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Für sie steigt er auf die Leiter

Wolf Emmer

Spielerisch führt Wolf Emmer auf der Darmstädter Umweltbörse Kinder an die Fledermäuse und deren Fressgewohnheiten heran. (Bild: Doreen Dormehl)

In der Ferne hört man das Martinshorn. Ärzte und Schwestern machen sich bereit für ihren Notfallpatienten. So auch Wolf Emmer – er ist kein Arzt, eher eine Art Sanitäter. Sein Patient hängt in vier Meter Höhe an der Krankenhausfassade und bewegt sich nicht. Obwohl er das kleine schwarze Fellknäuel mit einem Zollstock vorsichtig piekt, regt es sich nicht. Eigentlich müsste der kleine Patient zischen und fauchen, doch er bleibt regungslos sitzen. Der Patient ist eine Fledermaus, die den Trubel des hektischen Krankenhausalltags normalerweise meidet.

Nach Angaben des Krankenhauspersonals sitzt die Fledermaus bereits seit zwei Tagen bei Sonne und Regen an der gleichen Stelle. Auf einer Leiter steigt Emmer zu seinem kleinen Patienten hinauf – und sieht eine Zweifarbfledermaus. Vorsichtig hält er eine Rettungsbox über sie und schiebt sie mit einem Stück Karton in die Box – geschafft. Wieder am Boden, untersucht Emmer die Fledermaus vor Ort auf Verletzungen. Sein Resultat: Eigentlich müsste es ihr gut gehen, da keine äußeren Verletzungen zu finden sind. Aber sie fliegt nicht. „Zweifarbfledermäuse lagern leicht Wasser im Körper ein, dadurch werden sie flugunfähig und verfallen in eine lethargische Starre. Das kann zum Tod führen“, erklärt der Walldorfer.

In einer kleinen, schwarzen Erste-Hilfe-Box im Kofferraum hält Emmer alles für einen Fledermausnotfall bereit: Handschuhe, Pipetten und einen ausziehbaren Spiegel; außerdem hat er immer eine Transportbox dabei. Emmer ist der Ansprechpartner für Fledermausnotfälle im Kreis Groß- Gerau. Ihn kann man kontaktieren, wenn man eine verletzte Fledermaus findet. Seine Leidenschaft für die kleinen Säugetiere entbrannte vor etwa 15 Jahren.

Emmer ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Fledermausschutz (AGF), einer Untergruppierung des Naturschutzbund (Nabu), sowie des Vereins Fledermausschutz Südhessen (FSS).

Der Verein Fledermausschutz Südhessen ist ein Zusammenschluss aus rund 50 engagierten Fledermausschützern in ganz Südhessen und wurde m Februar 2002 in Darmstadt gegründet. Das große Ziel ist, mit Vertretern der Naturschutzbehörden einen einheitlichen Weg für ein ledermausfreundliches Südhessen zu entwickeln. Der Verein arbeitet eng mit dem Nabu und der AGF in Hessen zusammen. In erster Linie wollen diese den Fledermausschutz vorantreiben. Zudem bilden sie Fledermauspfleger wie Wolf Emmer aus, der verletzte Fledermäuse einfängt und aufpäppelt. Eine große Aufgabe ist auch, die Öffentlichkeit für die kleinen Nachtjäger zu sensibilisieren.

„Das Bild der Fledermaus ist in den Köpfen der Menschen eher negativ besetzt. Wir versuchen da Abhilfe zu schaffen, in dem wir Exkursionen, Projekttage in Schulen und Vorträge veranstalten oder auf Messen wie diese gehen“, sagt Dirk Diehl, während er ein Mikroskop aufbaut. Der Biologe, Vorsitzender des FSS, ist zusammen mit Mitgliedern des Vereins mit einem Stand auf der Darmstädter Umweltbörse vertreten. Viele Kinder kommen an den Stand, bestaunen eine ausgestopfte Fledermaus oder betrachten unterm Mikroskop verschiedene Insekten, die auf der Speisekarte der Nachtjäger stehen.

Mit solchen Aktionen versucht der FSS Vorurteile abzubauen. Aber auch eine beratende Funktion nimmt der Verein wahr. „Wenn es irgendwo ein Problem mit Fledermäusen gibt, sind wir der richtige Ansprechpartner“, so der Biologe. Er sieht sich als Vermittler zwischen Fledermaus und Mensch. Bereits in der Kindheit begeisterte er sich für die kleinen Säuger. In den 1980er Jahren sanken die Fledermausbestände auf einen Tiefstand. Da müsse er etwas tun, dachte sich Diehl – und so widmete er sich den Fledermäusen. „Wenn man so einen Pflegling in der Hand sitzen hat, ist das schon extrem suchtgefährdend“, versucht er seine Leidenschaft zu erklären.

In Südhessen sind etwa 19 von 22 in Deutschland heimischen Arten ansässig. Die Tendenz sei sogar steigend, da zum einen immer neue Arten entdeckt werden und zum anderen der Klimawandel bewirkt, dass nichtheimische Fledermäuse in die hessischen Gefilde kommen, so etwa die Langflügelfledermaus. Diese ist eher in Südeuropa heimisch.

Die Mitglieder des FSS betreiben selbst Forschung. Mit der Ortung von Fledermäusen, kartieren sie das Vorkommen einzelner Fledermausarten. Zudem betreuen sie Quartiere, kontrollieren und überprüfen sie. Sie nehmen Verbesserungen an verwaisten Quartieren vor und kontrollieren in regelmäßigen Abständen, ob diese wieder besiedelt wurden. Zudem unterstützen sie Forschungseinrichtungen wie das Senckenberg Institut in Frankfurt. Erst in diesem Jahr haben sie gemeinsam mit einem Forschungsteam die Fledermausfauna in der Grube Messel erfasst.

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