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Zwischen Gemüsebeeten und Gartenzwergen

 

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Die Kleingärten, die heute in Vereine mit blumigen Namen wie „Fortschritt und Schönheit“, „Solidarität“ oder „Freude“ organisiert sind, haben eine lange Tradition in Hamburg, die bis in das 19. Jahrhundert zurückreicht. Heute gibt es in Hamburg 34.500 Kleingärten, die gemeinsam eine Fläche von 14 Millionen Quadratmetern belegen. Das sind zwar nur knapp zwei Prozent der Stadtfläche, laut dem SchreberRebellen e.V. bilden die Kleingärten aber zusammengenommen mit Abstand die größte Grünfläche der Stadt. Doch dienen die Kleingärten heute überhaupt noch der Selbstversorgung oder sind sie längst zu privaten Erholungsstätten geworden?

Selbstversorgung eines Kleingärtners

Winfried Prüfert, Großvater der Autorin und Kleingärtner seit 1979, hat eine 300 Quadratmeter große Parzelle im Stadtteil Barmbek, auf der neben einer Laube und ein paar Blumenbeeten vor allem Obst und Gemüse wachsen. Im hinteren Drittel sind Beete angelegt, in denen Kartoffeln, Zucchini oder Bohnen wachsen. In einem selbstgebauten Unterstand reifen im Sommer Tomaten heran, und außen herum finden sich Beeren-Sträucher, Kirsch- und Apfelbäume. Ein Großteil der Ernte davon wird von ihm eingeweckt, zu Marmelade gekocht oder tiefgefroren, damit auch im Winter noch etwas übrig ist. Auf die Frage, was im Garten nicht anzubauen ist, antwortet Winfried Prüfert: „Kohl funktioniert hier nicht. Ob Weißkohl, Blumenkohl oder Rotkohl – das wächst in meinem Garten einfach nicht“. Ansonsten ist die Ernte jedes Jahr anders. „Je nachdem, wie das Wetter ist. Ohne Regen bringt auch alles Gießen nichts“, meint Winfried Prüfert. Auf der Anbaufläche, die deutlich kleiner ist als die Ländereien der Landwirt*innen, fallen Missernten natürlich umso deutlicher auf. Trotzdem kommen teilweise beachtliche Mengen zusammen, wie etwa 40 Kilogramm Kiwis im letzten Jahr. Die süßen Früchte ließen sich wunderbar zu Marmelade verkochen, merkt Winfried Prüferts Frau Inga an. Viel mehr Exotik ist beim Anbau ohne Gewächshaus aber nicht möglich. Die Vielfalt der Ernte ist dennoch groß, wenn sie nicht schon vorher von den Mäusen und Hasen abgefressen wurde. „Uns davon komplett selbst zu versorgen funktioniert für uns aber nicht. Und vor allem lohnt es sich nicht“, so Prüfert. Zum einen haben die Pflanzen unterschiedliche Erntezeiten, sind also gerade die Bohnen reif, müssten Winfried Prüfert und seine Frau wochenlang Bohnen essen oder sie eben einfrieren, bis dann auch Kartoffeln reif sind. Finanziell lohnt sich der Kleingarten für Winfried Prüfert, trotz der niedrigen Pachtkosten, zur Selbstversorgung nur, wenn man den Arbeitsaufwand nicht einrechnet, sagt er. „Dazu kommen Kosten für Saat, Pflanzkartoffeln, Wasser zum Gießen oder Dünger.“

Kleingärtner Winfried Prüfert bei der Winterarbeit in seiner Parzelle in Hamburg – Barmbek. (© Sophie Prüfert)

Weniger als 100 Euro für ein Jahr gärtnern

Dabei erscheinen die Kosten für eine Parzelle günstig, wenn man die hohen Grundstückspreise in der Großstadt bedenkt. Die Mehrzahl der über 300 Vereine in Hamburg sind Mitglied im Dachverband der Kleingärten, dem Landesbund der Gartenfreude in Hamburg e.V.. In einem dreistufigen Pachtsystem mietet der Landesbund die Flächen von der Stadt Hamburg, um sie dann an die Vereine zu vermitteln, welche sie wiederum an die privaten Pächter*innen verpachten. Die Parzellen sind durchschnittlich etwa 400 Quadratmeter groß, viele Altanlagen haben noch Parzellen mit 600 bis 800 Quadratmetern. Für einen Garten von durchschnittlicher Größe zahlt man weniger als 90 Euro Pacht im Jahr. Hinzu kommen Beiträge des Vereins, doch die Summe für einen Durchschnittsgarten liegt dennoch unter 300 Euro jährlich. Der größte Posten bei der Anschaffung eines Kleingartens ist meist der Kauf einer neuen oder übernommenen Laube. Damit sich auch Geringverdiener*innen die Gärten leisten können, darf der Abschreibungswert einer Laube 10.000 Euro nicht übersteigen. So wird gesichert, dass neue Pächter*innen nicht unverhältnismäßig viel zahlen müssen. „Für Familien mit Kindern haben wir insbesondere auch ein Abzahlungsprogramm für die Lauben mit einem zinslosen Darlehen“, erklärt Dirk Sielmann, Geschäftsführer des Landesbundes.

Anbau ist Pflicht im Kleingarten

Neben der rechtlichen Einhaltung einer niedrigen Pacht regelt das Bundeskleingartengesetz von 1983, wie die Kleingärten aufgebaut sein müssen. Laut Paragraph 1 versteht man unter einem Kleingarten einen Garten, der „dem Nutzer (Kleingärtner) zur nichterwerbsmäßigen gärtnerischen Nutzung, insbesondere zur Gewinnung von Gartenbauerzeugnissen für den Eigenbedarf, und zur Erholung dient“. Zusätzlich sollen die Pächter*innen im gemeinschaftlichen Gefüge eines Vereins verbunden sein. „Obst- und Gemüseanbau ist also eine Voraussetzung für die Pacht eines Kleingartens“, bestätigt Dirk Sielmann. Im Idealfall wird ein Drittel des Gartens dafür verwendet. In jährlichen Kontrollen wird dies von den Vereinen überprüft. Winfried Prüfert stellt aber fest: „Leider machen das heute nicht mehr alle Kleingärtner so.“ Dennoch tragen diese Vorgaben in der Gestaltung bis heute zum Klischee vom spießigen Kleingartenverein bei.

Spiel und Spaß statt Selbstversorgung?

Idealkleingarten von Ferdinand Tutenberg aus dem Jahr 1918 (© Kleingarten-Jahrbuch 2 (1918). Bearbe. i.A. der Kleingarten-Kommission der Stadt Altona v.F. Tutenberg, 85-88.)

Für viele Pächter*innen hat die soziale Funktion der Kleingärten an Bedeutung gewonnen. Zwar sind die Gärten dem Klischee entsprechend immer noch beliebt bei Rentnern und Rentnerinnen, die eine Freizeitbeschäftigung suchen, aber auch viele junge Familien und Menschen mit Migrationshintergrund sind heute in den Kolonien zu finden. Nicht nur die Anordnung der Vereine in Runden bringt die Pächter*innen leicht in Kontakt, meint Geschäftsführer des Landesbundes Dirk Sielmann: „Ganz unterschiedliche Menschen werden zusammengeführt, weil sie ein gemeinsames Interesse eint: Das Gärtnern.“ Man hilft sich, man verbringt Zeit zusammen und die Gärtner*innen kommen ins Gespräch. Durch diese besonders integrative Funktion stellt Dirk Sielmann fest: „In unseren Vereinen wird Solidarität gelebt. So tragen sie zum Zusammenhalt in der Gesellschaft bei.“

Die Nachfrage für Kleingärten ist also groß. Bis zu zwei Jahren müssen neue Pächter*innen warten, bis eine Fläche für sie frei wird. 98 % der Gärten in Hamburg sind stets verpachtet, alle weiteren befinden sich zum Erhebungszeitpunkt gerade im Wechsel. Nur wenige Gärten sind über längere Zeit schwer zu vermitteln. „Das sind meist die Gärten am Rande der Stadt, wo die Anwohner eigene Hausgärten haben und nicht so sehr auf Kleingärten angewiesen sind, wie in Gebieten mit Geschosswohnungsbau“, erklärt Dirk Sielmann.

Doch gerade am Stadtrand wurden viele Ersatzgärten gebaut, denn der sogenannte „10.000er Vertrag“ sichert dem Landesbund in Hamburg zu, dass jene Gärten, die wegfallen, an anderer Stelle ersetzt werden müssen. In Anbetracht der ehrgeizigen Wohnungsbauprojekte der Stadt hat der Landesbund daher einen Strategiewechsel beschlossen. Das Ziel ist eine Verdichtung durch die Teilung sehr großer Parzellen bei gleichzeitiger Sanierung der Altanlagen. „Wir erhalten und mehren Kleingärten, wo sie gebraucht werden“, so Sielmann. Und das ist dort, wo man sie zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen kann. Am Rande der Stadt bestehe schlichtweg kaum Bedarf. Außerdem verlangt der Landesbund, dass dort, wo neue Stadtteile entstehen, Kleingärten direkt ins Stadtbild eingeplant werden.

 

Urban Gardening: Die neue Form des Kleingartens

Die Nachverdichtung von Kleingärten erscheint zunächst ein schlechter Deal für die Kleingärtner*innen zu sein, denn wenn Parzellen geteilt werden, entstehen zwar mehr Gärten, jedoch auf gleichbleibender oder schrumpfender Fläche. Bei vielen Kleingärtner*innen steht der Landesbund für dieses Vorgehen regelmäßig in der Kritik. Die verkleinerten Gärten machen aber in den neuen Berufs- und Lebenswelten der Großstadtbewohner*innen Sinn. „Viele der neuen Pächter sind berufstätig und haben Familie“, erklärt Sielmann. Denen fehle vor allem die Zeit, um große Gärten mit über 300 Quadratmetern zu betreuen.

Stattdessen wird in Hamburgs Selbstversorgung vermehrt auf Urban Gardening gesetzt. So etwa in einem Modellprojekt im Stadtteil Fischbek-Reethen, wo Parzellen in 40 Quadratmeter große Mikro-Gärten unterteilt werden sollen. Diese dienen ausschließlich dem Anbau. Der private Saisongarten Ramcke im Stadtteil Eidelstedt macht Hobbygärtner*innen den Anbau noch einfacher: Auf kleinen Feldparzellen von 40 bis 80 Quadratmetern können die Pächter*innen für eine Saison Gemüse, Kräuter und Blumen pflanzen, das Pflügen, Walzen und Düngen übernimmt der Vermieter. Außerdem stellt er ihnen Gartengeräte und hilfreiche Ratschläge zur Verfügung. Dieses „Rundum-sorglos-Paket“ nimmt Anfänger*innen im Garten die Angst vor langfristigen und teuren Verpflichtungen. Andere Anbieter, wie etwa die Ackerhelden, pflanzen den zukünftigen Gärtnern sogar schon ihre Pflanzen vor und liefern die passenden Rezepte zur Ernte direkt mit. In anderen Projekten können Pächter*innen einzelne Hochbeete in Gemeinschaftsgärten mieten, je nachdem wie viel Zeit sie haben. Wer sich den Fahrtweg sparen möchte, kann sich das Hochbeet-Komplettset für den heimischen Balkon bestellen und dort Salat oder Erdbeeren großziehen. So ist der Selbstanbau in der Stadt sogar mit minimalem Zeitaufwand und auf engstem Raum möglich.

„Uns kommt eine Entwicklung sehr entgegen: Immer mehr Kleingärtner wollen Bio-Lebensmittel, bei denen sie wissen, wie sie angebaut wurden“, so Dirk Sielmann. Der Fokus auf dem Aspekt der Erholung wandelt sich also aktuell immer mehr zurück zur Selbstversorgung. Der Öko-Anbau ist im Interesse des Landesbundes. Denn schon seit 1983 forderte das Bundeskleingartengesetz von den Pächter*innen: „Die Belange des Umweltschutzes, des Naturschutzes und der Landschaftspflege sollen bei der Nutzung und Bewirtschaftung des Kleingartens berücksichtigt werden.“ In Hamburg sind Insektizide daher schon seit über 25 Jahren verboten. Eine kostenlose Fachberatung hilft den Hobbygärtner*innen dabei, auf Natur statt Chemie zu setzen.

 

Links: Pächter Winfried Prüfert 1985 vor seiner neue errichteten Laube; Mitte: Parzellennummer des Vereins; Rechts: Im Sommer ist viel zu tun im Gemüsebeet (© Sophie Prüfert)

Kleingärten tragen zum Klimaschutz bei

Doch die Kleingärten haben noch weitere wertvolle Funktionen für das urbane Ökosystem. In der Stadt, in der es allgemein erhöhte Temperaturen gegenüber dem offenen Land gibt, können diese durch die Freiflächen der Gärten gemindert werden. Zudem wird durch die Vegetation in den Gärten Kohlendioxid verbraucht und Sauerstoff produziert. Auch der Niederschlag kann auf den Grünflächen besser aufgenommen werden als auf versiegelten Flächen, und die Bäume und Sträucher binden Emissionen aus der Luft. Auch mindern die Gärten Lärm, indem sie Schall schlucken.

Besonders wichtig ist auch, dass die Kleingärten als Rückzugsraum für Tiere dienen und so die Artenvielfalt wahren. „Denn die Kleingärten sind ja nur das halbe Jahr von Menschen bevölkert“, erklärt Dirk Sielmann, „von Oktober bis März gehören sie den Tieren.“ Damit sind sie ein wichtiger Rückzugsort für diese. Für Pächter*innen wie meinen Großvater gehört auch die Versorgung der Tierwelt dazu. Dass die Vögel im Winter gefüttert werden, ist also für viele Kleingärtner selbstverständlich. Dennoch weist Historiker Hartwig Stein in einem Interview der TAZ darauf hin: „Kleingärten sind keine Naturschutzgebiete und können diese auch nicht ersetzen.“

Städtische Selbstversorgung in der Zukunft

Das wachsende Interesse am Eigenanbau profitieren davon, dass immer mehr Menschen wissen wollen, wo genau ihre Lebensmittel herkommen und womit sie während ihrer Produktion behandelt wurden. In Kleingärten haben auch Stadtbewohner*innen ohne Haus und Garten die Möglichkeit, ihr Obst und Gemüse selbst anzubauen. Damit lässt sich auch in Norddeutschland eine erstaunliche Vielfalt an Obst und Gemüse ernten, sodass eine ausgewogene Ernährung in Selbstversorgung möglich ist. Die Voraussetzung dafür ist das Haltbarmachen der Ernte für die Wintermonate und eine ausreichend große Fläche zum Anbau. Um diese zu bewirtschaften fehlt es den meisten Hobbygärtner*innen heute allerdings an Zeit. Durch die Verjüngung der Kleingärtner*innen gibt es vermehrt berufstätige Pächter*innen, die keine Zeit haben, um große Flächen mit über 300 Quadratmetern zu bewirtschaften. Die meisten Pächter*innen schaffen es daher nicht genügend Lebensmittel anzubauen, um sich allein damit zu ernähren. Allerdings gibt es im städtischen Anbau bereits kreative Urban Gardening-Projekte, die eine effektive Alternative zu klassischen Kleingärten bieten. Es bleibt dennoch das Problem, dass nutzbare Flächen in der Großstadt schrumpfen, weil Kleingartensiedlungen durch Wohnungsbau bedroht werden. Auch hier kann der Erfindungsreichtum der Hobbygärtner*innen die Lösung zum Erhalt ihrer Anbauflächen sein: Immer mehr Beete wandern an bisher ungenutzte Orte, wie Balkone, Hausdächer oder in Hinterhöfe. Denn auch wenn Selbstversorgung in der Stadt keinen finanziellen Vorteil mehr bietet und zeitaufwändig ist, ist eines nicht zu unterschätzen: Die Leute haben Freude am Gärtnern. Winfried Prüfert bleibt daher bei seinem Hobby und stellt fest: „Es bringt mir einfach Spaß, und das ist ja sowieso das Wichtigste.“

[spoiler] Historisch bedeutsam – Entwicklung der Kleingärten in Hamburg

Schon im 16. Jahrhundert entstanden in Hamburg städtische Gärten zum Anbau von Gemüse, Obst und Kräutern. Diese waren noch deutlich größer als heutige Kleingärten. Das Format „Heimatkunde“ des NDR fand heraus, dass fast alle Hamburger*innen bis zum Ende des 16. Jahrhunderts Selbstversorger waren. Das Stadtgebiet war damals noch deutlich weniger besiedelt, sodass im Gebiet um die heutige Jacobi-Kirche Lebensmitteln angebaut wurden.

Mit der Industrialisierung und Urbanisierung Hamburgs wuchs die Metropole und die Gärten verschwanden nach und nach aus dem Stadtbild. Zum Ende des 19. Jahrhunderts waren private Grünflächen nur noch den Reichen und Landbewohnern vorbehalten. Doch gerade letztere zogen in großer Zahl in die Stadt und wollten ihr Stück Natur nicht aufgeben. Wilhelm van der Smissen, ein Anwohner des Stadtteils St. Pauli, vermerkte die Beobachtungen erster Kleingärten in seiner Gegend 1908 mit den Worten: „Es handelt sich hier um ganz kleine Flächen […], auf denen sich mittlere und kleine Beamte, Gewerbetreibende und Arbeiter, welche vielleicht die Liebe zur Gartenarbeit aus ihrer ländlichen Heimat mitgebracht haben, ihre Kartoffeln und ihr Gemüse bauen […]“.

Durch die steigende Nachfrage für Stadtgärten entstanden 1903 erste Hamburger Pachtverträge. Während 1907 noch 78 Familien auf 3,6 Hektar gepflanzt hatten, waren es Ende 1921 schon 11.165 Familien auf 455,7 Hektar, fasst der Landesbund der Gartenfreunde in Hamburg den raschen Anstieg in seiner Chronik zusammen. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914 war geprägt von Versorgungsengpässen. Die Stadt erkannte schnell, dass der laienhafte Anbau von Einzelpersonen für die Versorgung der Bürger*innen ebenso bedeutsam war, wie die Landwirtschaft. In koordinierten Fördermaßnahmen bekamen die Kleingärtner*innen Unterstützung von den Profis. Der Ertrag der sogenannten „Kriegsgemüsebauern“ war volkswirtschaftlich gesehen kein Gewinngeschäft, auch da die Ernte in einer Mangelwirtschaft ohne Dünger und entsprechendes Werkzeug nur mäßig ausfiel. Dennoch nehmen Historiker*innen wie Hartwig Stein, der 1977 für seine Doktorarbeit „Inseln im Häusermeer“ der Vergangenheit der Kleingärten in Hamburg auf den Grund ging, an, dass die Effektivität des Anbaus in Kleingärten deutlich höher war als vermutet und das Überleben der Ärmsten sicherte. Mit der Weltwirtschaftskrise 1929 übernahmen Kleingärten erneut die Funktion, das Leben ihrer Pächter*innen zu sichern. Viele von ihnen waren gezwungen illegal in ihre Lauben zu ziehen, was später teilweise legalisiert wurde.

Im zweiten Weltkrieg spielten die Kleingärten vermehrt eine politische Rolle. Sie dienten nicht primär der Selbsthilfe, wie im ersten Weltkrieg, sondern sollten gezielt die Autarkie des NS-Regimes unterstützen und nach außen darstellen. Schon zur Jahreswende 1933/34 definierte der Fachschaftsführer des Reichsbundes, Hermann Steinhaus, die Laubenkolonien nicht mehr „als Erholungsstätten, sondern als deutschen Boden, der dazu beitragen soll, einen großen Teil der deutschen Arbeiter zu Selbstversorgern zu machen“. Heimische Lebensmittel, wie Kartoffeln, Steckrüben oder selbstgemachte Marmelade, fanden wieder auf die Tische. Erneut dienten die Laubenhäuser als Behelfsheime für jene, die ihre Häuser und Wohnungen verloren hatten. Nach Kriegsende fand daher eine systematische Sanierung und Demokratisierung der Kleingärten statt. Doch von da an ging die Zahl der Kleingärten zurück, denn mit dem Aufkommen des Autos und einer zunehmenden Mobilität, genossen es besonders junge Hamburger*innen am Wochenende aufs Land oder an die See zu fahren. In den nächsten Jahrzehnten schlich sich so eine Überalterung in den Vereinen ein.[/spoiler]

 

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