Seite 3/3 Ansätze für neue Themenideen

Unumstrittenes Vorbild: In Norwegen arbeiten die Fischer mit den Behören zusammen (Quelle: Torsten Schäfer)

Unumstrittenes Vorbild: In Norwegen arbeiten die Fischer mit den Behören zusammen (Quelle: Torsten Schäfer)

Aktuelle Themen für Journalisten

Die Aquakultur gehört für Journalisten zu den spannendsten Bereichen des Fischereithemas, hier wird viel geforscht. Aktuell könnte man vor dem Hintergrund des Trends zu regionalen Lebensmitteln der Frage nachgehen, wie die Fischzucht in deutschen Binnengewässern läuft und was künftige Herausforderungen sind; das Thünen-Institut arbeitet dazu intensiv. Andere Fragen betreffen die Zucht der teuren Roten Thunfische und auch die Zusammensetzung des Fischfutters, die offenbar so weit verändert werden kann, dass Raubfische zu Vegetariern werden.  Zu diesen Fragen arbeitet etwa Prof. Dr. Carsten Schulz an der Universität Kiel. Spannend sind auch Ansätze, die Fischzucht in der Stadt propagieren. Mit der wichtiger werdenden Frage der Welternährung wird Fischzucht medial noch wichtiger werden. Auch in Frankreich und anderen Staaten wird geforscht, wie ein Überblick auf GEO.de zeigt.

Ansetzen lässt sich generell bei der Umsetzung der einzelnen Reformelemente in den Mitgliedstaaten, eine Aufgabe, die tiefere Recherchen abverlangt. Generell berichten Medien deutlich weniger über die Umsetzung von EU-Gesetzen als über deren Formulierung und Debatte – was aber lohnenswert ist, gerade in diesem Fall. Denn wie wird das Beifangverbot national realisiert? Wie geht die Fondsverhandlung weiter? Und was bedeutet die Reform für Fischer vor Ort? Die Frage ist für Regionalmedien wichtig. Ein journalistisches Weiterbildungsseminar zur EU-Fischereipolitik zeigte 2012, welche neuen Perspektiven sich in für die Berichterstattung durch den Kontakt mit Fischern (auf Fehmarn) ergeben.

Stärker in die Wissenschaftsberichterstattung geblickt können sich Journalisten auch auf einzelne Arten konzentrieren, die bedroht sind wie etwa Haie (mit ersten Fortschritten etwa in Neuseeland), der europäische Aal oder Roter Thun, wobei dessen Schicksal oft erzählt wurde. Eine wieder politischere Frage scheint besonders interessant: Werden die Quoten in der Verhandlungspraxis wirklich wie geplant an die wissenschaftlichen Empfehlungen angelehnt, oder überarbeitet sie doch nochmals irgendein EU-Gremium?

Bekommt die Wissenschaft mehr Mitsprache?

Forscher und Umweltverbände kritisieren seit Jahren die Vergabe der Fangquoten. Faktisch unterhielt die EU bisher einen fast regelfreien Fischereibasar: Ihre Minister legen am Ende jeden Jahres die Quoten für jeden Mitgliedstaat fest, nach Fischart und getrennt für Ostsee, Nordsee und Nordatlantik. Minister der eher „fischfreundlichen“ Staaten wie etwa Deutschland, Finnland oder Österreich stehen dabei der Gruppe der „fischereifreundlichen“ Länder gegenüber, zu denen traditionell die Mittelmeer-Länder gehören.

Eigentlich ist die Wissenschaft auch bisher schon Teil des Prozesses: Ein Forschergremium – der ICES für den Nordostatlantik – schlägt der EU-Kommission Fangmengen vor. Daraus wird eine Vorlage für die Fischereiminister, die dann verhandeln und oft über die wissenschaftlichen Vorschläge hinausgehen – um 68 Prozent im Schnitt, wie eine Studie für die Jahre 1987 bis 2011 zeigt. Die neue Fischereiverordnung soll diesen Prozess nun zwingend dem wissenschaftlichem Sachverstand unterwerfen. In Ländern wie den USA, Australien und Neuseeland sind die erlaubten Fangmengen schon gesetzlich an die Empfehlungen der Forscher gebunden.

Es lohnt sich, auch bei anderen Regelungen ins Ausland zu schauen; es gibt Analysen wie das EU-Forschungsprojekt Cevis, die zeigen, wo Fische besser „gemanagt“ werden: Neben den USA und Kanada werden immer wieder Neuseeland und Australien genannt, weil Fischer dort ihre Quoten selbst besitzen und handeln. Sie haben Eigentum, das sie pflegen und mitunter auch vererben. Ein Vorteil gegenüber dem EU-System, in dem das Fangrecht an der Gemeinressource Fisch vom Staat vergeben wird, weshalb das direkte Verantwortungsgefühl des Fischers gegenüber dem Fisch kleiner ist als im Handelssystem. Der freie Quoten-Handel führt dazu, dass nur wirtschaftlich gesunde Fischereibetriebe überleben.

Soweit die Theorie. Doch wie kann verhindert werden, dass große Firmen die Quoten aufkaufen und es zu einer massiven Konzentration kommt? Und dabei die kleine Küstenfischerei stirbt? Es gibt die Konzentrationsprozesse, etwa in Neuseeland. Gleichzeitig scheinen dort die Bestände aber auch in besserem Zustand zu sein. Das Thema bleibt umstritten.

Weitgehend unumstritten ist, wen viele als großes Vorbild sehen: Norwegen. Das Land hat auch Quoten eingeführt – und ist zufrieden damit. Ebenso wie mit der Entscheidung, Subventionen größtenteils abzuschaffen. „Unsere Flotte ist jetzt rentabel“, sagte Fischereiministerin Lisbeth Berg-Hansen der FAZ. In Norwegen, sagen Europabeamte, sei eine ganz andere Kultur entstanden, eine der Kooperation und Ehrlichkeit. Fischer rufen von sich aus die Behörden an, wenn sie plötzlich in einem Gebiet nur noch kleine Exemplare fangen. Dann schließt die Küstenwache die Zone. Ein weiterer Grund dafür, dass es den norwegischen Beständen besser geht als den EU-Populationen, deren Zukunft noch ausgehandelt wird.

Erfreuliche Veränderung: In der Ostsee hat sich der Dorschbestand wieder vergrößert (Quelle: thonk25/ CC BY-NC 2.0)

Erfreuliche Veränderung: In der Ostsee hat sich der Dorschbestand wieder vergrößert (Quelle: thonk25/ CC BY-NC 2.0)

Nachhaltigkeit: sichtbare Fortschritte

Trotz aller Defizite und ausstehender Fragen, Fortschritte wurden in den vergangenen Jahren schon erreicht; Europas Fischerei ist nachhaltiger geworden, wie Medien immer wieder berichten. Erfolgsmeldungen wie das „Dorschwunder“ in der Ostsee oder die wieder erstarkte Nordseescholle machen die Runde. Die jüngsten Fangquoten für den Nordostatlantik wurden gelobt. Und  „über 60 Prozent der Bestände in Nordsee und Nordostatlantik würden inzwischen nachhaltig bewirtschaftet“, teilte das Bundeslandwirtschaftsministerium Ende 2013 mit – eine beachtliche Zahl. Bis 2015 werde der Prozentsatz weiter deutlich steigen.

Es lohnt sich, bei den Erfolgsmeldungen genau hinzuschauen und zu fragen, was „nachhaltig“ für die Akteure bedeutet – ein Punkt, der zu jeder guten Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichterstattung dazugehör. Nachhaltige Fischerei hat das Ziel des höchstmöglichen Dauerertrags (MSY, „Maximum Sustainable Yield“), der jedoch umstritten ist und verschieden interpretiert wird. Es kann bedeuten, dass man die sogenannte Mortalitätsrate (FMSY in der Fischereibiologie) verändert, also etwa über Fangquoten festlegt, wie viele Fische noch entnommen werden dürfen. Halten sich Politiker in diesem Sinne an die Empfehlungen ihrer (staatlich finanzierten) Fachgremien, dann erfüllen sie das Kriterium für nachhaltige Fischerei – was die EU-Staaten lange vermieden haben.

Es gibt aber noch ein strengeres Kriterium: die Größe der Biomasse (BMSY) eines Fischbestandes und die Konsequenzen, die sich daraus für die Reproduktionsfähigkeit ergeben. Dieser Faktor hat eine andere, längerfristige Tragweite und ist daher politisch auch schwieriger zu beeinflussen als die Mortalitätsrate. Die Prozesse dauern länger, andere Instrumente sind nötig.  Die Erfolgsmeldungen gehen derzeit auf die Fangrate zurück, also das weniger strenge Kriterium. Der WWF hat die MSY-Unterscheidungen so zusammengefasst:

Der höchstmögliche Dauerertrag – eine wichtige Detailfrage

  • „MSY beziffert die Menge Fisch, die alljährlich und auf lange Sicht einem Bestand entnommen werden kann, ohne dessen Überleben zu gefährden. MSY bezieht sich also auf ein hypothetisches Gleichgewicht zwischen genutztem Bestand und Fischereiaktivität. (…)“
  • „BMSY (Biomasse) – Der höchstmögliche Dauerertrag MSY wird gestützt durch eine stabile Bestandsgröße, die als BMSY bezeichnet wird. Also heißt „MSY erreichen“ die Größe der Fischbestände wieder auf das BMSY-Niveau anwachsen zu lassen, damit jährliche Fänge auf einem nachhaltigen MSY-Niveau überhaupt möglich sind.“
  • „FMSY („fischereiliche Sterblichkeit“) – Fangrate: Während MSY eine Fangmenge und BMSY eine Bestandsgröße (Biomasse) ist, handelt es sich bei FMSY um eine Fangrate, die sich aus dem Verhältnis von MSY und B MSY errechnen lässt. (…) Das Erreichen von FMSY in einer überfischten Fischerei (Biomasse liegt unterhalb von BMSY) bedeutet nicht, dass sich der Bestand innerhalb eines gesetzten Zeitrahmens soweit erholt, dass er den maximalen Dauerertrag MSY liefern kann.“

Solche Unterscheidungen helfen, spontanen Jubel besser einordnen zu können, etwa, wenn Fischereiverbände eine „Nachhaltigkeitswende“ vermelden. Zu bedenken ist zudem (neben dem Abschluss der EU-Reform), dass bei allen Fortschritten

  • die Anzeichen einer nachhaltigeren Fischerei noch jung sind; es gibt noch keine langfristigen Resultate.
  • die zentralen Fehler im EU-System noch existieren. Entscheid ist die Umsetzung der Reform (Gelder, Personal, nationaler Gesetzesvollzug, Einbindung regionaler Akteure)
  • es nur um die erfassten Bestände geht; viele sind es nicht. Und es geht nur um die Speisefische. Rochen und mache Haiarten etwa bleiben außen vor.
  • die Situation regional sehr unterschiedlich ist; im Mittelmeer etwa sind über 80 Prozent der Bestände noch überfischt.
  • der globale Fischkonsum weiter steigt
  • die Aquakultur boomt und die Überfischung auf die Bestände der Futterfische verlagert, wenn sie nicht ökologisch geschieht und keine neuen pflanzlichen Futtermittel gefunden werden.
  • es externe Faktoren gibt, die teils nicht benannt werden, aber zu Erfolgen beitragen wie etwa der Fall Polen: Die Regierung ließ lange illegale Fischerei zu, erst mit dem neuen Premier Tusk gab es schärfere Kontrollen – ein wichtiger Grund für das „Ostseedorsch-Wunder“

Insgesamt scheint es nötig, auch in der Fischereiberichterstattung stärker nationale und regionale, aber auch auf kulturelle und soziale Hintergründe einzugehen, um die Gründe für die bisherige Misere, aber auch die möglichen Lösungswege wie nun die Umsetzung der EU-Reform, besser zu verstehen. Das lässt sich am Beispiel Spanien verdeutlichen, dem mächtigsten Fischereiland der EU, dessen Fischereiindustrie fast 36.000 Menschen beschäftigt.

Spanien ist die Drehscheibe des europäischen Fischereihandels; Großunternehmen wie Pescanova beherrschen den EU-Markt. Und kein Land fischt öfter vor fremden Küsten. Meist ist Spanien an den Fischereiabkommen beteiligt, die die EU vor allem mit afrikanischen Ländern geschlossen hat. Spanische Fischereilobbyisten arbeiten in Brüssel an vorderster Front, und der südeuropäische Staat empfängt auch die meisten Subventionen: Zwischen 2000 und 2006 ging fast die Hälfte der EU-Fischereigelder nach Madrid; von 2007 bis 2013 sind es über eine Milliarde Euro – mehr als doppelt so viel wie jeder andere EU-Staat.

Greenpeace hat 2011 in einer Studie untersucht, wie die Gelder verwendet werden und kommt dabei zu harten Schlüssen. Besonders heben die Umweltschützer die Rolle des galizischen Familienkonzerns Vidal hervor, der von 2002 bis 2009 mehr als 16 Millionen Euro EU-Gelder bekommen haben soll. „Und dies, obwohl er wiederholt Gegenstand internationaler Ermittlungen wegen illegaler, unregulierter oder undokumentierter Fischerei, Fangquotenüberschreitungen oder Fälschung von Fangaufzeichnungen war“, schreibt der Verband. Die spanischen Behörden seien trotz internationalen Drucks tatenlos geblieben.

Historische Vorherrschaft

Die spanische Dominanz zieht sich durch die gesamte Geschichte der EU-Fischereipolitik – angefangen bei dem Sektionschef in der Kommission, den die Spanier nach ihrem EU-Beitritt 1986 direkt feuerten, um eigene Leute zu installieren, bis hin zu einem dänischen Beamten, der 2003 an Plänen zur Reduzierung der EU-Fangflotte arbeitete. Als seine Ideen publik wurden, hatte er sofort mehrere spanische Politiker gegen sich. Es gab einige Telefonate von Madrid nach Brüssel, wie die ZEIT berichtete. Schließlich rief der damalige Premier José María Aznar bei EU-Kommissionspräsident Prodi an. Am nächsten Tag musste der Däne seinen Hut nehmen. Die Aufregung, die geplante Fischereireformen in Spanien, aber auch in Frankreich auslösen, ist aus der Ferne oft nur schwer zu verstehen.

Den großen Widerstand können Studien zur Streik- und Gewerkschaftskultur in Europa erklären: In Spanien und Frankreich ist längst kein so kooperatives Verhältnis zwischen Unternehmen und Arbeitnehmervertretungen entstanden wie im konsensorientierten Deutschland mit all seinen Gesetzen, Gremien und Gruppen für den stillen Interessensausgleich – von Betriebsräten über Flächentarife bis hin zu großen landesweiten Gewerkschaften. In südeuropäischen Ländern fehlen solche Scharniere, ist das Ventil die Straße, wo schnell gestreikt wird. Oder die Häfen, in denen Fischer Fähren an der Ausfahrt hindern oder gleich die ganze Anlage blockieren.

Diese Protestkultur mag die südeuropäische Fischereipolitik und ihre gesellschaftlichen Hintergründe besser erklären – zusammen mit dem Blick darauf, welche Rolle die Fischerei für die Kulturgeschichte der Staaten über Jahrtausende gespielt hat. Und noch bis heute als Tourismusfaktor spielt. Gerade in den Mittelmeerstaaten ist die Fischerei Teil der nationalen Identität – und ein Berufsstand, der das Küstenbild prägt und damit das Bild des Landes selbst. Auch solche vermeintlich randständigen Zusammenhänge spielen in die politischen Verhandlungen der EU-Reform mit ein. Und können für Medien eigene, neue Themen sein, die recherchiert werden können.

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