchten mehr als 4.000 Städte mit jeweils mehr als 100.000 Einwohnern. Die Produktion von Lebensmitteln vor Ort könne als Wegweiser für die zukünftige Versorgung von Städten dienen, die „lokale Ernährungssicherheit gewährleistet, lokale Nährstoffkreisläufe schließt und damit zum Klimaschutz beiträgt“, erläutert Kropp.

Das Potenzial der Selbstversorgung sei je nach Ballungsraum unterschiedlich. Während Südasien und Ostafrika große Möglichkeiten für städtische Landwirtschaft bieten, ist in Nordamerika das Gegenteil der Fall. Der Studie zufolge liegt das an der Beschaffenheit des direkten Umlandes. Die großen Städte in den USA sind von Naturgebieten umgeben, die für eine Nahversorgung in Acker umgewandelt werden müssten. Das würde die Emissionen jedoch eher erhöhen als verringern, weil die Landwirtschaft – vor allem bei intensiver Viehzucht – mehr Treibhausgase freisetzt.

Landwirtschaft ist beeinflusst vom Klimawandel und gleichzeitig treibt sie ihn auch weiter voran. Die Art und Weise wie wir Lebensmittel heutzutage produzieren, hat viele Konsequenzen und Herausforderungen für unsere Umwelt. 

Die Studien zeigen, unser Konsumverhalten ist der Schlüssel – für eine vollständige, regionale und nachhaltige Lebensmittelversorgung müsste der Fleischkonsum reduziert werden. Je nach Ernährungsstil sind unterschiedliche Lebensmittelproduktionen möglich. Die Verantwortung liegt jedoch nicht nur beim Individuum, sondern auch bei der städtischen Verwaltung, die Politik ist gefragt, regionale, solidarische Landwirtschaft zu fördern. Die Produktion von Lebensmitteln vor Ort kann als Wegweiser für die zukünftige Versorgung von Städten dienen, auch im Sinne des Klimaschutzes.

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