Seite 4/7 Bei lebendigem Leib eingemauert

Bei lebendigem Leib eingemauert

Katharina Diergarten

Katharina Diergarten, Leiterin des Umweltamtes der Stadt Mörfelden-Walldorf (Bild: Doreen Dormehl)

Fledermäuse leben oft unbemerkt mit dem Menschen unter einem Dach. Das kann zum Problem werden: Im Zuge energetischer Sanierungen kommt es immer wieder vor, dass unwissentlich Fledermäuse bei lebendigen Leib eingemauert werden. Damit macht sich der Hausbesitzer strafbar, da er gegen das Bundesnaturschutzgesetz verstößt. Darin ist festgehalten, dass Fledermäuse vom Aussterben bedrohte Tiere sind und sie und ihre Quartiere damit als besonders schützenswert gelten. Doreen Dormehl sprach mit der Umweltamtsleiterin Katharina Diergarten über fledermausfreundliche Haussanierung

Inwiefern kennen Sie sich mit Fledermäusen aus?

Ich habe angewandte Biogeographie studiert. Das hat viel mit Artenkenntnis von Tieren und Pflanzen zu tun. Während meines Studiums und meiner anschließenden Tätigkeit an der Uni habe ich an einigen Fledermausprojekten mitgearbeitet und kenne mich daher ein wenig mit den kleinen Säugetieren aus.

Welche Aufgaben hat das Umweltamt?

Wir kümmern uns um alles, was mit Umwelt- und Naturschutz in Mörfelden-Walldorf zu tun hat. Dazu gehört zum Beispiel der Forst. Die Stadt besitzt 490 Hektar eigenen Wald, den Hessen-Forst bewirtschaftet. Wir bestimmen aber, wie er bewirtschaftet werden soll. In punkto Fledermäuse zum Beispiel schützen wir Altholzinseln. In alten Baumhöhlen beziehen Fledermäuse ihre Quartiere.

Was unternimmt die Stadt beziehungsweise das Umweltamt aktiv für den Fledermausschutz?

Seit zwei Jahren veranstaltet das Umweltamt verschiedene Kampagnen, in diesem Jahr unter dem Motto „Natur in die Stadt“. In dem Rahmen haben wir Fledermauskästen mit den Bürgern gebaut und sie dabei über die Besonderheiten der verschiedenen Fledermausarten aufgeklärt. Zudem wurde der Forsthof Trebur im Stadtteil „An den Eichen“ letztes Jahr als fledermausfreundliches Haus vom Naturschutzbund ausgezeichnet. Dazu sind wir bestrebt, bei Neubauten und Renovierungen darauf zu achten, dass möglichst auch Unterkünfte für Fledermäuse geschaffen werden.

Woran merke ich, dass ich Fledermäuse bei mir zuhause habe?

Gerade in Häusern ist es so, dass das nur zur Sommerzeit genutzte Quartiere sind. Anhand von Kot- und Urinspuren an der Hausfassade sieht ein Hausbesitzer, ob er einen Fledermausbestand beherbergt. Der Kot ähnelt Mäusekot, ist allerdings trocken und krümeliger.

Was ist das Problem bei Sanierungen, wenn ich mit Fledermäusen unter einem Dach lebe?

Fledermäuse brauchen Ritzen, in die sie sich tagsüber verkriechen können. Manche hängen sich hinter offene Fugen und Holzverkleidungen an Hauswänden, Flachdachkanten, Fensterläden und Windbrettern. Wenn saniert wird, dann aus energetischen Gründen. Das heißt, alle Ritzen, kurz alle Hohlräume werden dicht gemacht. Doch dann haben Fledermäuse keinen Rückzugsort mehr

Wie kann ich denn fledermausfreundlich sanieren oder neubauen?

Der Hausbesitzer könnte gucken, wo er ein freies Eckchen für Fledermäuse lassen könnte. Am Vordach oder der Garage könnte er etwa Ritzen für Fledermäuse frei lassen. Der Spalt muss nicht einmal breit sein – zwei bis drei Zentimeter reichen schon. Zudem ist den Tieren mit künstlichen Quartieren in Form von Fledermauskästen geholfen, die man entweder am Haus oder in Bäumen anbringt.

Wann ist die beste Zeit, um sein Haus zu sanieren?

In der Abwesenheit der Tiere. Als Faustregel kann man sagen, dass von September bis März/April eine gute Zeit ist, um eine Sanierung an einem Sommerquartier vorzunehmen. Da befinden sich Fledermäuse in ihrem Winterquartier. Umgekehrt sollten Bauarbeiten am Winterquartier in der fledermausfreien Zeit zwischen April und September durchgeführt werden.

In Brandenburg gibt es Naturschutz-Sachgutachter. Diese nehmen die zu sanierenden Gebäude strengstens unter die Lupe. Sie inspizieren mit einem Hubwagen zum Beispiel gründlich die Außenfassade und besichtigen Dachböden. Wenn sie ein Quartier finden, bestimmen sie die Art und entscheiden, wie bei der Sanierung Vorgegangen wird. Gibt es so etwas in Hessen ebenfalls?

Nein, so einen Posten gibt es in Hessen nicht. Aber es wäre sinnvoll, solch einen Spezialisten in der Unteren Naturschutzbehörde (UNB) anzusiedeln. Mittlerweile gibt es aber auch Architekten und Bauingenieure, die sich mit der Thematik auskennen und auseinandersetzen. Zudem stehen in diesen Punkt auch die örtlichen Naturschutzverbände einem mit Rat und Tat zur Seite. Außerdem können sich die Bürger auch gerne an uns wenden.

Was raten Sie einem Hausbesitzer, wenn er die Fledermäuse los werden möchte.

Im Prinzip kann ich es nicht verstehen aber nachvollziehen, dass Fledermäuse einem suspekt sind. Sie haben eben mit Vorurteilen zu kämpfen: Als Blutsauger oder Krankheitsüberträger werden sie etwa gesehen. In erster Linie würde ich den Hausbesitzer über Fledermäuse aufklären. Vielleicht erreicht man dann, dass die neuen Fledermausbesitzer sagen:„Meine besten Freunde werden sie nicht, aber schön, dass sie mir die Schnaken wegfressen. Es ist also wirklich eine Ehre, wenn man Fledermäuse beherbergen darf. Falls er sich aber gar nicht einsichtig zeigt, muss er sich bei der UNB eine Genehmigung für die Vertreibung der Fledermäuse einholen. Sein Anliegen wird dann ausführlich geprüft. Wenn er schließlich das Go der UNB hat, darf er das Fledermausquartier zerstören. Er ist aber dazu verpflichtet, einen geeigneten Ersatz zu schaffen. Wer ohne Genehmigung ein Fledermausquartier zerstört, verstößt gegen das Bundesnaturschutzgesetz und muss mit einer Anzeige rechnen.

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