Mit dem Buch „Die Einkaufsrevolution” startete Tanja Busses Weg in den Umweltjournalismus. Welche Fragen sie heute umtreiben, wie Greta Thunberg sie inspiriert hat und worauf junge Umweltjournalist:innen achten sollten, erzählt Tanja Busse im Interview.

Wie kamen Sie denn eigentlich zum Umweltjournalismus?

Ich habe lange Kultursendungen moderiert und bin dann aber über meine Buchprojekte zum nachhaltigen Konsum und zur Landwirtschaft immer mehr auf das Thema Umwelt gekommen. Es gab aber nicht den einen Tag, an dem ich gesagt habe: „Ab heute Umwelt”, sondern das Thema ist in den Jahrzehnten langsam gewachsen.

Was waren in Ihrer bisherigen Karriere die schwierigsten Situationen, um sich selbst zu motivieren und was machte sie so schwierig? 

Angetrieben hat mich das Gefühl: Da ist was, was nicht gut ist und ich will darüber schreiben. Dass ich motiviert bin, weiterzumachen, war und ist nicht die Frage. Sondern eher: Wie muss man das machen? Ich denke, es muss einen Weg geben, der ein bisschen besser funktioniert als der bisherige und das denken ja viele. Das Schwierigste war bisher, andere zu überzeugen, dass Umwelt und Klima keine Nischenthemen sind. Vielmehr geht es dabei um die existenziellen Grundlagen des menschlichen Überlebens.

Und wodurch motivieren Sie sich immer wieder selbst?

Auf jeden Fall durch Gespräche mit Kolleg:innen, die sich in vergleichbaren Situationen wiederfinden. Und zwar nicht nur journalistische Kolleg:innen, sondern auch Wissenschaftler:innen, denen es ganz ähnlich geht. Ich schätze den Austausch, auch auf einer Ebene jenseits der Arbeit. Dabei geht es beispielsweise um Umstände wie die Fake-News-Ebene, bei der oft Diffamierung mitschwingt. Wie man damit umgeht, dafür ist der gemeinsame Austausch ganz wichtig.

Sie arbeiten seit langem in einem sehr krisenhaften Feld, das immer bedrohlicher wird mit der Arten- und Klimakrise. Wie haben Sie es geschafft, das durchzuhalten und hatten Sie deshalb je den Gedanken, etwas anderes zu machen?

Ich hatte nie den Impuls zu sagen: „Ich höre damit auf, ich schreibe nur noch über leichte, lustige Themen.” Was mich durchhalten lässt, ist das Gefühl: Was wir jetzt vorschlagen, wird sich irgendwann durchsetzen, weil die Fakten so offensichtlich sind. Es wird immer wichtiger, nicht nur die Krise zu beschreiben, sondern auch Lösungen zu liefern. Was mich umtreibt, sind die Fragen: Wie muss man Themen adressieren, damit man mehr Menschen erreichen kann? Damit mehr verstehen, was den Wissenschaftler:innen solche Sorgen macht? Ich glaube, viele Journalist:innen versuchen herauszufinden, wie die Ansprache sein muss, damit es ins Herz dringt, worüber wir schreiben. Das ist bei vielen nämlich noch nicht passiert. Und da habe ich jetzt auch noch keine Antwort.

Tanja Busse, Umweltjournalistin
Foto: Georg Schweisfurth

Meine Kraft kommt aus dem Blick auf die nächste Generation, für die meine Generation die Verantwortung trägt, weil wir die aktuelle katastrophale Situation nicht verhindert haben.

Tanja Busse, Umweltjournalistin

Woraus schöpfen Sie beruflich und persönlich Kraft, um weiterzumachen angesichts der Lage der Erde?

Zwischen beruflicher und persönlicher Kraft kann ich gar keine Trennung vornehmen, weil das für mich komplett verknüpft ist. Meine Kraft kommt aus dem Blick auf die nächste Generation, für die meine Generation die Verantwortung trägt, weil wir die aktuelle katastrophale Situation nicht verhindert haben. Außerdem sammle ich viel Kraft auf Veranstaltungen, bei denen über Transformation und warum sie schon wieder ausbleibt, gesprochen wird. Manchmal sind bei solchen Veranstaltungen Vertreter:innen von Fridays for Future oder ähnlichen Gruppen auf der Bühne. Oft sagen etablierte Expert:innen und Beamt:innen den jungen Menschen: „Ja, das ist so toll, was ihr macht. Ihr rettet das Ding jetzt.“ Das ist auch mein Impuls, doch dabei habe ich ein ganz schlechtes Gefühl: Wir halsen der jungen Generation die Verantwortung für unsere Versäumnisse auf! Schon aus diesem Grund spüre ich die Verpflichtung, weiterzumachen. Motivierend finde ich, was für eine weltweite Bewegung Greta Thunberg ausgelöst hat. Wenn man sich vorstellt,  sie wäre vor ihrem ersten Schulstreik gebremst worden: „Ob du dich vor die Schule setzt und streikst oder in die Klasse gehst, das macht weltgeschichtlich keinen Unterschied.“ Es hat aber einen ganz großen, riesigen Unterschied gemacht, weil die Zeit reif war für eine globale Bewegung für Klimagerechtigkeit. Auch jetzt können wir, glaube ich, weitere soziale Kipppunkte erwarten. Die Frage ist nur, ob das eher destruktiv und gewalttätig wird oder ein gemeinsamer demokratischer, solidarischer Aufbruch. Ich glaube, jeder muss sich klarmachen: Wer sich jetzt resigniert zurückzieht und sich nicht mehr für mehr Klimagerechtigkeit einsetzt, macht sich mitschuldig an den negativen, katastrophalen Folgen, die eintreten, wenn wir nicht handeln. 

Konnten Sie aus Ihrer Erfahrung Schlussfolgerungen ableiten, die Sie jungen Klimajournalist:innen mitgeben würden?

Wir müssen den Leuten die Dringlichkeit der Transformation ganz deutlich machen, aber wir müssen gleichzeitig verhindern, dass die Schreckensnachrichten aus der Wissenschaft demotivieren. Wenn ich immer nur über die Klima- oder Biodiversitätsforschung berichte, die sagt: „Alles wird noch schneller noch schlimmer, als wir bisher angenommen haben“, dann löst das natürlich ein absolut negatives, deprimierendes Gefühl aus. Deshalb ist die psychologische Ebene ganz wichtig. Wirtschaft, Konsum und auch die politischen Prozesse müssen sich stark verändern, wenn die Transformation gelingen soll.  Deshalb muss der Umweltjournalismus vermitteln, wie groß die Bedrohung ist, aber auch, was die Lösungen sein könnten und wie wir sie erreichen könnten. 

Welche zentralen Themen sehen Sie aktuell und zukünftig im Mittelpunkt des Umweltjournalismus?

Ich denke, die Machtfrage ist ganz wichtig. Wo ist Greenwashing? Wo ist wirklich politischer Wille, was zu verändern, auch in den Unternehmen? Die generelle Frage, die ich aktuell habe, ist: Bringt es was? Denn eigentlich gehen alle Diskurse gerade an der entscheidenden Frage der Macht und der Verhinderung vorbei. Die tatsächliche Ebene des Verhinderns derjenigen, die das business as usual auf eine nicht-transparente Art beibehalten wollen, wird nicht ausreichend besprochen. Diese Leute versuchen über Einflussnahme von Entscheidungsträgern, also quasi das Übersetzen von wirtschaftlicher Macht in politische Macht, konkrete Lösungen zu verhindern. Das finde ich gerade demotivierend. Deshalb muss Umweltjournalismus nicht nur Umweltprobleme beschreiben, sondern auch die Machtverhältnisse. Wenn der UN-Generalsekretär Antonio Guterres sagt: „We are on the highway to climate hell” und wir haben den Fuß noch auf dem Gaspedal, dann müssen wir Journalist:innen erstens herausfinden, wer seinen Fuß nicht vom Gaspedal nimmt. Und zweitens, wo wir abbiegen können in eine gute Zukunft. 

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